Theater

So könnte Marilyn Monroe ums Leben gekommen sein

 Die „Marilyn Tapes“ im Theater der Immoralisten

„I wanna be loved by you, by you…“, – in ihrem berühmtesten Song sagte Marilyn Monroe die Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Sie, Inbegriff von Sex und Unschuld, wollte geliebt werden, als Schauspielerin, als Sängerin, als Frau, als Geliebte. Geradezu süchtig war sie nach Ruhm und Anerkennung. Die Wahrheit über ihre Todesumstände kam dafür nie ans Licht. War es Selbstmord, wie man die Öffentlichkeit glauben machte – oder wurde sie doch ermordet? Wer steckte dann hinter ihrem Tod und was hat es mit den mysteriösen Tonbändern des FBI auf sich?

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Florian Wetter (Dr. Greenson) und Jochen Kruß (Peter Lawford verkleidet als Marylin)

Auch Manuel Kreitmeier, der für Text, Regie und Bühne verantwortlich zeichnet und sich in seinem neuen Stück „Die Marilyn Tapes“ der Todesnacht der Hollywood-Ikone am vierten auf den fünften August 1962 widmet, wird diese Fragen nicht lösen helfen. Um Klärung geht es den Immoralisten auch gar nicht. Vielmehr werfen sie immer neue Fragen auf und zeichnen am Ende das Bild einer Marilyn, die irgendwie aus der Zeit gefallen und gefangen ist zwischen Macht und Ohnmacht, naives Opfer des Ruhms und der Machenschaften mächtiger Männer. Und zwar aus der Perspektive all derer, die ein gewisses Interesse an ihrem Tod gehabt haben dürften.
Da wären ihr Psychiater Ralph Greenson (Florian Wetter), der sich nicht nur für Marilyns Seelenleben interessierte und damit seine Approbation aufs Spiel setzte; oder ihr bester Freund, der windige Schauspieler Peter Lawford (Jochen Kruß), der in dubiose Machenschaften mit der Mafia verstrickt war; oder der skrupellose Senator Robert Kennedy (Markus Schlüter) und sein Bruder, der Präsident John F. Kennedy, deren politische Karriere bei Bekanntwerden ihrer Affäre mit Marilyn für immer zerstört gewesen wäre; oder ihr Schauspiellehrer Lee Strasberg (Uli Herbertz), der sie vollends in den Wahnsinn trieb. Da wären die beiden Frauen – Marilyns Haushälterin Eunice Murray (Anna Tomicsek) und ihre Presseagentin Pat Newcomb (Verena Huber) –, die zwar von Marilyns Tod profitierten, sich aber mehr durch ihre passive Zeugenschaft schuldig machten.
Marilyn selbst – und das ist typisch für die Immoralisten – ist gar nicht auf der Bühne existent. Im Grunde sind von ihr nur der Umriss einer Puppe unter dem Laken ihres (Toten-) Betts und eine blonde Perücke zugegen. Keine schwülen Marilyn-Gesänge, kein Hauch Pseudo-Erotik in Strapsen und Röckchen, nein, all das ersparen die Immoralisten sich (und uns). Stattdessen ein fantastisch-psychologisierender, auf dem Cello elektronisch-gesampelter Bühnensound (Komposition und Musik: Hanna Schwegler), der all diese Stimmungen zu potenzieren oder auch zu konterkarieren verstand.
Der Reihe nach kommen sie also alle zu Wort – es ist eine ausnahmslos brillant gespielte, ever-changing-story, deren Akteure bei allem Witz und Kalauer die professionelle Ebene stets zu wahren wissen. Auf höchst unterhaltsame Weise rekapitulieren die Protagonisten unter Marilyns Perücke so nach und nach deren letzte Stunden und fördern dabei vor allem eine Wahrheit zutage: Ihren eigenen Anteil an Marilyns Verstrickungen, die schließlich – ob aktiv oder nicht – zu ihrem Tod geführt hatten. So könnte es jedenfalls gewesen sein. Oder auch nicht.

Weitere Aufführungen bis 26. November, immer Do-Sa, jeweils 20 Uhr.

Friederike Zimmermann