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Kunst | Dezember 2018 | von Peter Frömmig

Ausstellung „Ekstase“ im Kunstmuseum Stuttgart

Entfesselung der Sinne

Schon immer fanden die Menschen Mittel und Wege, um in der Ekstase das Bewusstsein zu erweitern und transzendente Erfahrungen zu machen. Eine Auswahl künstlerischer Ausdrücke davon sind bis Ende Februar im Kunstmuseum Stuttgart ausgestellt.

Das menschliche Verlangen, über seine eigenen Grenzen hinaus zu gehen, hat in der gesamten Kulturgeschichte Spuren hinterlassen und gerade in der Kunst seit jeher einen Ausdruck gesucht. Gezeigt wird das hier an Beispielen von der Antike bis heute, von Darstellungen auf griechischen Vasen bis zu neuesten Kunstformen. Eine gewaltige Spanne, die mit dieser außergewöhnlichen Ausstellung umfasst ist.

Ihr thematisches Spektrum reicht über zeitliche und geographische Grenzen hinweg. Und doch scheinen die Schritte vom dionysischen Kult zur mittelalterlichen Mystik, von den Ekstasen des Tanzes, der Musik und des Sexuellen bis in die Gegenwart, gar nicht so weit. Formen der Ekstase finden sich heute in der Jugendkultur und bei Sport-ereignissen, wo der Einzelne in der Gruppe, mit der er sich identifiziert, aufgehen kann. Im frenetischen Jubel der Massen, ob beim Rockkonzert oder beim Sport, wird das Außer-sich-Sein erfahrbar.

Alle Erscheinungen von Ekstase bewegen sich immer auf dem schmalen Grad zwischen Ordnung und Anarchie. Daher sind die Ambivalenzen dieses Phänomens zu allen Zeiten unterschiedlich definiert, bewertet und eingeschränkt worden. Durch kultische und religiöse Riten konnte das ekstatische Verlangen der Menschen seit dem Altertum kanalisiert werden.

Freilich hat es Vorbehalte gegenüber aus der Norm fallenden Individuen und Gruppen immer gegeben. Aber in einer Gesellschaft wie der unseren, der es zuallererst um die Verwirklichung kapitalistischer Ideale wie maximale Effizienz, Gewinnoptimierung und Wachstum geht, stellt alles, was das Funktionieren, den Ablauf der Produktion und des Zusammenlebens beieinträchtigen könnte, eine Bedrohung dar. Andererseits ist es eine Eigenheit der kapitalistischen Gesellschaft, selbst die Subkultur für kommerzielle Zwecke zu vereinnahmen, aus diesem Grund auch zu dulden.

Exzess und Askese

Überraschend deckungsgleich zeigen sich in der Kunst Exzess und Askese. Das wird genauso deutlich in Darstellungen dionysischer Trunkenheit wie im Ausdruck religiösen Verzückens, ein Motiv, das vom Mittelalter an zur Königsdisziplin in der Malerei wurde.

Der in den Nacken geworfene Kopf bei himmelwärts gerichtetem, verklärtem Blick auf den Gemälden der Renaissance und des Barock erscheint nicht anders als der beim Orgasmus, wie in der zeitgenössischen Malerei von Marlene Dumas und den „Headshots“ der Fotografin Aura Rosenberg zu sehen.

In dem Film über den Rockmusiker Freddy Mercury, der neulich in die Kinos gekommen ist, fällt auf, dass er in seinem Gesang die Pose des zurückgeworfenen Kopfes exakt an den musikalischen Höhepunkten einsetzt. Bei den rauschhaften Bühnenauftritten Jim Morrisons („Ligth My Fire“) von der Band „Doors“ war das Dionysische im Reinformat zu erleben, wobei der Leadsänger mit seinen simulierten sexuellen Handlungen die Grenzen des Erlaubten weit übertrat. Auch daran kann man hier erinnert werden.

Das Streben nach übersteigertem Glückgefühl, einer Überhöhung des Erlebens ist epochenübergreifend und in allen Kulturen festzustellen. Im Zustand der Ekstase, in den unterschiedlichen Bereichen von Religion und Okkultismus werden physische sowie mentale Grenzen gesprengt, wodurch es zur Entfesselung aller Sinne kommt. Die in der Erregung stimulierten Gehirnwellen lösen biochemische Prozesse aus, die zur Ausschüttung von Endorphinen führt.

