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Interview | Dezember 2018 | von Janine Böhm

Auf dem Landweg nach New York

Im Gespräch: Anne Knödler vom Künstlerkollektiv Leavinghomefunktion

Das fünfköpfige Künstlerkollektiv Leavinghomefunktion fuhr mit alten Ural-Motorrädern nach New York – und kämpfte unterwegs gegen das Wetter, sibirische Tigermücken und russische Technik. Janine Böhm sprach mit Anne Knödler über das zweieinhalb Jahre dauernde Abenteuer, von dem das Kollektiv auf dem 16. Mundologia-Festival im Konzerthaus Freiburg berichtet.

© Leavinghomefunktion

Anne Knödler vom Kollektiv Leavinghomefunktion neben einer der alten Ural-Maschinen, mit dem die Gruppe nach New York fuhr.

Kultur Joker: Ihr habt an verschiedenen Kunsthochschulen studiert. Wo habt Ihr Euch kennen gelernt?

Anne Knödler: Elisabeth, Johannes und ich haben in Halle an der Saale Bildhauerei studiert, Kaupo an der Estonian Academy Of Arts in Tallinn. Er hat ein Auslandssemester in Halle gemacht, wo wir ihn kennen gelernt haben. Und Efy hat Bildende Künste an der Notthingham Trent University in Großbritannien studiert. Efy sind wir in Rotterdam in einer Künstleresidenz zum ersten Mal begegnet. Wir haben ihr erzählt, dass wir ein Projekt vorhaben und Richtung Osten fahren. Sie war zu dem Zeitpunkt seit sechs Jahren nicht zuhause gewesen, wollte bis in die Türkei mitreisen und von da aus weiter in ihre Heimat Zypern. Sie ist aus dem Beiwagen jedoch nie ausgestiegen.

Kultur Joker: Wie hat sich die Idee, über den Osten nach New York zu reisen, entwickelt?

Anne Knödler:
Die fundamentale Idee war, die Mauern der Kunsthochschule und die extreme Blase, in der wir lebten, zu verlassen. Wir wollten Infos nicht mehr nur aus den Medien bekommen, sondern die Welt mit eigenen Augen sehen. Für den Weg nach Osten haben wir uns entschieden, weil es die längste Landmasse ist, die man durchqueren kann. Auch hat die Schwester von Johannes in Kanada gelebt. Er wollte sie besuchen, jedoch nicht fliegen. Wir haben verschiedene Ideen durchgespielt und dann ein Projekt daraus gemacht.

Kultur Joker: Warum habt Ihr Euch für die Ural-Motorräder als Transportmittel entschieden?

Anne Knödler:
Wir besaßen damals alle keinen Motorradführerschein, den haben wir erst kurz vor der Abreise gemacht. Wir hatten auch noch nie ein Motorrad oder ein Auto repariert, vielleicht Kühlflüssigkeit nachgefüllt, das war es dann aber schon. Elisabeth und Johannes fuhren jedoch mal mit dem Moped Richtung Indien, dadurch hatte sich ein Motorrad affiner Bekanntenkreis entwickelt. Die hatten uns empfohlen, mit der Ural zu fahren, weil man die sehr gut reparieren könne. Die Ural seien zudem unheimliche Magnete und Sympathieträger.

Kultur Joker: Wie seid Ihr auf den Namen Leavinghomefunktion gekommen?

Anne Knödler: Das ist eine Funktion aus der Autoindustrie, die den Fahrer sicher vom Haus zum Auto führen will, indem beim Öffnen des Fahrzeugs mit der Fernbedienung auch das Standlicht aktiviert wird. Wir haben das wortwörtlich genommen: Das Zuhause und damit die Komfortzone verlassen.

Kultur Joker:
Wo habt Ihr unterwegs geschlafen?

Anne Knödler: Wir wollten relativ unabhängig sein und hatten deshalb ein Tarp mitgenommen, eine sehr robuste Zeltplane ohne Wände. Wir wollten keine Zelte, weil wir unter einem Dach schlafen und eine Grüppchenbildung vermeiden wollten. Unser Tarp hat 25 Quadratmeter Fläche. Wir hatten Folie und Schaffelle als Unterlage dabei. Natürlich auch Moskitonetze, die sind in Russland unentbehrlich. Die fehlenden Wände machen das Tarp sehr kommunikationsfreundlich. Man kann sich einfach dazusetzen, ohne in ein Zelt hineinkriechen zu müssen.

