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Theater | Mai 2018 | von Georg Rudiger

„La Bohème“ am Theater Freiburg: Generation Selfie und der Tod

Daniel Carter dirigiert, Frank Hilbrich inszeniert

„La Bohème“ ist für Opernhäuser eine sichere Bank. Puccinis Oper aus dem Jahr 1896 funktioniert fast immer mit ihrer klar erzählten Geschichte, dem reichen Orchesterpart und den berührenden Melodien. Die Mansarde der vier Künstlerfreunde als Sehnsuchtsort – mit Staffelei und Ofen, großen Gefühlen und einer Leichtigkeit, die die schwierigen Lebensbedingungen der Protagonisten ironisch bricht.

Die Schauspieler Michael Borth, Katharina Ruckgaber, Solen Mainguené und Harold Meers in Puccinis “La Behème” am Theater FReiburg. ©Rainer Muranyi

Auch die Premiere am Freiburger Theater ist ausverkauft – und für die nächsten Folgevorstellungen gibt es nur noch wenige Karten. Von Beginn an zaubert das Philharmonische Orchester unter der Leitung des ersten Kapellmeisters Daniel Carter einen plastischen, extrem beweglichen Orchesterklang, der Maß hält und viele Farben hat. Blitzschnell schalten die vorzüglichen Musikerinnen und Musiker um zwischen lockerem Parlando und hochemotionalem Ton. Daniel Carter hält die Fäden zusammen und knüpft damit ein dichtes Netz aus Assoziationen und Erinnerungen. Der Australier hat damit wichtigen Anteil an dieser enormen Ensemble-Leistung des Freiburger Theaters.

Diese Leichtigkeit und Eleganz ist in Frank Hilbrichs Inszenierung leider nicht zu erleben. Der kluge Regisseur, der am Freiburger Theater zahlreiche Wagner-Opern erhellend sezierte, aber auch eine glänzende „Csárdásfürstin“ voller Selbstironie auf die Bühne brachte, setzt diese „Bohème“ in ein starres Konzept, das ihr nicht immer gut tut. Die Mansarde ist im Bühnenbild von Volker Thiele eine Yuppie-WG, die wahrscheinlich die Putzfrau am Vortag noch durchgewischt hat.

Man sitzt auf einem gelben Designer-Stuhl oder schwarzen Pezzi-Ball, man trägt karierte 7/8-Hosen und frisch gebügelte weiße Hemden (Kostüme: Gabriele Rupprecht). Die gestylten Jungs kümmern sich vor allem um sich selbst, schießen in dem kühlen, hellblau-grünen Ambiente ein Selfie nach dem anderen und beamen es an die Wand. Natürlich arbeiten auch der Maler Marcello und der Dichter Rodolfo am Laptop, wenn sie nicht gerade in die Kamera posen. Das wird von der Regie alles mit dem Leuchtstift markiert, was das Setting zu konstruiert erscheinen lässt und den Figuren die Glaubwürdigkeit nimmt. Als Solen Mainguené in der Rolle der Mimì mit einem Hustenfall auf die Bühne stürzt, bleibt Harold Meers als Rodolfo völlig passiv. Die Annäherung zwischen den beiden erfolgt dann ganz plötzlich und endet kopulierend auf der Couch.

Aber die musikalische Zeichnung passt nicht so recht zur szenischen Interpretation. Harold Meers ist mit seinem lyrischen, etwas einfarbigen Tenor zu verbindlich, um die soziale Kälte, die ihm Hilbrich vermacht, musikalisch auszudrücken. Die Französin Solen Mainguené dagegen hat stimmlich wenig Zerbrechliches. Mit ihrem über ein gewaltiges dramatisches Potential verfügenden Sopran macht sie aus Mimì eine starke Frau, die ihren Emotionen freien Lauf lässt. Michael Borth ist ein viriler Marcello. Auch Jin Seok Lee gibt Colline ein großes Fundament. John Carpenter komplettiert als eleganter, geschmeidiger Schaunard die Wohngemeinschaft. Im Quartier-Latin-Akt bringt Frank Hilbrich mit dem in bunten Winterklamotten gesteckten Kinderchor (Leitung: Thomas Schmieger) Farbe und Bewegung ins Spiel. Chor und Extrachor (Leitung: Norbert Kleinschmidt) tragen Schwarz.

Die Wände beginnen zu flimmern, wenn nicht gerade die Selfies als Gesamtschau projiziert werden. Aber auch hier sind manche szenische Akzente zu stark, wenn etwa die zickige Musetta (mit schlackenlosem Sopran: Katharina Ruckgaber) von ihrem neuen Lover Alcindoro (wuchtig: Juan Orozco) minutenlang an den Brüsten und zwischen den Beinen begrapscht wird. Das hohe Tempo der Szene ist bei Dirigent Daniel Carter jedenfalls in guten Händen. Nach der Pause wird der Abend szenisch dichter. Von der Selbstbezogenheit der Figuren bleiben nur noch Pixel an den Wänden. Das Drama um die sterbende Mimì nimmt seinen Lauf – gerade bei den dramatischen Passagen der Partie setzt Solen Mainguené Maßstäbe.

Auch das Orchester härtet seinen Klang, ohne je die Solisten zu gefährden. Und dann stirbt diese Frau zu den berührenden, nochmals dramatisch auflodernden Klängen aus dem Orchestergraben. Ihr digitales Abbild an der Wand wird zur Anklage. Rodolfo entzieht sich jedoch abermals der Verantwortung und versteckt sich hinter seinem Laptop.

Georg Rudiger

Weitere Termine: 6./13./16. Mai, 23. Juni., 12./20. Juli 2018. www.theater.freiburg.de