Schreibtischtäter ertränken Klimaschutz im Papiersumpf

„Mein Verhältnis zu Behörden war nicht immer ungetrübt, was allein nur daran lag, daß man nicht kann, was man nicht übt“ besang einst Reinhard Mey seinen „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“. Er erntete ob der amtsschimmeligen Bürokraten zustimmendes Gelächter von all den vielen, die auch schon mal mit „Papier‘n und Dokumenten aus dem alten Schuhkarton: Röntgenbild, Freischwimmerzeugnis, Parkausweis und Wäschebon“ im Behördendschungel umhergeirrt sind. Es gibt wohl niemanden, dem nicht sofort eine eigene Geschichte einfällt, da man wegen irgendwelcher Wasserköpfe, die Absurdes verlangten, um Bagatellen zu bescheinigen, nahe dran war, sich in der Tischkante festzubeißen. Wenn man endlich seinen Stempel hat, taugt die Geschichte meistens noch, um sie dem johlenden Freundeskreis – „Das glaubt Ihr jetzt nicht!“ – beim Bierchen zu erzählen. Die meisten kamen sicher zu dem Schluss, dass die verstaubten Aktenberg-Verwalter sie aus purem Desinteresse noch x-Mal weggeschickt haben, aber doch nicht etwa aus Boshaftigkeit oder gar, weil sie irgendjemandem Steine in den Weg legen wollten.
Anders verhält es sich offenbar, wenn man etwas gegen die Klimakrise unternehmen möchte und Genehmigungen für Wind- Solar- oder Wasserkraftanlagen benötigt. Da entfachen unscheinbare Bürokraten ein wahres Feuerwerk der kreativen Winkelzüge, mit dem Ergebnis, dass der fossil-nuklearen Kraftwerks-Wirtschaft möglichst viel Konkurrenz vom Hals gehalten wird. Mit den großen Verbindungslinien zwischen Energiewende-Verhinderern vor Ort, den Anti-Windkraft-Dachorganisationen und den fossil-nuklearen Konzernen hat sich der Kultur Joker bereits im September 2018 beschäftigt. Wie jedoch die „Täter auf der unteren Ebene“ agieren, zeigt ein Blick in das Büchlein ‚Klimaschänder – Gewinner von Gestern, Loser von Morgen“ des Freiburger Öko-Kraftwerks-Projektierers Andreas Markowsky. Es ist zum Schreien, Lachen, Weinen, Haare-raufen und Hand-vor-die-Stirn-klatschen, was der Autor aus eigener Anschauung auf dem Dienstweg durchs Genehmigungslabyrinth berichtet. Jeder Party-Löwe wird ihn um diesen unfassbaren Anekdoten-Schatz beneiden, mit dem man sicher ganze Stammtische in Lach­tränen ertränken kann – wenn‘s nicht so tragisch wäre. Gut, dass Andreas Markowsky sich seinen feinen Humor bewahrt hat, der sich wie ein rotes Rettungsseil durch das 72-seitige Büchlein zieht. Der Diplomfinanzwirt und vierfache Vater war 25 Jahre lang in leitender Position in der Kreditwirtschaft, als er beschloss, sich der Energiewende zu widmen. Die Fachzeitung ‚neue energie‘ beschrieb ihn bereits 1999 als „Banker mit dem Ökospleen“, der in Anzug und Gummistiefeln an seinem Dreisam-Wasserkraftwerk angeschwemmte Äste aus dem Wasser zog. Seit Mitte der 1980 bemüht sich Markowsky um Wasserrechte und Genehmigungen für Wind- und Solaranlagen. So lang schon! Doch so weit, dass endlich der allerletzte begriffen hätte, wie ernst es mit der Klimakrise und nuklearen Risiken ist, sind wir offenbar noch nicht.
Es gibt heutzutage allen Ernstes Menschen, die fernab ihres Wohnorts Solaranlagen verhindern, welche von keiner Seite aus sichtbar sind – außer von oben. Dabei geben sie vor, die Optik eines fernen Stadtbildes zu retten. Auch die „Optische Konkurrenz“ von Windenergieanlagen zu tief im Boden vergrabenen keltischen Scherben entstammt nicht irgendwelchen Erzählungen aus dem „Irrenhaus“, sondern ist beinharte Behörden-Realität, wenn windkritische Zeitgenossen an den Schalthebeln der Macht sitzen. Beim Lesen dieser schrägen Sammlung des ganz realen Wahnsinns kann einem gelegentlich das Kopfkino durchgehen, wenn man von offiziellen Bescheiden liest, in denen ausgeführt wird, wie Wanderer von plötzlich im Sichtfeld auftauchenden Windmühlen erschrocken werden könnten. Nein, da stand nichts von hinterm Busch hervorhüpfenden Windrädern die ihren Mantel aufreißen. Manche Szenen springen einen förmlich an, wenn man unter Lachtränen überlegt, wie das mit dem Erschrecken der Wanderer wohl gemeint war.
Wer auf dem Dienstweg Wasserkraft verhindern will, lässt offenbar ebenfalls seiner Kreativität freien Lauf und schichtet – statistisch – einige Vögel entlang eines Flusslaufs so um, dass auch dort welche postuliert werden, wo ein Wasserkraftwerk Ökostrom produzieren könnte.
Wer an der richtigen Stelle im Genehmigungsgefüge sitzt, kann unfassbare Possen mit Auerwild-Kacke veranstalten, die hübsch mit Federchen garniert an einem Parkplatz gefunden wird, der auf der Rangliste potenzieller Rückzugsorte für das scheue Federvieh einen der letzten Plätze vor einem Rummelplatz belegt hätte. Der Vogelschiss-Krimi zieht sich über Monate und es ist kaum zu fassen, wie Beweisstücke verschwinden und die Überprüfung fragwürdiger Behauptungen vereitelt wird.
Da es so weit hinter der Schmerzgrenze ja bekanntlich wieder lustig wird, bietet Markowskys Büchlein großes Lesevergnügen oder eigentlich Vorlese-Vergnügen, denn man verspürt ständig dieses unbändige Mitteilungsbedürfnis: “Hör Dir das an, das hältst Du im Kopf nicht aus!“. Und nein, die Umsetzung der Energiewende scheitert nicht an technischen Problemen. Weitersagen.

Andreas Markowsky: Klimaschänder – Gewinner von gestern, Loser von morgen. Erschienen im Selbstverlag/Nova MD, 72 Seiten, zu haben für 10 Euro, ISBN 978-3-96966-896-2. Mehr Infos auf www. klimaschaender.de.

Bildquellen

  • Das Buch “Klimaschänder”: Foto: Andreas Markowsky