Sie lagen voll daneben: Legendäre Energie-Zitate mit Faktencheck

Kostümfest im AKW, Friedrich Merz und Markus Söder zelebrieren ihre Liebe zur Atomkraft in kompetenz-suggerierendem Outfit Quelle: Twitter 04.08.2022

Es gibt Lügengebäude, die werden nach jedem Einsturz immer wieder neu aufgebaut und man wundert sich, wie häufig der immer gleiche Unfug durch die Medien getrieben wird. Und es gibt immer wieder Journalist:innen, die mit Chuzpe die x-fach widerlegten Lügen neu aufkochen.
Man reibt sich verwundert die Augen. Wie kann es sein, dass ein längst abgehaktes Thema einfach nicht in der Versenkung verschwindet. Ähnlich absurd, als würden die Schreibmaschine oder das Faxgerät die öffentliche Debatte beherrschen, trendet seit Wochen und Monaten das Schlagwort „Atomkraft“ in der Presse, den sozialen Medien und den Talkshows. Blackout-Propheten werden nicht müde, finstere Szenarien von Deindustrialisierung und ausgehenden Lichtern an die Wand zu malen. Das hatten wir alles schon. Unzählige Male. Legendär ist das Zitat des damaligen Ministerpräsidenten, Hans Filbinger, von 1975: „Ohne das Kernkraftwerk Wyhl werden zum Ende des Jahrzehnts in Baden-Württemberg die ersten Lichter ausgehen“. Er lag zu 100 Prozent daneben.
Über die „drohende Stromlücke“ breitete sich 2008 der damalige Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) im Chor mit den fossil-nuklearen Stromriesen quer durch die gesamte Presselandschaft aus. Deutschland könne bereits „ab 2015 dauerhaft auf Stromimporte angewiesen“ sein. Sie lagen voll daneben. Deutschland ist seit 2002 Netto-Stromexporteur. Immerhin bekannte sich Glos später zu seiner Inkompetenz: „Ich wusste damals nicht mal, wo dieses Wirtschaftsministerium genau stand. […] Ich hatte kaum eine Ahnung davon, was die Aufgaben dieses Ministeriums sind.“
Dieselben Märchen überall auf der Welt
Auch international wird mit denselben Blackout-Ängsten Stimmung gemacht: 2007 versprach der Chef der EdF-Filiale im Vereinigten Königreich, die Briten würden schon 2017 ihren Weihnachtstruthahn mit Atomstrom aus Hinkley Point C bruzzeln. Andernfalls und ohne das AKW würden „die Lichter ausgehen“. Auch 16 Jahre später wird es immer noch keine Hinkley-Power für den Festbraten 2023 geben. Doch unterdessen wurden 10 britische Meiler für immer stillgelegt – was die Erneuerbaren locker aufgefangen haben. Bis zur – derzeit – prognostizierten Inbetriebnahme 2027 werden weitere 4 Stilllegungen folgen.
Dasselbe Spiel in Polen: Wenn das Land bis 2020 kein Atomkraftwerk bekäme, drohe „eine dauerhafte und sich ständig verschlimmernde Stromlücke“, ließen einflussreiche Lobbyisten über die Presse verbreiten. Mehr als die vier Atomruinen von Żarnowiec ist seit 1990 nicht entstanden.
Eine Stromlücken-Drohung schien dem meinungsvariablen Ministerpräsidenten von Bayern dann im Juni 2022 nicht dick genug aufgetragen. Söder halluzinierte von einer „Riesen-Stromlücke“ die wir bekommen „wenn wir die Kernenergie abschalten“. Getreu dem Motto „was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern“ hatte er seine eigenen Rücktrittsdrohungen, für den Fall, dass der Atomausstieg nicht zügig umgesetzt und das AKW Isar 2 noch nach 2022 laufe, aus seiner eigenen Wirklichkeit gelöscht. Andere erinnern sich gut an seinen 2011-er-Auftritt mit grüner Krawatte. Mittlerweile trägt er fürs Fotoshooting AKW-Arbeiter-Overall, gelbe Plastik-Schlüffkes und einen Kompetenz-suggerierenden Helm. Und posiert mit seinem ebenso kostümierten Kumpel Fritze Merz im, am und um das AKW herum. Vermutlich läuft die Show noch bis zur bayrischen Landtagswahl am 8. Oktober.

