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Theater | November 2018 | von Annette Hoffmann

„Wir sind die Guten“ von Mark Ravenhill im Theater Freiburg

Der Feind im Inneren

Unter den Eindrücken des Afghanistan-Krieges verfasste Mark Ravenhill 17 Kurzstücke. Das Setting, wir da drinnen gegen die da draußen, ist hinlänglich bekannt – und doch ist Bojana Lazićs Inszenierung im Kleinen Haus des Theater Freiburg eine runde Sache.

© Marc Doradzillo

„Wir sind die Guten“ im Kleinen Haus des Theater Freiburg.

Lauch steht an Lauch, die Wassermelonen liegen wie aufgeräumt im Beet und ist das da hinten nicht sogar Grünkohl? Sicherlich für Chips, ist ja Superfood. Doch so ganz kann man sich nicht vorstellen, dass hier jemand in der Erde wühlt. Denn hier ist man nicht nur sicher – obgleich durch eine Art Bullauge in der Wand Kriegslärm und viel Theaternebel in diese Bungalow-Wohnlandschaft dringt –, sondern auf eine ziemlich cleane Weise abgeschirmt von der Welt.

Eine Gated Comunity in hellem Pink, davor ein beerenfarben gekachelter Pool, dahinter ein gläsernes Foyer mit tropischem Pflanzenwuchs und dann ist da noch der Schriftzug, der spiegelverkehrt zu lesen ist: Wir sind die Guten (Bühne: Zorana Petrov). Wie der gleichnamige Stückereigen von Mark Ravenhill, aus dem sich Bojana Lazić für ihre eineinhalbstündige Inszenierung im Kleinen Haus bedient hat.

Die fünf Darsteller, die gerade das Publikum völlig ignorieren und im Chor Richtung Bullauge in die Mikros sprechen, sind die Verkörperungen der Guten. Man achtet auf sich, gesundheitlich und so, und hat sein Leben im Griff. Dass die da draußen, die da drinnen, nicht unbedingt für die Guten halten, ist vielleicht verständlich, wenn man bereit ist, die Perspektive zu wechseln.

Der britische Autor, der mit seinem Stück „Shoppen und Ficken“ auch einem größeren Publikum bekannt wurde, hat die insgesamt 17 Kurzstücke unter dem Eindruck des Einmarschs in Afghanistan 2007 geschrieben. Seitdem hat das Gefühl der Verunsicherung eher zugenommen. Irgendwann ist das Loch nach außen gestopft und die Figuren können sich endlich wieder mit sich selbst befassen.

Da ist die junge Mutter (Marieke Kregel), die auf ihre Wohlstandsverwahrlosung mit autoaggressiven Magenschmerzen reagiert. Von ihnen verschafft sie sich Erleichterung im Pool, der wegen der besseren Verträglichkeit mit Saft gefüllt ist. Schön zu sehen, wie hier Marieke Kregel im Unterkleid ziemlich entspannt ein paar Züge mimt.

Und da ist das Paar (Rosa Thormeyer, Thieß Brammer) mit der kleinen Tochter, deren Gefühlsleben ziemlich unausgewogen ist. Nun ist es heraus, die Tochter wurde nicht „in Ruhe gezeugt“ (wie soll man sich das jetzt vorstellen?), die Frau empfand es als Vergewaltigung. Der Krieg ist längst Familienmitglied. Aus zärtlichen Berührungen wird ein Würgen und Winden, ihre Worte sitzen und dass sie die Konflikte regelmäßig durch einen Aufruf zum „Knuddeln“ unterbrechen, macht das alles auch nicht besser.

Später wird das Kind, das hier noch eine rosafarbene Box ist, von Alpträumen geplagt, durch die ein Soldat ohne Kopf geistert. Streicht dieser die langen Haare zur Seite, sieht man in das Gesicht des Kindes, das vor ihm steht und kurz danach eine Waffe zieht. Bojana Lazić schafft durch klaustrophobische Traumspiele Übergänge zwischen den Szenen.

Das müsste nun keine Familie in Schwarzwaldtracht sein, doch die Masken, die jegliche Gesichtszüge nivellieren, sind unheimlich genug. Die Erkenntnis, dass die Gewalt, der Tod und das Unheimliche längst im Zentrum dieser Gesellschaft angekommen sind, auch wenn diese alles Unangenehme nach außen projiziert, ist eine Binse.

Der Krieg gegen den Terror hat alles vergiftet, weil er ihn als gegeben ansieht: „Leben ohne Krieg hat noch nie ein Mensch geschafft“, heißt es da. Doch der Regie gelingt es, all diesem wirklichen Schrecken abzuringen oder Trauer, wenn die Gemeinschaft ihre Aggression gegen ein bizarres Fellauge richtet, das unschuldiger nicht sein könnte. „Wir sind die Guten“ ist – obwohl eigentlich eine Reihung von Szenen – eine runde Sache. Ästhetisch, aber auch als Ensembleleistung. Lohnend.

Was: Schauspiel: „Wir sind die Guten“ von Mark Ravenhill
Wann: 10./13. November, 14./21. Dezember 2018, jeweils 20 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus, Bertoldstr. 46, 79098 Freiburg
Web: www.theater.freiburg.de