Kultur Joker: Und Euch war immer ausreichend warm?

Anne Knödler: Dafür sorgten Polarschlafsäcke und Thermo-Unterwäsche. Wir sind auch nie im Winter gefahren, sondern haben uns in der Zeit niedergelassen und Wintercamps eingerichtet. Das erste haben wir nach 5000 Kilometern in Georgien aufgeschlagen, das zweite in Kanada. Bei minus 40, minus 50 Grad in Russland mit der Ural unterwegs zu sein, wäre fahrlässig gewesen und keine Option für uns.

© Leavinghomefunktion

Zeltlager in der Steppe.

Kultur Joker: Ihr ward zweieinhalb Jahre unterwegs. Eine lange Zeit.

Anne Knödler: Die verging so schnell. Wir sind alle keine Heimweh-Typen. Und da wir uns schon länger kannten, waren wir uns eine gute Gesellschaft. Teilweise haben uns auch unsere Eltern besucht. Die wollten sich anschauen, wie wir unterwegs sind und sind ein Stück mitgereist.

Kultur Joker: Habt Ihr unterwegs etwas vermisst?

Anne Knödler: Brot haben wir definitiv vermisst. Manchmal auch eine Tür, die man zumachen kann.

Kultur Joker: Gab es Konflikte?

Anne Knödler: Ja natürlich. Das ging bei den kleinen Dingen los, zum Beispiel bei der Frage, wie viele Dosen Fleisch am Abend ins Essen reinkommen. Die große Enttäuschung, als wir wegen schlechter Wetterbedingungen nicht über die Beringstraße konnten, sondern kapitulieren mussten, hat ebenfalls zu Konflikten geführt. Wir sind uns dann erstmal zwei Tage aus dem Weg gegangen. Die Unstimmigkeiten haben sich aber immer wieder aufgelöst. Wir verstehen uns nach wie vor gut und wohnen auch alle fünf zusammen.

Kultur Joker: Wie habt Ihr die Route geplant?

Anne Knödler: Wir wussten, für welche Länder wir welche Visa bekommen können, wie lange wir dort bleiben durften und wo wir unser Winterlager aufschlagen wollten. So hat sich die Route herauskristallisiert. Die Motorräder sind wahnsinnig langsam, deshalb haben wir einen direkten Weg geplant. In Kasachstan hat uns dann ein LKW das Navigationssystem überfahren. Weil wir keine Karten bekamen, mussten wir uns von Dorf zu Dorf durchfragen.

Kultur Joker: Ihr wolltet auf dem Wasserweg mit den zu Wasserfahrzeugen umgebauten Uralgespannen über die Beringstraße, musstet den Plan jedoch aufgeben. Warum?

Anne Knödler: Wir sind 2015 bis nach Russland gefahren. Wir wussten nicht genau, wie weit wir kommen, bevor der Winter einbricht oder uns das Geld ausgeht. Kanada war sozusagen unser Notplan. Wir haben dann die Motorräder nach Ancorache, Alsaska verschifft und sind ins Wintercamp rübergeflogen. Im Juni 2016 ging es zurück nach Russland, wo wir uns für je 200 Euro vier weitere Ural Motorräder gekauft haben. Mit Visa für 90 Tage in der Tasche haben wir die Reise fortgesetzt. Wir wollten mit den Ural den Kolyma-Fluss befahren und haben sie dafür auf Pontons gesetzt und eine Propellerkonstruktion an das Getriebe montiert. Damit ging es dann über 1600 Kilometer auf dem Wasser, Richtung Arktischer Ozean nach Tschukotka.

Kultur Joker: Konntet Ihr euch nicht einfach treiben lassen?

