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Kunst | September 2019 | von Annette Hoffmann

William Kentridge beeindruckt mit einer komplexen Schau in Basel

Die Freiheit des Belagerungszustandes

Das Werk des südafrikanischen Künstlers William Kentridge ist vielschichtig: In seinen Zeichnungen, Skulpturen und Filme führt er einen Dialog mit sich selbst, mit Vorbildern und Referenzen, den Zeitläuften und Menschheitsverbrechen wie der Apartheit. Die Überblicksschau “A Poem That Is Not Our Own”, die bis Mitte Oktober in Basel zu sehen ist, beinhaltet Werke, die zum ersten Mal in Europa zu sehen sind.

© Julian Salinas

William Kentridge: Arc/Procession: Develop, Catch Up, Even Surpass.

Als William Kentridge 1988 seinen dreiteiligen Siebdruck „Art in State of Grace, Hope, Siege“ schuf, galt in Südafrika der Ausnahmezustand und ein Ende der Apartheid war nicht in Sicht. Kentridge (*1955) hatte sich da längst entschieden, gegen den Rückzug auf das Schöne, gegen die Hoffnung und für den Belagerungszustand. Nicht abgeschieden von der Gegenwart, sondern mit ihrer Ambivalenz konfrontiert. Die drei Drucke illustrieren die unterschiedlichen Beziehungen von Künstlern zur Welt.

„Hope“ etwa spielt deutlich auf Wladimir Tatlin und sein Engagement für den Kommunismus an. Es ist wie die beiden anderen auch auf braunes Papier gedruckt und von expressiver Bildsprache. Überhaupt ist der Einfluss des deutschen Expressionismus auf das Frühwerk des Südafrikaners groß wie sich in seiner Basler Ausstellung „A Poem that is not our own“ zeigt – mag es an dem engagierten Stil liegen oder bereits an den gescheiterten Utopien der 1920er Jahre.

Doch bereits um 1980 drängte es William Kentridge zum Filmischen. „Proto-Movies“ nennt er die auffallend vielen Triptychen dieser Jahre, doch er experimentiert auch anders mit narrativen Strukturen. Wie in einem Fächer reiht sich in „Arc/Procession: Develop, Catch up, Even Surpass“ von 1990 eine Szene an die andere, der Titel ergibt sich aus der Aneinanderreihung der Schlüsselworte der Arbeit. Später wird er in „What will come (has already come)“ das Geschehen auf einen tellerförmigen Spiegel projizieren, der die Bilder dann unverzerrt auf eine Säule reflektiert.

Im Kunstmuseum Basel Gegenwart breitet sich derzeit neben Zeichnungen, Skizzenbüchern sowie Skulpturen die ganze Komplexität von Kentridges Filmschaffen auf drei Etagen aus. Sind die frühen fotografierten Kohlezeichnungen noch durch die Geste des Radierens, Wegnehmens und Zufügens bestimmt, geht dieser etwa 2018 bei „Kaboom!“ dazu über fertige Blätter vorzulegen, als sei der Film eine Collage, zudem gibt es dreidimensionale Bühnenbildelemente im Vordergrund.

Immer wieder werden Blätter vor die Kamera gelegt, die für einen Moment die lineare Ordnung des Films brechen. Ein kurzes und ironisches Videoporträt greift dieses Moment als wesentlich für den gesamten Entstehungsprozess der Filme heraus. In diesem Doppelporträt des Künstlers sortieren zwei William Kentridges Seiten, die mit Worten und Sätzen bedruckt sind, während sie einander misstrauisch beäugen. Kaum verlässt einer den Raum, greift sich der andere seinen Stapel. Man muss sich das Werk dieses vielseitigen Künstlers als ununterbrochenen Dialog mit sich selbst, mit Vorbildern und Referenzen, den Zeitläuften, vergangenen und gegenwärtigen Menschheitsverbrechen vorstellen.

Doch nichts ist an diesem Geschichtsbild vergangen, nicht die Verbrechen der Apartheid, in „Ubu tells the truth“ werden schwarze Südafrikaner in Zellen gefoltert und ermordet, die sich Raum für Raum zu einem Hochhaus auftürmen. In Kentridges zwischen 1996 und 97 entstandenem Film ist selbst das Kameraauge Teil des Problems, es lässt Körper explodieren, dazwischen ist dokumentarisches Material geschnitten, die Foltermethoden sind durch Aussagen von Polizisten belegt. Und auch die Toten des Ersten Weltkrieges sind nicht vergessen, in „Kaboom!“ verwesen Soldaten auf dem Schlachtfeld, das wieder zur Landschaft wird.

So wie zuvor Listen mit Namen und Todesursachen auf der Leinwand zu lesen waren und so wie Aufstellungen einer Autofirma als Papier für Zeichnungen dienen. Die auffälligste Bewegung jedoch folgt der Linearität des Filmes, die Kentridge immer wieder, auch in Basel, zur panoramatischen Sicht werden lässt, es ist die Prozession. Menschen, sei es die schwarzen Träger der europäischen Invasoren, Arbeiter oder Soldaten reihen sich ein. Das Theatralische, das eine Nähe zum Lehrstück aufweist, hat den Charakter eines Gleichnisses.

 

Was: William Kentridge: A Poem that is not our own
Wann: bis 13. Oktober 2019, Di-So 11-18 Uhr
Wo: Kunstmuseum Basel/Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60, 4052 Basel
Web: www.kunstmuseumbasel.ch