Kommunikativ, politisch, künstlerisch

Im Gespräch: Barbara Mundel, Intendantin des Theater Freiburg und Fabrice Bollon, GMD

Wenn das Theater Freiburg die Saison 2010/11 startet, geht es erst einmal in den Schwarzwald. In St. Georgen steht die Uraufführung „Die große Pause“ an, die sich mit dem Verschwinden der Feinmechanikindustrie im Schwarzwald und ihren gesellschaftlichen Folgen befasst. Und groß war auch die Pause der theaterfreien Zeit. Die Saison, die am 18. September beginnt, ist eine besondere. Vor 100 Jahren, am 8. Oktober 1910, wurde das neue Stadttheater Freiburg eingeweiht. Grund genug für ein Jubiläumswochenende, zahlreiche Veranstaltungen im Laufe der Spielzeit und dieses Interview. Georg Rudiger und Annette Hoffmann befragten Barbara Mundel und Fabrice Bollon, was es für sie heißt, heute Theater zu machen, nach Sinn und Zweck von Vermittlungsarbeit und dem Ring.

Kultur Joker: Das Theater Freiburg feiert in der nächsten Spielzeit sein 100-jähriges Bestehen. Stellt diese Tradition eine Verpflichtung dar? Und wenn ja, welche?

Barbara Mundel: Wir haben uns in den letzten vier Jahren sehr intensiv damit beschäftigt, dass dieses Theater auf bürgerschaftlichem Engagement begründet ist und wie man das neu interpretieren kann. Wir stellen uns immer wieder die Frage, was es heißt für eine derart ausdifferenzierte und veränderte Gesellschaft, wie wir sie heute haben, Theater zu machen. Heute muss man immer wieder darum ringen, dass Theater als eine gesellschaftliche Notwendigkeit gesehen wird und dass man es subventionieren muss. Ich wünsche mir, dass diese Auseinandersetzung nicht allein über die Frage der Subventionen geführt werden würde, sondern als eine inhaltliche Auseinandersetzung.

Kultur Joker: Es gibt viel Lob, auch überregionales, für das integrative Konzept des Theater Freiburg alle Bevölkerungsschichten einzubeziehen. Reicht heute die künstlerische Haltung nicht mehr aus, um sich als städtisches Theater gegenüber der Politik zu legitimieren?

Mundel: Kunst versus Sozio-kultur ist eine bundesweit geführte Debatte. Ich meine jedoch, die Gesellschaft verändert sich, also verändert sich auch die Kunst. Für mich bedeutet das nicht: integrative Arbeit versus Kunst. Ich wehre mich auch gegen das Wort Integration, wir machen keine Integrationspolitik. Vielmehr versuchen wir herauszufinden, in welchem Verhältnis wir zum Publikum stehen in einer Gesellschaft, die sich total verändert hat. Wir sind da auch noch gar nicht angekommen; wir sind auf der Suche und versuchen verschiedene Antworten zu finden. Die Veränderung der Theaterkultur hat nichts mit Legitimationsproblemen zu tun, sondern mit einem weit gefächerten Dialog. Als Theater müssen wir heute einen Ort schaffen, der auf vielfältige Weise kommunikativ, politisch und künstlerisch ist. Im Theater sind wir auf den Dialog mit dem Publikum angewiesen, sonst findet Theater nicht statt.

Fabrice Bollon: Im künstlerischen Bereich stehen wir nicht unter Legitimationsdruck. Doch, wie man das Programm ausrichtet, hat sich verändert. Als Künstler können wir uns nicht herausnehmen, wir sollten immer die Gesellschaft reflektieren. Ansonsten werden wir schnell irrelevant. Die Funktion des Künstlers war es ja auch immer, an der gesellschaftlichen Entwicklung teilzunehmen und sie zu beeinflussen.

Kultur Joker: Das Theater Freiburg schmückt sich gerne mit seiner Jugendarbeit. Nun gibt es Vorstellungen, in denen Jugendliche massiv stören. Gibt es Grenzen dieser Vermittlungsarbeit?

Bollon: Auch hier ist ein Prozess notwendig. Ein Teil unserer Arbeit ist die Vermittlung. Der Probenbesuch und die Vorstellung sind nur der sichtbare Teil der Vermittlungsarbeit, der Großteil findet in den Schulen oder hier im Theater statt. In den Proben ist die Situation wesentlich intimer. Im Konzert sind die Schüler weit weg. Es wäre vorschnell da von Desinteresse zu sprechen. Heute können Familien, was Erziehung angeht, viel weniger leisten. Alles ist komplexer geworden. Würden wir solche Versuche stoppen, hieße es, zu verstärken, was gesellschaftlich nicht gut läuft. Sollen wir Jugendliche, die stören, rausschmeißen oder solche Projekte nicht mehr machen?