Anne Knödler: Das hätte wegen der vielen Seitenströmungen nicht funktioniert. Der Fluss ist wie ein großes Labyrinth, wir mussten gegensteuern. Anschließend ging es auf dem Landweg nach Bilibino, wo uns extreme Regenfälle an der Weiterreise gehindert haben. Eine Ausgangssperre wurde verhängt, wir konnten die Stadt für drei Wochen nicht verlassen. Danach sind wir noch etwa 200 Kilometer weiter gefahren, in die offene Tundra. Die Zeit wurde jedoch knapp, die Visa liefen ab, sodass wir 1000 Kilometer vor der Beringstraße unsere Pläne ändern mussten.

Kultur Joker: Wie ging es weiter?

Anne Knödler: Wir sind mit einer kleinen Propellermaschine nach Alaska geflogen. Wir besaßen ja mittlerweile zwei Sets an Motorrädern, unser erstes, mit dem wir in Halle gestartet waren, hatten wir in Nordamerika bei einem Ural-Händler eingelagert. Das zweite blieb in Russland. Die stehen auch jetzt noch in Tschukotka in einem Container. Sollte irgendjemand mit denen weiterfahren wollen, kann er uns gerne kontaktieren.

Kultur Joker: Was war für Dich das eindrücklichste Erlebnis unterwegs?

Anne Knödler: Für mich war das die Zeit an dem mächtigen Fluss – der Kolyma ist an der Mündung vier Kilometer breit. Die Polarnächte dort werden im Sommer nicht dunkel. Zu sehen, wie der Permafrost taut, Abhänge ins Wasser krachen und 100.000 Jahre alte Knochen freigeben, war sehr eindrücklich. Die Menschen dort haben uns das gezeigt, Mammutstoßzähne, Knochen von Pferden. Man ist dort am Ende der Welt, alles ist so archaisch und angenehm einfach. Sehr faszinierend. Die Menschen schauen viel mehr aufeinander, übernehmen extreme Verantwortung füreinander. Das mochte ich immer sehr in Russland.

© Leavinghomefunktion

Gruppenfoto mit Motorrädern: Das fünfköpfige Leavinghomefunktion-Kollektiv.

Kultur Joker: Gab es unterwegs auch gefährliche Situationen?

Anne Knödler: Naja, Johannes hat sich in Kanada beim Holz machen mitten in der Pampa mit der Axt ins Bein gehackt. Glücklicherweise hat er nicht das Kreuzband erwischt oder die Kniescheibe. Wir hatten ein Erste-Hilfe-Set der deutschen Bundeswehr dabei. Ich hatte mich damit schon vorher beschäftigt und habe die Wunde genäht. Für Notfälle hatten wir alles mit, ein Set zum Intubieren, starke Schmerzmittel zum Spritzen, Antibiotika, Mittel gegen einen Allergieschock, Material für große Brandverletzungen.

Kultur Joker: Und woher wusstest Du, wie man eine Wunde näht?

Anne Knödler: In Kanada hatten wir Work and Travel Visa, und ich habe da eine Metzgerei geleitet. Meine Erfahrungen dort waren nützlich. Ich habe seine Wunde richtig desinfiziert, anschließend genäht und steril verbunden. Am nächsten Tag kam ein Freund von uns 400 Kilometer gefahren, hat ihn abgeholt und ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte dort meinten, es sehe alles wunderbar aus, die Wunde hat sich nicht entzündet.

Kultur Joker: Er hat Glück gehabt.

Anne Knödler: Das war nicht das einzige Mal. Johannes hatte auch auf der Straße einen Unfall. Ein Motorradfahrer ist ihm beim Linksabbiegen reingefahren.
Sein Motorrad hat sich samt Beiwagen, in dem Efy saß, überschlagen. Sein Bein war vom Knie bis zum Knöchel offen, weil er eine kurze Hose anhatte. Da habe ich mich auch um die Wundversorgung gekümmert. Wir hatten immer eine kleine Flasche Wodka im Verbandskasten, denn wenn einer einen Unfall hatte, hatten alle anderen einen Schock. Auf dem Fluss hatten wir ein Satellitentelefon dabei. Es wäre dennoch schwer gewesen, jemanden mit dem Auto dort herauszuholen, da hätte ein Hubschrauber kommen müssen. Auf so einen Fall wollte ich vorbereitet sein. Wir haben versucht vorausschauend zu handeln. Ich glaube jedoch, wir hatten oft mehr Glück als Verstand.

