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Vision 2025 | November 2016 | von Redaktion

Bemalte Fassade in der Wiehre wird zum Prüfstein für die Denkmalpflege

Wie viel Kunst verträgt die Stadt?

Eine Frau erbt ein Haus im Freiburger Stadtteil Wiehre. Kein hochherrschaftliches, keine Professorenvilla der Gründerzeit, die es dort auch zu Genüge gibt, sondern ein etwas schlichteres in eher zurückhaltendem Stil des Historismus um 1870. Sie wohnt selbst dort, mehrere Mietparteien ebenso. Es werden die Fassaden nach und nach unansehnlicher, durch temporäre Graffiti-Tags markiert, der Entschluss zur Renovierung reift. Den Auftrag erhält der Street-Art-Künstler Tom Brane, ein polychromes, flächenfüllendes und vielfiguriges Gemälde wird besprochen: Enten, Gänse, Hunde, viele Grünpflanzen, Kinder. Nahezu ausnahmslos gefällt schon die Entwurfsphase den Anrainern, ein familiengerechter, nachbarschaftsfreundlicher Eye-Catcher, so scheint es.

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Noch in Arbeit: Tom Branes bunte Bilderwelt am Haus Kirchstaße/ Ecke Konradstraße

Aber es kommt, wie es kommen muss: Irgendeiner erhebt Einspruch, das Baurechtsamt (als Untere Denkmalschutzbehörde) prüft, legt die Baustelle still – und erklärt dann nach Wochenfrist: das Gebäude sei kein Baudenkmal mehr, es dürfe weiter gemalt bzw. gesprüht werden. Die Mehrheit der Beteiligten freut sich, einige Kritiker nicht – jedenfalls bleibt ein reichlich „schaler Nachgeschmack“ (wie jetzt auch die Kulturliste in einer Pressemitteilung verlauten lässt).

Die zwischenzeitlich entstandene und lebhaft geführte Debatte ist allemal zu begrüßen – eben weil sie öffentlich stattfand. Aber wenn ich ehrlich bin, verstehe ich kaum einen der Akteure bzw. die vorgebrachten Argumente. Ohne weiteres Hinterfragen nun einfach zur Tagesordnung überzugehen und sich an den entstehenden bunten Disney-Welten zu ergötzen, wie es auch die Tagesmedien tun, greift doch sehr kurz.
Die Vorsitzende der Kunstkommission versuchte eine Abwägung, ob es sich nun um Kunst handele oder die Malerei wenigstens „kunstverdächtig“ sei – sie kam zum negativen Schluss und lehnte deshalb die Wandgestaltung ab. Damit ist der Fall primär unter dem Gesichtspunkt der Gestaltung des öffentlichen Raums analysiert. Solange aber keine Vorschriften oder Satzungen existieren, die die Fassaden privater Immobilien (sofern sie nicht unter Schutz gestellt sind) reglementieren, bleibt das allerdings ein sehr theoretisches Gedankenspiel.

Bedeutsamer ist zunächst doch der Aspekt der Denkmalpflege selbst – darüber spricht man indes nun kaum mehr. 1982 wurde dieses Haus (und manch andere) in der Wiehre als denkmalwürdig eingestuft. Eine Innenbegehung konnte nicht stattfinden. Jetzt wurde sie nachgeholt und war der ausschlaggebende Faktor, den Denkmalcharakter wieder abzusprechen. Mehr noch: Kritisiert wurden zahlreiche Ein- und Umbauten, die den historischen Bestand beseitigt oder verunklärt haben – allesamt jedoch vor 1982 ausgeführt. Die Behörde bestätigte also, dass ein Denkmalschutz von ihr selbst niemals hätte ausgesprochen werden dürfen. Ist hier genügend und vor allem hinreichend fachkundiges Personal vorhanden? Die Frage muss erlaubt sein. Ist die Denkmalpflege in der Stadt und Stadtverwaltung hinreichend profiliert, oder braucht sie nicht eine eigenständige Stabsstelle?

Ein anderer Gedanke führt inhaltlich weiter: Nehmen wir an, dem Gebäude sei (aus welchen Gründen auch immer) der Denkmalcharakter von den Verwaltungsbeamten nun nicht abgesprochen worden. Wäre dann das Bild des Künstler-Malers endgültig untersagt worden? Was ist also tatsächlich ‚denkmalgemäß‘? Eine monochrome Wand etwa, sei sie auch noch so pink, grellblau oder vanillegelb? Denn das wird offenbar leichter geduldet, auch wenn es mitnichten Originalzuständen entspricht? Was bedeutet überhaupt das ‚Originale‘, das ‚Ursprüngliche‘ (welches man oft gar nicht mehr feststellen kann)? Verhält es sich nicht doch etwas anders als mit der (ja auch viel diskutierten) ‚Werktreue‘ in der Musik? Oder stört doch die Gegenständlichkeit, wäre eine weiße Fläche mit wenigen schwarzen Linien oder dezent-abstraktem Schachbrettmuster noch durchgegangen?
An diesen Fragen sollte man meines Erachtens ansetzen, um zu befinden, was ein Stadtteil und seine historischen Gebäude heute und in Zukunft ‚vertragen‘.

Martin Flashar