Mundel: Was ich aus dieser Frage heraushöre, ist, dass das Theater Freiburg mit seiner Jugendarbeit wirbt – und die Realität dabei verkennt. Hören lernt man nicht so schnell. Das ist eine Aufgabe, an der sehr viele mitarbeiten müssen. Der Musikunterricht ist an Grundschulen praktisch abgeschafft, das ist ein gesellschaftliches Problem. Es geht hier um Bildungspolitik und die Frage, welche gesellschaftlichen Werte wir vermitteln wollen.

Kultur Joker: Ein Höhepunkt des Saisonstarts ist „Der Ring der Nibelungen“, der vom 21. bis 26. September zu sehen ist. Haben Sie nicht Angst, sich mit dem „Ring“ zu übernehmen?

Bollon: Das werden wir dann sehen (lacht).

Mundel: Wieso? (lacht).

Kultur Joker: Weil es sicherlich ein Haus dieser Größe an Grenzen bringt. Wo liegen denn die Hauptschwierigkeiten bei solch einem Mammutprojekt?

Bollon: Bei der Kondition. Wir haben ja nur eine Orchesterbesetzung. Es gibt Opernhäuser mit größeren Orchestern, die ihre Besetzung auswechseln können. Bis jetzt zeigen die Kollegen eine unglaubliche Resistenz, sie wachsen mit den Aufgaben. Bei jeder „Götterdämmerung“ haben wir Standing Ovations. Der „Ring“ ist ein Riesenabenteuer. Aber so, wie das Orchester derzeit drauf ist, mache ich mir keine Sorgen. Wir probieren derzeit die Stücke durcheinander, um die Flexibilität zu erreichen, die es braucht, den Ring in einer Woche zu schaffen. Ob wir es schaffen, wissen wir erst, wenn es vorbei ist.

Mundel: Für die logistische Herausforderung haben wir enorm viele Weichen stellen müssen. Beim Ensembleaufbau mussten wir bedenken, was es heißt, mit diesen Sängern zukünftig weiter zu arbeiten. Es bedurfte einer sehr langen Vorbereitung, dass wir jetzt einen Siegfried im Ensemble haben. Und für die Technik ist der Aufwand fast noch größer. Vor dem Ende der Spielzeit haben wir „Rheingold“ komplett neu probiert, bei „Siegfried“ gibt es viele Neubesetzungen.

Kultur Joker: Welche Veränderungen wird es im Solistenensemble geben?

Bollon: Es wird immer Bewegungen im Ensemble geben. Das ist auch notwendig, sonst spielt man immer das gleiche Fach. Im Moment können wir etwa einen Mozart nicht recht spielen. Wir können das nicht leisten, daher wird es immer Bewegungen geben. Ein Sänger kann nicht alles bedienen. Gerade, wenn man gute Sänger haben will, muss man das umso mehr respektieren.

Mundel: Wir planen perspektivisch die nächsten drei, vier Jahre voraus. Dabei hatten wir auch besprochen, was es heißt, den „Ring“ am Anfang der Spielzeit zu machen und dadurch sehr viel zu blockieren. Parallel dazu laufen Vorproben für Schauspiel und Oper.

Bollon: Es ist klar, dass vieles rund um den „Ring“ geplant und organisiert wurde. Aber es gibt auch ein Leben nach dem „Ring“, das wir zusammen mit ihm geplant haben.

Kultur Joker: Um so etwas wie den „Ring“ bewerkstelligen zu können, müssen andere Sparten wie das Schauspiel doch zurückstehen?

Mundel: Wenn man das langfristig plant, nicht. Natürlich hat eine solch große Produktion Konsequenzen. Wir haben das mit den Schauspielkollegen besprochen. Eine solche Produktion bringt uns allen etwas. Das muss man fruchtbar machen.

Kultur Joker: Wird es eine stärkere Beteiligung am Internationalen Tanzfestival Freiburg geben und wird das Theaterfestival, wie es vielfach im OB-Wahlkampf anklang, wieder belebt?

