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Die Freiburger „Good Company“ feiert mit „Yeast Nation“ Europa-Premiere im Crash

Eine selten schräge Show

Die Musiktheatergruppe „Good Company“ führt das bizarre Musical „Yeast Nation“ der Tony-prämierten Autoren Greg Kotis und Mark Hollmann erstmalig in Europa auf. Die Rockoper handelt von Einzellern, die in weißen Togen stecken und voll epischer Inbrunst über ihr Leben, Lieben und Sterben erzählen.

Manuel Gyarmati-Buchmüller in "Yeast Nation" als intriganter Königsberater Jahn der Weise. (© A. Goebel)

Manuel Gyarmati-Buchmüller in “Yeast Nation” als intriganter Königsberater Jahn der Weise. (© A. Goebel)

„Yeast Nation“ wurde 2007 in Alaska uraufgeführt und ist die zweite Produktion der „Good Company“. Die Gruppe zeigt das Stück als griechische Evolutions-Tragödie im Crash, dessen schwarz getünchter Kellersaal stickig-schummrige Ursuppen-Atmosphäre produziert. Letztes Jahr produzierte das fast vierzigköpfige, freie Ensemble um den Regisseur und musikalischen Leiter Rafael Orth schon das Musical „Urinetown“ von Kotis und Hollmanns – eine mitreißende und beeindruckende Inszenierung und mit sechzehn ausverkauften Vorstellungen ein fulminantes Debüt.

Zu „Yeast Nation“ holte man noch mehr Profis ins Boot. Im März 2018 gastiert die Truppe damit im Hamburger Sprechwerk. So frech und politisch wie „Urinetown“ ist dieses Musical nicht und auch die meisten von der Live-Band sehr versiert begleiteten Songs sind ein gängiger, wenn auch schmissiger Mix aus Rock und Pop à la „Hair“, „Rocky Horror Picture Show“ oder „Jesus Christ Superstar“. Doch es gibt sie: Lieder mit Prägnanz und Ohrwurmqualität.

Ein tolles Bühnenspektakel ist „Yeast Nation“ aber unbedingt: Mit energiegeladenen, komplexen Choreografien, witzigen Regieideen und ironischen Brüchen – vor allem aber mit einem ambitionierten und quicklebendigen Ensemble (Co-Regie: Juliane Hollerbach. Übersetzung Dialoge: Rafael Orth). Dabei changiert die Geschichte im launigen Spagat zwischen Königsdrama und fantastischer Comedy. Überdimensionierte Aquarium-Steinskulpturen zeigen den Meeresgrund (Bühne: Stephanie Breidenstein), eine blinde Seherin mit grauem Zulderhaar beschwört den Untergang, während Jahn der Älteste und sein Volk die Hefe-Hymne „You Are My Children“ schmettern. Dabei sind die guten Zeiten endgültig vorbei: Die Salzvorräte gehen zu Ende, es herrscht Hunger. „Vermehret euch nicht, steiget nicht auf!“ ordert der rauschebärtige Patriarch, beides hat er unter Todesstrafe verboten.

Deswegen lässt er dann auch die Membran seines Sohnes platzen, lustig flattern dessen rote Plasmablättchen durch die Luft. Die Folge sind Rebellion, Intrigen und Hochverrat – und natürlich gibt es auch noch eine dramatische Liebesgeschichte. Denn Liebe und Sehnsucht nach dem Licht – das sind zwei vollkommen neue und revolutionäre Gefühle für diese Yeasts. Die sind ansonsten ganz normale Menschen mit Eigentümlichkeiten: Lecken Specki-Salzkristalle, schlafen in Schlupfwinkeln und heißen alle Jahn. An ihrem Untergang geht kein Weg vorbei, gnadenlos dreht die Uhr des Lebens weiter – wer sich nicht anpasst und verändert, ist blitzschnell Vergangenheit.

Ein Dilemma: Bleibt alles wie es ist, werden die Yeasts verhungern – verlassen sie die vertrauten Gefilde wie Freiheitskämpfer Jahn der Zweitälteste, werden sich andere Kreaturen ihre Welt einverleiben. Hier sind es fleischfressende Schlangenwesen in roten Second-Skin-Anzügen, die aus jenem grünen Schwabbel-Mock weit oben auf dem Wasser entstanden sind. Zu ernst muss man dieses Wirrwarr aber nicht nehmen, stehen hier doch eindeutig Musik, Spaß und Ironie im Mittelpunkt. So gibt es lustige Schwarzlicht-Kämpfe, schnüffelnde Putzfrauen und sogar ein Biolehrbuch aus der Zukunft. Eine selten schräge Show und eine beeindruckende Ensembleleistung.

Marion Klötzer

Weitere Aufführungen: 15./ 16./17./22./23./24. Februar, jew. 20 Uhr und 18. Februar 17 Uhr, im E-Werk Freiburg.
Infos: www.goodcompanyfreiburg.de

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