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Theater | April 2019 | von Annette Hoffmann

Peter Carp inszeniert Anton Tschechows „Onkel Wanja“ als Komödie des Alterns

Vernünftige Zeitgenossen

Obwohl sie alle lieber Wodka trinken, bauen sie Wein an. Aber was hat es zu bedeuten, dass in Tschechows „Onkel Wanja“ am Theater Freiburg mit ihren Wanderschuhen und Fleecejacken alle so aussehen, als kämen sie aus Freiburg?

© Birgit Hupfeld

Henry Meyer als Onkel Wanja.

„Fragile“ steht gut sichtbar neben dem Ökolabel auf den Holzkisten, die das Fundament von Peter Carps Inszenierung „Onkel Wanja“ im Kleinen Haus des Theater Freiburg bilden (Bühne: Manuela Freigang). Fehlt bloß noch der Sting-Song, aber verletzlich sind Anton Tschechows Figuren ja nun wirklich, auch wenn sie immer weitermachen. Warum stehen die Kisten da? Klar die sind praktisch und lassen sich als Bar verwenden – der Wodka verbirgt sich dann hinter dem Grau- und Weißburgunder – oder als Küchenschrank für Käse. Sie stehen da, weil das Gut sich im Ausnahmezustand befindet.

Alexander Serebrjakow (Hartmut Stanke) ist mitsamt seiner jungen Frau Jelena (Marieke Kregel) aus der Stadt angereist. Für eines Professors im Ruhestand angemessenes Leben reicht das Geld nicht, das Wanja und seine Nichte Sonja, die Tochter des Professors aus erster Ehe, ihm schicken können. Und so tyrannisiert er zuhause alle mit seinen Wehwechen und fordert die unumschränkte Aufmerksamkeit ein, während seine junge Frau die Männer einen nach dem anderen um den Finger wickelt. Sonja (Rosa Thormeyer) und Wanja (Henry Meyer) lassen derweil alles stehen und liegen, auch die jeweils 60 Kisten Weiß- und Grauburgunder, auf denen das Drama um fragile Lebensentwürfe und unerwiderte Liebe in knapp zwei Stunden seinen Lauf nimmt.

Anton Tschechow kann man immer spielen, da braucht es keine eigene Begründung. Doch spätestens wenn der Professor seinen neuen Lebensentwurf ausbreitet und verkündet, er wolle fortan lieber von den vier bis fünf Prozent leben, die Aktien abwerfen könnten, wenn man das Gut veräußere als von den realen zwei Prozent, die es erwirtschaftet, glaubt man zu erkennen, was man hier eigentlich vor sich hat: eine Komödie des Alterns. Wirklichkeit und Frau entgleiten, Eifersucht und Hypochondrie sind die Folge. Man glaubt den Figuren nicht so recht ihre Verletzlichkeit. Vor allem die Frauenfiguren sind geradezu holzschnittartig geraten.

Sonja und Jelena markieren auf einer Skala der Weiblichkeit zwei Enden (Kostüme: Gertrud Rindler-Schantl). Hier der Vampverschnitt mit Rita-Hayworth-Mähne, entweder in hautengem Rot (gerne auch Leder) oder gleich in Nude bei der jungen Gattin, dort die Arbeitskleidung einer Gartencenterverkäuferin, Homewear und schulmädchenhaftes Kleidchen bei der pflichtgetreuen Tochter. Gegen Wander- und Birkenstockschuhe und Ballerinas kann auch Rosa Thormeyer nicht anspielen, sexy ist anders.

Da ist es natürlich völlig verständlich, dass Astrow erst gar nicht guckt, zumal er sich von Typhusbaracken etwas Abwechslung erhofft und von Martin Hohner verkörpert gar nicht so lethargisch ist. Er bemerkt sie selbst dann nicht, als Sonja ihrem Schwarm einen Käsebrocken als spätes Abendessen serviert, während sie vor sich hin kichernd selbst nur ein paar Bröckchen zu sich nimmt. Irgendwie hatte man (auch) die Frauenfiguren bei Tschechow wesentlich subtiler in Erinnerung. Sucht die Inszenierung einen Gegenwartsbezug, geht es um grundsätzliche Fragen der Lebensführung. Serebrjakows unverantwortliches Aufzehren der familiären Ressourcen steht das Aufforstungsprojekt Astrows entgegen und auch seine Tätigkeit als Landarzt, während Sonja und Wanja einfach arbeiten.

In Peter Carps Inszenierung kommt das nicht ohne Lokalkolorit aus. Obwohl alle lieber Wodka trinken würden, bauen sie Weißwein an, man trägt Rucksack, Fahrradhelm und Fleecejacken. Vernünftige Zeitgenossen oder doch eine Anspielung auf den Freiburger Dresscode? Dann wäre es der x-te Aufguss eines Klischees. Größere Eskapaden sind von ihnen jedenfalls nicht zu erwarten.

 

Was: Schauspiel “Onkel Wanja” von Anton Tschechow
Wann: 3./10./22. und 25. April 2019
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus, Bertoldstr. 46, 79098 Freiburg
Web: www.theater.freiburg.de