Ekstatische Verfassungen des Bewusstseins können zudem durch die Einnahme von Drogen erreicht oder gesteigert werden. Auf viele Künstlerinnen und Künstler, die versuchten, gesellschaftliche Konventionen zu überwinden, neue Bewusstseinsebenen zugunsten des Schaffensprozesses zu erreichen, übte das Experiment mit Drogen einen Reiz aus. Die Erfahrung aller Höhen und Tiefen dabei ist existentiell. Seit jeher geschieht Kunst zuerst im Kopf, im Kunstwerk findet es seinen Niederschlag. Und im Betrachter einen Nachklang.

Nach dem Modegetränk Absinth, war der Opium-, Haschisch- und Meskalinrausch unter den Avantgardisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts en vogue. Seit den 1950er Jahren haben psychedelische, chemisch hergestellte Drogen wie LSD Einfluss auf das künstlerische Schaffen, was sich in der Psychedelischen Kunst der 1960er und 1970er Jahre ausgewirkt hat. Der Rausch verursacht eine radikale Verdichtung von Emotionen, führt zu Euphorien, aber auch zu schmerzlichen Erfahrungen. Dieses Risiko einzugehen, setzt die Bereitwilligkeit des Einzelnen voraus, ist eine Frage von persönlicher Einschätzung, von persönlichem Empfinden. Keiner kann zur Ekstase, zu Trance und Rauschzuständen gezwungen, wohl aber dazu verführt werden.

Kokain wurde in den 1980er Jahren zur „Designerdroge“, die Techno-Szene entdeckte für sich „Ecstasy“ (das englische Wort für Ekstase) zur Steigerung von Partylaune und beim Rave. Das englische Wort Rave (es bedeutet soviel wie „schwärmen, rasen, toben, phantasieren“) wurde während der Acid-House-Bewegung, ab dem Second Summer of Love von 1989, zum Begriff für Tanzveranstaltungen mit elektronischer Musik.

Einen Begriff davon, was Lichteffekte bei extremer Intensität bewirken können, bekommt man durch Carsten Höllers Installation „Light Wall“, konzipiert für den musealen Raum und gleich zu Beginn der Ausstellung zu testen. Das ununterbrochene Blinken von Glühbirnen in einer Frequenz zwischen 7 und 12 Hertz ist eine Herausforderung für Nerven und Sinne. Wer sich darauf einlässt, soll „optische und akustische Halluzinationen“ erfahren können, heißt es.

In der Tat ist man sofort „weg“, wenn man hinter den Vorhang tritt, hineingerissen in einen andern, schwer zu beschreibenden Zustand, durch den alles Vorhergehende ausgeblendet wird. Die Reaktionen auf dieses Werk sollen sehr unterschiedlich sein: vom jähen Kopfweh mit Fluchtreflexen bis zur schrillen Erheiterung, von meditierendem Verweilen bis zu ausgelassenem Tanzen.

Tanz und Musik

Im ekstatischen Erleben spielten akustische Reize immer eine große Rolle: von der Buschtrommel bis zum Elektrobeat, verbunden mit dem Tanzen bei äußerster körperlicher Verausgabung. Die Aktionskünstlerin Marina Abramovic tanzte für ihre Videoarbeit „Freeing the Body“ in den 1970er Jahren nackt und bis zur Erschöpfung zu afrikanischen Trommelrhythmen.

Auf Videos zu sehen sind auch Performances von Joseph Beuys, der sich wie Abramovic einem archaischen Schamanismus nähert, einem vielschichtigen Komplex von Vorstellung und Handlung. Die Figur des Schamanen, der außer sich und also in Ekstase gerät, um mit den Geistern zu kommunizieren, war immer Mittelpunkt des Rituals.

Ayrson Heráclito vermittelt durch seine Installation „Entre Terra e Mar“ ein ethnologisches, außereuropäisches Beispiel ritueller Handlungen. Der Künstler gestaltete einen gesamten Ausstellungsraum zur Darstellung des Candomblé, einer nur mündlich überlieferten, afrobrasilianischen, auf Naturgottheiten bezogene Religion. Im Zentrum des Candomblé stehen die Besessenheitsfeste. Durch Trommelrhythmen, Gesänge und Tänze kommt es zu ekstatischen Grenzerfahrungen, zu Begegnungen mit höheren Mächten, mit deren Beistand Krankheit, Alter und Tod beschworen werden.

