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Kunst | Dezember 2019 | von Nike Luber

Karin Kneffel Retrospektive im Museum Frieder Burda in Baden-Baden

Motive mit geheimnisvoller Aura

Überlebensgroß, unwirklich schön, geradezu überirdisch strahlend: auf Gemälden der Künstlerin Karin Kneffel wirkt banales Obst wie ein vergrößerter Ausschnitt aus einem Traum vom Paradies. Äpfel, Pfirsiche, Trauben, alles verwandelt sich unter Kneffels präzisem Pinselstrich in etwas Wertvolles. Kein Supermarkt und kein Biohof kann solche Früchte produzieren, man muss schon nach Baden-Baden fahren und das Museum Frieder Burda besuchen. Dort hängen nicht nur die glorifizierten Früchte an den Wänden. Das Haus zeigt in Zusammenarbeit mit der Künstlerin und der Kunsthalle Bremen bis zum 8. März eine große, rund 140 Arbeiten umfassende Retrospektive.

© Thomas Bruns


Die Schau zeigt die Entwicklung der Malerin von den 1990er Jahren, in denen die „Obstporträts“ entstanden, hin zu Architekturbildern, die alle mindestens ein Geheimnis hüten. Karin Kneffel war Meisterschülerin von Gerhard Richter, einem der Maler, der vom verstorbenen Museumsgründer Frieder Burda lange und intensiv gesammelt wurde. Sie spielt aber nicht wie Richter mit verschwimmenden Konturen. Auf den ersten Blick sieht alles klar und eindeutig aus. Bis auf die leuchtenden Tropfen, die dem Betrachter die Illusion vermitteln, er stünde draußen im Regen und würde durch ein Fenster auf ein Wohnzimmer blicken.
Oder das Gemälde, das einem suggeriert, man wäre gleichzeitig drinnen und draußen. Drinnen, als würde man hinter dem Sessel stehen, von dem noch die Lehne zu sehen ist, daneben die Stehlampe und der Vorhang. Draußen, weil durch eine Fensterfront ein anderes Interieur zu sehen ist.
Manche Bilder könnten Teil eines Films sein. Dieses scheinbar unauffällige weiße Haus zum Beispiel, das im Mittelpunkt einer kleinen Bildserie steht. Es liegt auf jedem Bild im Zwielicht. Von der Seite wirft ein Baum filigrane Schatten auf die Hauswand, im Vordergrund erglühen rote Tulpen ohne dass man eine Lichtquelle erkennen könnte. Und vor jedem Bild fragt man sich, was jetzt passieren könnte. Wird das Haus Schauplatz einer heimlichen Affäre? Oder eines Verbrechens? Kneffels Kunst besteht unter anderem darin, nicht einfach etwas abzubilden, sondern ihr Motiv aufzuladen, ihm eine geheimnisvolle Aura oder eine andere Ebene zu verleihen.
Das gelingt ihr auch mit dem gläsernen Kubus, der mitten in einem großen Museumsraum steht, umringt von Statuen. Doch die Helden dieser drei Bilder sieht man nicht sofort. Zuerst stolpert man optisch über den nassen Schwung entlang der Glasfläche. Wer dieser Spur folgt, erkennt im Inneren des Kubus die Putzkolonne bei der Arbeit. Auf anderen Bildern rückt Karin Kneffel diese oft übersehenen Heldinnen und Helden des Alltags direkt in den Vordergrund. Putzfrauen, die im alten Stil, auf Knien, den Boden schrubben.
Kneffels ausgefeilte Interieurs entstehen nicht durch das Abmalen einer Fotografie. Die verschiedenen Zeitebenen, Durchsichten, das Nebeneinander von Schärfe und Unschärfe lassen sich fotografisch gar nicht herstellen. An einigen Bildern arbeite sie gedanklich mehrere Monate, sagt die Künstlerin über ihre komplexe Arbeitsweise.
Die Ergebnisse sind faszinierend. Zum einen sehr sinnlich, wie die roten Tulpen, die scheinbar aus sich selbst heraus leuchten, und zum anderen spannend, weil die mit so viel Überlegung gemalten Bilder immer so wirken, als wären sie eine Momentaufnahme. Als müsste gleich jemand in das detailliert ausgestattete Zimmer treten. Als würde der Mann, der schlafend auf der Bank in der Cafeteria liegt, gleich aufstehen – oder herunterfallen.
Ganz anders und deshalb eine gute Ergänzung, sind die Arbeiten der Brasilianerin Sonia Gomes. Sie arbeitet mit Stoffen, Wolle, Treibholz, die sie zu surreal verdrehten, filigranen Arbeiten zusammenfügt. Ihnen haftet etwas Organisches an, als würden Stoffpolster aus dem alten Ast herauswachsen. „I Rise – I’m a Black Ocean, Leaping and Wide“ heißt die kleine Ausstellung von Gomes, nach einem Gedicht der afroamerikanischen Künstlerin Maya Angelou.
Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8b, 76530 Baden-Baden, Di-So 10-18 Uhr, Eintritt 14€, www.museum-frieder-burda.de

Nike Luber