Der Trick mit der Wannenkurve
Damals, 2011, schürten die Bosse von RWE und Eon unverhohlen Ängste vor „dem Netzkollaps“, was die Bundesnetzagentur mit dem Verweis auf die über Jahre mit Bestnoten ausgezeichnete Stabilität des deutschen Netzes wieder einzufangen versuchte.
Damals nutzten die Atomlobbyisten übrigens exakt denselben Kniff, wie dieses Jahr. Als in Deutschland infolge von Fukushima 8 Atommeiler (in Worten: Acht) abgeschaltet wurden, passierte auf dem europäischen Strommarkt das, was jedes Jahr passiert: Der Strombedarf Frankreichs folgt einer wannenförmigen Kurve. Im Winter ist er hoch, wegen der vielen Elektroheizungen in schlecht isolierten Gebäuden. Ab März fällt er und geht während der langen Schul- und Betriebs-Ferien im Sommer richtig in die Knie. Alle Jahre wieder, wenn in den großen Werken die Maschinen stillstehen, drücken die AKW ihre Überschüsse zu Niedrigpreisen in das europäische Netz – solange genug Kühlwasser vorhanden und nicht große Teile der alternden Kraftwerksflotte in der Zwangspause sind. Rosinenpicker, die aus diesem immer wiederkehrenden Muster eine Alarmismus-Meldung konstruieren wollen, sollten das im September tun, so nehmen sie die kompletten Zahlen aus den französischen Ferien im Juli und August noch mit. So geschehen im Fukushima-Jahr 2011. Der Bundesverband Elektrizitäts- und Wasserwirtschaft BDEW, schickte im September 2011 eine Pressemitteilung raus, die für Panik-Schlagzeilen à la „Stromimporte steigen durch Atomausstieg“ im gesamten deutschen Blätterwald sorgten. In keiner der Redaktionen war man in der Lage, einen besonders kryptischen Satz aus der Mitteilung richtig zu deuten: “Insgesamt ergibt sich aktuell ein Austauschsaldo von 4 Mrd. kWh“. Er wurde in den Fließtext unter den Alarmschlagzeilen einkopiert, ohne zu erklären, dass Deutschland – das schon zuvor von einem Stromexport-Rekord zum nächsten galoppierte – auch nach der Abschaltung von 8 Reaktorblöcken einen Stromexport-Überschuss von 4 Milliarden kWh verbuchen konnte. Das Erneuerbare-Energie-Gesetzt zeigte deutliche Wirkungen.

Blackout- und Strompreis-Alarmismus 2023
All diese Spielchen werden auch nach der Abschaltung der letzten drei deutschen Altmeiler wieder hervorgekramt. Erfrischender Weise zeigen die Future-Daten an der Strombörse schon jetzt, dass aus Deutschland im den kalten Quartalen (Q1 und Q4) wieder viel Strom exportiert wird. In Frankreich liegen die Börsenpreise im Winter deutlich sichtbar über denen in Deutschland, damit wird Geld verdient. Das mediale Geschrei geht unbeirrt und völlig faktenfrei weiter. Vorneweg die Springerpresse, in deren Redaktion man offenbar nicht in der Lage ist, energiewirtschaftliche Zahlen zu lesen. Unter der Knaller-Headline „So schmutzig ist unser Strom wirklich – Dreckschleuder Deutschland“ wurde der Wert vom 16. Juni ins Schaufenster gestellt, der belegen sollte, dass der gesamte (!) Juni eine besonders schlechte CO2-Bilanz habe. Jens Spahn, überraschend zum Energie-„Experten“ der Union mutiert, erkannte den dicken Fehler nicht sondern verhalf dem Bild-Unfug ungeprüft via Twitter zu noch mehr Reichweite.
„Die deutsche Stromerzeugung aus fossilen Quellen im ersten Halbjahr ist 2023 auf dem zweitniedrigsten Wert. Weniger fossiler Strom wurde nur im Corona-Jahr 2020 erzeugt.“ stellte Professor Bruno Burger vom Freiburger Fraunhofer-Institut ISE klar. Darüber hinaus stellt Deutschland zwei neue Rekorde für den Monat Juni auf: ein neues Minimum für die Produktion von fossilem Strom (Kohle, Öl und Gas) wurde mit 9 TWh erreicht. Und für Solar- und Windstrom wurde ein neues Maximum mit über 15 TWh erreicht.
Populismus-Fürst Söder greift unterdessen jede x-beliebige Ankündigung auf, die irgendein Land zur Atomkraft macht und kocht damit die „Wir schalten in Deutschland sichere Kernenergie ab und kaufen dafür entweder Atomstrom aus dem Ausland oder nutzen Kohle“-Legende neu auf. Da meldet der Fokus: „Frankreich will den Bau neuer Atomreaktoren beschleunigen“, was ja eigentlich Anlass sein sollte, sich johlend über den Boden zu rollen. Ach was, jetzt also noch schneller als der seit 16 Jahren in Bau befindliche EPR Flamanville? Ach nein, keinen EPR, weil der so grandios floppt, sondern der völlig neue, noch nie gebaute EPR-2? Soso, mit dem inzwischen voll verstaatlichten, hochverschuldeten Konzern EdF, dem die Fachkräfte weg erodieren und die Investoren weglaufen? Wie niedlich, das Geld dafür soll aus dem Budget für Sozialwohnungen abgeknapst werden! Man meint schon die Jubelstürme aus Russland zu hören, dessen Konzernkonglomerat Rosatom, mit über 300 Töchtern weltweit, in der gesamten atomaren Lieferkette die Finger mit im Spiel hat. Auch in Frankreich. Und in Deutschland.

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  • Kostümfest im AKW, Friedrich Merz und Markus Söder zelebrieren ihre Liebe zur Atomkraft in kompetenz-suggerierendem Outfit: Quelle: Twitter 04.08.2022