Das entfesselte Tanzen gehört demnach zu den kultur- und epocheübergreifenden Praktiken, um in Ekstase zu geraten. Das trifft gleichermaßen auf die Tänze der Derwische und die mittelalterliche Tanzwut, wie auch auf die heutige Techno- und Ravekultur zu. Körper und Geist werden gleichzeitig in Bewegung gebracht, um schließlich in der Übersteigerung Selbstentgrenzung zu erfahren.

Einfluss auf den Ausdruckstanz, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufkam, hatte der Philosoph Friedrich Nietzsche („Jenseits von Gut und Böse“). Das Appolinische und das Dyonische, also das Maßvolle und das Entfesselte, definierte er als die beiden Pole menschlicher Existenz. Im dionysischen Ausdruck sah Nietzsche die Möglichkeit zur Versöhnung von Mensch und Natur. Diese Ansicht hatte auch eine enorme Wirkung auf Künstler der klassischen Moderne, die sich wiederum vom Ausdruckstanz der Protagonistinnen Isadora Duncan, Mary Wigman, Gret Palucca und Anita Berber inspirieren ließen. Auf den expressiven Gemälden von Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, Ferdinand Hodler und anderen ist das zu sehen. Historische Filmaufnahmen von den Tänzerinnen sind den Bildern gegenüber gestellt.

Wie das alles bis in die heutige Jugendkultur fortwirkt und immer neue Formen annimmt, lässt sich faszinierend verfolgen. Rineka Dijkstra zeigt mit ihrer Vierkanal-Videoinstallation „The Krazyhouse“, auf die vier Wände eines Raums projiziert, die Tanzrituale von Jugendlichen in dem bekannten Liverpooler Club. Was die jungen Leute in ihrer Neugier, Unerschrockenheit und Impulsivität zusammenführt, ist eine Verheißung. Ein Verlangen, das Loslassen zu erproben und den Ausnahmezustand zu wagen, auszubrechen aus dem Alltag mit seinen Einschränkungen und Reglements. Und das oftmals mit allen Mitteln und Risiken, die der Drogenrausch mit sich bringt.

Die Faszination für Bewusstseinserweiterung birgt immer auch die Gefahr einer Realitätsflucht, aus der es manchmal kein Zurück gibt. In der Ausstellung beschäftigen sich einige zeitgenössischer Künstler mit diesen Ambivalenzen. Das gesellschaftliche Schwanken zwischen Verklärung und Kritik, Kriminalisierung und Liberalisierung hält weiterhin an. Genauso wie der menschliche Drang, aus Normen und Fesseln auszubrechen, ein helleres Leuchten zu sehen und sich selbst bis ins Tiefinnerste zu spüren.

Ein Angebot, die Ausstellung ausklingen zu lassen, in eine mögliche rauschhafte Selbstvergessenheit abzutauchen, bietet die Klang- und Lichtinstallation „Dream House“, die die gesamte dritte Ausstellungsetage einnimmt. Die Komposition von La Monte Young, die als ein bedeutendes Musikwerk des 20 Jahrhunderts gilt, verbindet sich mit Farbprojektionen von Marian Zazeelas zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk.

Bevor der Meditations- und Erlebnisraum betreten werden kann, müssen die Schuhe ausgezogen werden. Ein weißer weicher Teppich spannt sich über die gesamte Fläche, alles ist eingefärbt durch ein samtiges warmes Licht, das durch große Glastüren fällt. Hier kann man entspannt schreiten oder liegen, sich den raumübergreifenden, durchdringenden Sinuswellen der Musik hingeben oder sie durch die Gehbewegung zu beeinflussen und verändert wahrzunehmen, wie auch die zarten Schatten der Objekte an den Wänden.

An dieser facettenreichen Ausstellung mit 270 Werken von 71 Künstlerinnen und Künstlern überzeugt alles, vom Konzept bis zur Ausführung. Die Gliederung ist einleuchtend, die Übergänge fließend, die Engführungen und räumlichen Erweiterungen körperlich erfahrbar. Zu verdanken ist diese fulminante Schau den Kuratoren Ulrike Groos, Anne Vieth und Markus Müller. Sie haben mit ihrer konzentrierten Auswahl von Exponaten zur Bedeutungsgeschichte der Ekstase, sowohl aus künstlerischer als auch kulturhistorischer Perspektive, zu einer großen Erhellung beigetragen.

Was: Ausstellung „Ekstase“
Wann: bis 24. Februar 2019. Di-So 10-18 Uhr, Fr 10-21 Uhr
Wo: Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schloßplatz 1, 70173 Stuttgart
Web: www.kunstmuseum-stuttgart.de