Kultur Joker: Wie schnell seid Ihr unterwegs gewesen, und wie groß waren die Strecken, die Ihr pro Tag zurückgelegt habt?

Anne Knödler: Empfehlenswert sind maximal 75 km/h. Unser Rekord auf der ganzen Reise lag bei 420 Kilometern an einem Tag. Es gab auch Tage, an denen wir nur einen Kilometer gefahren sind, weil wir so kaputt waren, oder weil wir nur auf die andere Seite eines Flusses gelangen wollten.

Kultur Joker: Und bei Pannen habt Ihr einfach bei jemandem geklingelt und um Hilfe gebeten?

Anne Knödler: Zumeist hatten wir alles Nötige selbst dabei. Oft sind uns die Leute entgegengelaufen und haben ihre Ersatzteile vor uns ausgebreitet, auch weil sie das Zeug loswerden wollten, denn in Russland fährt heute kaum noch jemand eine Ural. So eine Panne dauerte meist eine Weile. Die Menschen haben sich einfach dazugesetzt, wollten helfen oder haben gesagt, wie sie den Vergaser einstellen würden. Man kommt unkompliziert ins Gespräch.

© Leavinghomefunktion

Bei Pannen musste das Kollektiv selbst Hand anlegen.

Kultur Joker: Wie habt Ihr Euch verständigt?

Anne Knödler: Ich spreche Russisch, hatte das schon in der Schule, man lernt das aber auch schnell auf der Reise. Ich habe mich auch um das ganze Organisatorische gekümmert. Die Russen sind sehr geduldig und erklären einem etwas so lange, bis man es verstanden hat. Ich kann zudem Türkisch. In der Mongolei haben wir uns mit Händen und Füßen und ansonsten auf Englisch verständigt.

Kultur Joker: Wie war Eure Ankunft in New York?

Anne Knödler: Wir sind Ende Januar 2017 angekommen. Das war ziemlich schräg. In Russland klang es lächerlich, wenn wir gesagt haben, wir wollen nach New York, die Leute haben uns dann so ungläubig angeschaut. Deshalb haben wir irgendwann einfach die nächstgrößere Stadt genannt. Als wir in Amerika waren, kam das Ende immer näher. Wir haben schöne Off Road Wege gesucht, weil wir nicht nur Highway fahren wollten. Irgendwann stand New York auf den Straßenschildern. Als wir da waren, gab es schon die nächsten Ziele. Wir hatten den Flug nach Hause gebucht, wollten das ganze Material verarbeiten und daraus etwas machen. Wir waren eine knappe Woche dort und wurden von den lokalen Motorradfahrern extrem gut aufgenommen. Mit den Karren durch Downtown Manhattan zu fahren, war wie im Film.

Kultur Joker: Hattet Ihr vorher Kontakt zu einem Motorradclub aufgenommen?

Anne Knödler: Nein. Das lief über Facebook und Empfehlungen. Das ist ganz anders in Russland, wo alles über den Buschfunk geht. In den Staaten haben sich die Leute bei uns gemeldet, wollten uns helfen und boten an, eine Unterkunft zu organisieren. Eine Motorradwerkstatt in Brooklyn hat eine Präsentation organisiert. Das war unsere erste offizielle Vortragsveranstaltung.

Kultur Joker: Euer Buch „Auf dem Landweg nach New York“ erscheint im Karren Verlag und geht Mitte Dezember in den Druck.

Anne Knödler: Ja, daneben arbeiten wir an einem Film. Wir haben zehn Terabyte Filmmaterial mitgebracht. Unterwegs haben wir außerdem gezeichnet, geschrieben und fotografiert. So hatten wir eine Art mobiles Studio in unserem Beiwagen.

Kultur Joker: Frau Knödler, vielen Dank für das Gespräch.

 

Was: Mundologia-Vortrag “Auf dem Landweg nach New York” von Anne Knödler, Johannes Foetsch, Elisabeth Oertel, Kaupo Holmberg und Efy Zeniou
Wann: Freitag, 8. Januar 2019, 16.30 Uhr (Zusatztermin) und Samstag, 9. Januar 2019, 16 Uhr
Wo: Konzerthaus Freiburg, Konrad-Adenauer-Platz 1, 79098 Freiburg
Web: www.mundologia.de