Nicht ohne meine Schwiegermutter

Vivaldis Oper „Farnace“ an der Straßburger Opéra national du Rhin.

Intimität trotz weiter Räume: „Farnace“ Foto: Alain Kaiser

Antonio Vivaldi kennt man vor allem als Konzertkomponist. Seine um die 50 Opern sind fast alle in Vergessenheit geraten – nur „Orlando furioso“ oder „Tito Manlio“ fi ndet man noch gelegentlich auf den Spielplänen. Jetzt hat die Straßburger Opéra national du Rhin mit „Farnace“ Vivaldis Lieblingsoper ausgegraben und in einer ästhetischen Produktion (Regie und Choreographie: Lucinda Childs) mit einem exquisiten Solistenensemble auf die Bühne gebracht. Es geht um Farnace, König von Pontus, der gemeinsam mit seiner treuen Frau Tamiri und seiner Schwester Selinda, die mit Gilade und Aquilio gleich zwei Feinde becirct, nicht nur gegen die Besatzungsmacht Rom kämpft, sondern auch noch gegen seine eigene Schwiegermutter Berenice. Vivica Genaux nimmt man mit ihrem leicht kehligen, durchdringenden Timbre den Hauptmann Gilade ab, den sie verkörpert. Ruxandra Donose ist mit ihrem vollen, geschmeidigen Mezzo eine tief empfindende Tamiri, Mary Ellen Nesi gibt eine Berenice zum Fürchten. In den locker gesetzten, sinnlichen Koloraturen zeigt Carol Garcia die Verführungskunst von Selinda. Die virtuosen Linien des Farnace singt Max Emanuel Cencic mit viel Liebe zum Detail.

Und wenn der bekannte Countertenor in der Mitte des zweiten Aktes die ergreifende Lamentoarie „Gelido in ogni vena“ singt, dann ist man den Tränen nah. Die Streicher des Concertos Köln spielen den an den „Winter“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ erinnernden Arienbeginn ganz nah am Steg, um mit diesem eisigen Klang das Gefrieren des Blutes, von dem Farnace erzählt, nachzuahmen. In den aufgewühlten Zwischenspielen schärft Dirigent George Petrou nochmals den Klang seines Ensembles und ballt die Faust, wenn er eine Dissonanz lange aushalten lässt. Das Concerto Köln brilliert in Straßburg mit exquisiten Bläsern (Hörner!), großer Homogenität im Zusammenspiel und einem dramatisch-forciertem Sound, wenn auf der Bühne die Emotionen hochschlagen. In der trockenen Akustik des Straßburger Opernhauses ist der Streicherklang insgesamt jedoch etwas zu spröde. Es fehlen ein wenig die Nuancen der Klangfarben – und die Wärme im Ton. Aber in der Solistenbegleitung leistet das Ensemble Erstklassiges. Dirigent George Petrou hat einiges aus Vivaldis Partitur gestrichen. Und kann trotzdem nicht ganz verhindern, dass der Abend Längen hat. Das liegt zum einen an dem Werk selbst, das neben einem psychologisch hanebüchenen Libretto auch musikalisch nicht vollständig überzeugt. In den Arien gibt es große Qualitätsunterschiede. Viele melodische Wendungen erscheinen zu schematisch und vorhersehbar. Es liegt aber auch an der Inszenierung von Lucinda Childs, dass die Spannungskurve des Abends immer wieder fällt. Childs hat den Protagonisten Tänzer zugeordnet, die in den Vor- und Zwischenspielen der Arien auf der Bühne erscheinen. Die am klassischen Ballett orientierten Bewegungen aller Tänzerinnen und Tänzer sind ähnlich. Echte Charakterisierungen gelingen der Choreographin nicht. Aus der durchaus spannenden Konstellation Sänger-Tänzer wird leider kein Mehrwert gezogen. Immerhin vermag es Bruno de Lavenère (Bühne und Kostüme), ästhetische Räume zu schaffen, die Weite ausstrahlen wie beim Aufmarsch der Römer im ersten Akt, aber auch ganz intim werden, als Tamiri im zweiten Akt ihren Sohn in einer Grabkammer versteckt. Am Ende zeigt der dandyhafte König Pompeo (gepfl egt: Juan Sancho) Milde. Und Selinda entscheidet sich für Gilade. Nur vom zweiten Liebhaber Aquilio (mit Profi l: Emiliano Gonzalez Toro) hört und sieht man nichts mehr. Den hat Librettist Antonio Maria Lucchini einfach vergessen. Weitere Vorstellungen: 8. Juni, 20 Uhr, 10. Juni 17 Uhr: Mulhouse/La Sinne. Karten: www.opernationaldurhin.eu. Georg Rudiger

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