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Tena Štivičićs „Drei Winter“ im Theater Freiburg

Schlichte Geschichtslektionen über Jugoslawien

Peter Carp fährt in seiner Inszenierung des Stückes über europäische Kriesenzeiten einiges auf, das Ungeheuer des Krieges lässt sich jedoch allenfalls erahnen.

Marieke Kregel und Angela Falkenhan in "Drei Winter" am Theater Freiburg (© Foto: Rainer Muranyi)

Marieke Kregel und Angela Falkenhan in „Drei Winter“ am Theater Freiburg (© Foto: Rainer Muranyi)

Die drei Winter, auf die sich der Titel von Tena Štivičićs Theaterstück bezieht, sind die der Jahre 1945, 1990 und 2011. Kriegsende, der sich anbahnende Bürgerkrieg, der Eintritt in die EU waren jeweils Krisenzeiten, mal mehr, mal weniger, aber immer hatten sie ihre Auswirkungen auf die Menschen in Jugoslawien. In ihren Drama „Drei Winter“ schaut die 1977 in Zagreb geborene Autorin auf die Familie Kos und die Zeitläufte. Wer sich an die 1990er Jahre erinnert, weiß, welche Zäsur dieser Bürgerkrieg bedeutete.

Nicht einmal 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in Europa der Frieden gebrochen und wieder geschossen. Nichts war unheimlicher, als dass Landsleute ihre Landsleute umbrachten. Tena Štivičić fragt nicht nach den Beweggründen, sie hat, so lässt sich in einem im Programmheft abgedruckten Interview nachlesen, ihre eigene Familiengeschichte zu Rate gezogen sowie Frauenzeitschriften des frühen 20. Jahrhunderts, Essays und Kurzgeschichten nicht genannter Autorinnen. Sicher Quellen, deren Bedeutung bislang völlig unterschätzt wurde.

Intendant Peter Carp hat das Drama „Drei Winter“, das in Bamberg in deutscher Erstaufführung zu sehen war, nun ins große Haus gebracht. Es ist die erste Inszenierung Carps, die er eigens für Freiburg eingerichtet hat, und er lässt einiges auffahren: die große Bühne, ein dreizehnköpfiges Ensemble, die Drehbühne, den Opernchor des Theater Freiburg.

Tatsächlich jedoch ist Tena Štivičićs Stück ein Kammerspiel, das in jenem einstmals repräsentativen Haus verortet ist, das das Dienstmädchen Monika Zima (Stefanie Mrachacz) schwanger verlassen musste und von deren Eigentümern es mit ihrer neugeborenen Tochter abgewiesen wurde. Jahre später wird es dieser gelingen, ihre junge Familie wiederum dort einzuquartieren. Anders als ihr Mann war Rose (Janna Horstmann) bei den Partisanen. Noch später wird ihre Tochter Lucija (Angela Falkenhan) es für die Familie erwerben – ihr zukünftiger Mann hat die Lehren des Kapitalismus schnell gelernt. Was ihr durch Geburt und Gesinnung zustand, ist ein halbes Jahrhundert später dann endlich Familienbesitz. Štivičić erzählt nicht chronologisch, sie flicht die drei Zeitstränge ineinander, was in Carps Inszenierung einiges an Kulissenschieberei zur Folge hat, die oft unnötig ist und einiges zur Länge von zwei und dreiviertel Stunden beiträgt.

Tena Štivičićs „Drei Winter“ funktioniert über Identifikation. Wer nicht einen solchen Vater hat, hat eine solche Mutter oder Schwester. Da fallen Binsen wie „Die Zeiten haben sich immer geändert“ oder „Man geht auf die 40 zu und verlässt die Kinderstube“. Die Eltern führen Scharmützel im Ehebett und drehen sich dann den Rücken zu. Die Frauen kennen nur den einen zänkischen Ton, die Männer führen andauernde Rückzugsgefechte. Viel en-face-Spiel wird in dieser Inszenierung gezeigt und ein Naturalismus, der das Ensemble brav aussehen lässt.

Das Ungeheuer des Krieges lässt sich allenfalls durch die posttraumatische Belastungsstörung des Nachbarn und Ex-Freund von Alisa (Marieke Kregel) sowie durch einen prügelnden Ehemann erahnen. Nichts bleibt in dieser Inszenierung Abgrund oder Geheimnis, jeder Erzählstrang wird aufgegriffen und zum adretten Schleifchen gebunden. Am Ende wird selbst noch der Vater Roses enthüllt, doch wusste man das nicht längst? Das grenzt nicht nur ans Triviale, vieles wäre in einer Vorabend-Telenovela besser aufgehoben. Sicher, es ist legitim, der Intendanz von Barbara Mundel ein Kontrastprogramm entgegenzusetzen, doch warum muss man das Publikum derart unterschätzen.

Annette Hoffmann

Weitere Vorstellungen: 2./ 16./24. und 29. März, jeweils 19.30 Uhr im Großen Haus.
www.theater.freiburg.de