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Kunst | Januar 2019 | von Friederike Zimmermann

„Marcel Duchamp: 100 Fragen. 100 Antworten“: Famose Schau in der Staatsgalerie Stuttgart

Exzentriker und Held in einem

Vermutlich hätte er darüber gescherzt, dass ihm in der in der Stirlinghalle der Staatsgalerie Stuttgart eine so große Ausstellung gewidmet wird. Es hätte ihm bestimmt auch geschmeichelt, wie er hier als Künstler gepriesen wird: Marcel Duchamp (1887-1968), Erfinder des Readymade, kokettierte mit seiner Bedeutung für die Kunst – und polarisiert.

© Association Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Marcel Duchamp, de ou par MARCEL DUCHAMP ou RROSE SELAVY, Boîte-en-valise, (1941) 1966, Serie F, 75 Ex., unnummeriert; Pappschachtel mit rotem Leder überzogen, innen rotes Leinen, Miniaturrepliken und Farbreproduktionen von Werken Duchamps (80 Teile), Staatsgalerie Stuttgart.

Für die Kunstwelt war und ist er Exzentriker und Held in einem. Kaum ein Künstler, der die Kunst derart beeinflusste. Und kaum einer, der sich so sehr mit ihrem Wesen auseinandersetzte. Um dann aber zu einer Art ‚Nichts’ zu gelangen.

Oder anders gesagt, um mit dem Readymade den herkömmlichen Schaffensprozess infrage zu stellen oder gar zu eliminieren: Dass nämlich Kunst nicht etwas zu diesem Zwecke Gemachtes sein muss. Dass es vielmehr auf die Idee ankommt. Oder auf die Blickrichtung, das In-den-Blick-Nehmen eines Gegenstandes und seine Exponiertheit. Dann wird selbst ein industriell gefertigter, stacheliger Flaschentrockner zum Kunstwerk. Und deshalb ist da eben auch diese andere Seite, die das Publikum nach wie vor zutiefst verunsichert: Nämlich ob es nun vom Künstler verulkt werde oder nicht…

Nicht aber so in der von Susanne M.I. Kaufmann überaus klug kuratierten Ausstellung „100 Fragen. 100 Antworten“, die dem Besucher das Denken und Schaffen Duchamps in einer Art Frage- und Antwort-Parcour nahebringt. Niemals dürfte sich das Publikum ernster genommen gefühlt haben als hier. Dennoch prallt hier, wer eine Bilderschau erwartet, eingangs erst einmal vor einer (Stell-) Wand zurück, auf die unzählige Karteikarten montiert sind, die die akribische Forschungsarbeit des Schweizers Serge Stauffer (1929-1989), selbst Künstler und wichtiger Duchamp-Forscher, zu dessen Werk dokumentieren.

So gerät das Publikum, bevor es mit Duchamp selbst in Berührung kommt, zunächst in die Aura höchster Duchamp-Verehrung – vornehmlich durch Stauffer, die durch weitere Beispiele noch verstärkt wird. Somit ist dies auch eine Ausstellung über Stauffer, dessen leidenschaftliche Forschungen Duchamps Kunst adeln und gewissermaßen gegen jegliche Infragestellung immun machen. Warum? Weil es für die Kuratorin galt, vornehmlich ‚spröde’ Exponate – darunter unzählige Notizen und Skizzen – für diese Ausstellung so zu inszenieren, dass sie das ihnen gebührende Interesse zu wecken imstande sind.

Diese Hürde nimmt sie elegant, indem sie im Ausstellungstitel den 1960 von Stauffer angewandten Kunstkniff der 100 Fragen zitiert, welche dieser im Zuge seiner obsessiven Forschungen an Duchamp tippte. Zur Überraschung Stauffers hatte jener diese auch beantwortet; der Briefwechsel zählt heute zu den wichtigsten Dokumenten der Duchamp-Forschung. Freilich sind es andere Fragen und Antworten, die hier anhand der vom amerikanischen Konzeptkünstler Joseph Kosuth gestalteten Postkarten durch die Schau führen. Fragen, die sich dem Betrachter vielleicht aufdrängen, und Antworten, die die Kuratorin und ihr Assistent Christian Sander kreativ beantworteten.

Immerhin ist es das erste Mal, dass die Staatsgalerie ihren umfangreichen Duchamp-Bestand, darunter das berüchtigte Readymade „Flaschentrockner“ oder das Fensterobjekt „La Bagarre d’Austerlitz“, in einer Ausstellung zeigt. Daneben sind bedeutende Leihgaben aus internationalen Museen und Sammlungen zu sehen, wie das sogenannte „Große Glas“ aus dem Moderna Museet in Stockholm, oder die „Grüne Schachtel“ (1934), die 93 Notizen birgt – Beobachtungen, Einfälle, „in einer Art Album ohne jeden Zusammenhang vereint“. Und natürlich das Duchamp-Archiv Stauffers.

Sogenannte Sound-Duschen verlesen Duchamps witzige Texte. Zudem erfand Duchamp bereits 1914 eine Publikationsmethode, auf die er immer wieder zurückgreifen sollte: Er dokumentierte seine eigenen Werke in Fotografien und Skizzen, die er, wiederum als Readymades, in mehrfacher Ausführung in Pappschachteln verstaute. Das Werk im Werk im Werk… All dies findet man in dieser multimedialen, meisterhaft inszenierten Schau, die selbst zu einem Meisterwerk der Vermittlungskunst avancierte, weshalb man sie keinesfalls verpassen sollte.

 

Was: Ausstellung: “Marcel Duchamp: 100 Fragen. 100 Antworten”
Wann: bis 10. März 2019. Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.
Wo: Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, 70173 Stuttgart
Web: www.staatsgalerie.de