Mundel: Wolfgang Graf, der das Tanzfestival zusammen mit Karin Hönes organisiert, und ich befinden uns im permanenten Gespräch. Und es gibt energische Ansätze, das Festival so abzusprechen, dass wir gut miteinander kooperieren können. Ich bin der Meinung, dass Freiburg auch ein Theaterfestival braucht. Wir brauchen hier dringend ein Schaufenster zur Welt. Die Stadt Freiburg hat sich bei der Bundeszentrale für politische Bildung für das Festival „Politik im freien Theater“ beworben. Ich habe die Bewerbung sehr unterstützt, damit andere Handschriften, Inhalte und Formen hier präsentiert werden können. Das finde ich extrem wichtig für unsere Arbeit.

Kultur Joker: Derzeit wird überlegt, das Literaturforum zum Literaturhaus aufzustocken und es in unmittelbarer Nähe zum Theater Freiburg zu eröffnen. Wie entwickelt sich dieser Plan?

Mundel: Die Idee des Architekten ist, einen Baukörper zu gestalten, der als solcher eigenständig wahrnehmbar ist. Im Gespräch ist die Baulücke zwischen Kleinem Haus und der Kantine in der Sedanstraße. Gegenüber soll ein neues Informationszentrum der Universität gebaut werden und die Umgestaltung des Rotteckrings soll sich bis in die Sedanstraße hineinziehen. Das ist also ein sehr attraktiver Ort. An einer solchen Stelle ist natürlich ein synergetischer Effekt gewünscht. Ein solcher Ort muss jedoch unabhängig von Personen eigenständig funktionieren. Ob der Gemeinderat einem solchen Plan zustimmt, ist natürlich noch nicht sicher.

Kultur Joker: Herr Bollon, Ihr Vertrag läuft nach der kommenden Saison aus. Möchten Sie in Freiburg bleiben?

Bollon: Möchten schon. Ich bin im Gespräch mit der Stadt. Die Arbeit trägt sehr viele Früchte und ich kann mir vorstellen, dass wir weiter wachsen. Das Problem ist jedoch, dass das Orchester in der städtischen Konstellation benachteiligt ist. Wir müssen uns das Publikum mit Institutionen wie dem SWR-Orchester und den Albert-Konzerten teilen, die alle finanziell anders aufgestellt sind. Man muss mir erst einmal erklären, wie ein Orchester mit 64,5 Planstellen gegen Orchester mithalten soll, die problemlos mit 90 Musikern auftreten können.

Unsere Auslastung von über 80 Prozent zeigt, dass wir ein großes Potential haben. Wie lange wir dieses Niveau halten können, weiß ich nicht. Die Stadt, die diese Situation auch mit dem Konzerthaus geschaffen hat, muss hier Verantwortung zeigen. Man muss wissen, dass als das Konzerthaus gebaut wurde, dem Städtischen Orchester zugesagt wurde, zum A-Orchester aufzusteigen und in das Konzerthaus einziehen zu können. Das Konzerthaus wäre dann das Haus des Philharmonischen Orchesters geworden. Dass dies nicht eingetroffen ist, wissen wir inzwischen. Mit dieser Konstruktion hat man die städtische Institution stark geschwächt. Und all die anderen Institutionen sind nicht städtisch und werden vielleicht nicht immer hier bleiben. Jetzt zeigt das Orchester, wie viel Potential und Motivation da ist. Ich träume nicht von einem A-Orchester, aber es ist notwendig, dass politische Signale für eine Verbesserung der Situation kommen. Dass das derzeit angesichts der Wirtschaftskrise nicht ganz einfach ist, weiß ich. Aber eine Geste halte ich für notwendig.

Kultur Joker: Und wenn diese Geste nicht kommt, dann gehen Sie?

Bollon: Eine solche Sprache spreche ich nicht. Prinzipiell möchte ich unbedingt bleiben. Was wir hier im Ganzen machen, halte ich für sinnvoll. Mir geht es nicht darum, eine große Karriere aufzubauen, sondern um die Arbeit an Ort und Stelle. Das Philharmonische Orchester ist sehr zukunftsfähig. Aber man muss an allen Fronten kämpfen. Und es gibt Fronten, an denen ich die Arbeit der Politik übernommen habe. Als Politiker muss ich doch ein Interesse haben, meine Stadt und die eigenen Institutionen zu stärken.

18.9. Die große Pause in St. Georgen;

21.-26.9. Der Ring der Nibelungen;

3.10. Eröffnungsmatinee & Welcome-Konzert;

8.10. Haslach 2010:

Der Besuch der alten Dame;

9.10. Mein prähistorisches Hirn;

Als wir Menschen waren;

Sexmission;

10.10. Villa global;

Megalopolis;

Engel der Verzweiflung.

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