Kunst

Kalligraphie als Lebensschule: Rie Takeda stellt im Atelier 4e in Freiburg aus

Rie Takeda: „A tale of new and then“ © Rie Takeda

Ein Hauch von Exotik weht im Atelier 4e, wenn Rie Takeda den 1,5m hohen und 2kg schweren Pinsel schwingt, um in ihrer Life Performance das Wort „panta rhei“ zu zeichnen. Vier große Kanji-Buchstaben aus Tusche fließen auf die Papierrolle, die sich quer durch den Raum der Galerie zieht. Alles fließt, erklärt die Künstlerin und erläutert die Bedeutung der Bewegungen und der „Federführung“ – und wie die Energie sprichwörtlich in den Boden fließt, während sie den Pinsel führt.
Die Künstlerin zeichnet seit sie im Alter von fünf Jahren unter der Aufsicht ihrer Großmutter Shodo zu üben begann. Shodo beschreibt die japanische Schriftkunst und setzt sich aus den zwei Kanjizeichen „Sho“, das für Schreiben oder Schrift steht, sowie „Do“ zusammen, das mit dem Pfad oder dem Weg übersetzt werden kann. Shodo entwickelte sich im 5. Jhd. n.C. und wird in Japan bis heute als hohe Kaligraphie-Kunst geschätzt.
Rie Takeda nahm in ihrem Werdegang Unterricht an der renommierten Gayu-Shodo Kalligraphieschule. Dort lernte sie vielfältige Arten der Kalligraphie kennen, sowie Sumi, die japanische Tuschemaltechnik. Seit 2000 arbeitet die freischaffende Künstlerin und professionelle Kalligraphin in Großbritannien, Europa und natürlich Japan.
Daneben unterrichtet sie seit mehr als zwanzig Jahren japanische Kalligraphie, Shodo, und bietet auch in Freiburg immer wieder Kurse für Kalligraphie an, die sich großer Beliebtheit erfreuen.
Das Atelier 4e zeigt nun ausgewählte Arbeiten der Künstlerin. Unter dem Motto „Seasons“ finden sich sechzehn Arbeiten im Ausstellungsraum der Galerie, die zwischen 2008 und 2023 entstanden sind. Gemein ist den Arbeiten, dass die Zeichen Bezug auf die Jahreszeiten nehmen. Dabei sind die Jahreszeiten durchaus auch als Metapher menschlichen Werdens und Vergehens zu verstehen.

Rie Takeda: „Shizen 4 Seasons“
© Rie Takeda

So findet sich unter den Arbeiten der „Unsui Koi-Dragon“, ein Fisch in einer Spirale aus Sumi-Tusche und Gouache auf Papier. Hier hat Takeda die Kalligraphie im Miniatur-Format in den Schuppen des Fisches eingearbeitet.
Neben klassischen Tuschearbeiten wie Mu und Nyo (beides Acryl auf Holz) finden sich auch knallige Exemplare, wie „The Sakura Path to the Mountain Fuju“, Der Kirschblütenpfad zum Fuji-Berg (Sumi-Tusche und Gouache auf Papier), die in ihrer bunten Komposition frech, fröhlich und frühlingshaft anmuten. Takeda bezeichnet diese Arbeiten als Neo-Japonismus. Hier korrespondieren Farben in einem Geflecht aus stilisierten Formen. Die Zeichen können dabei in vielfältiger Weise modifiziert werden.
Die Besonderheit Rie Takedas liegt darin, dass sie neben ihren zeichnerischen Qualitäten zu ausgewählten Werken auch kurze Gedanken notiert, die wie kleine Gedichte daher schweben und die Werke dahingehend komplementierten. Dass das Schreiben neben dem Zeichnen einen weiteren Stellenwert in Takedas Leben hat, wird spätestens mit der Publikation ihres Buches „Shodo: The practice of mindfulness through the ancient art of Japanese calligraphy“ deutlich, das 2022 auf Englisch erschienen ist.
Strenge Regeln prägen die Kalligraphie-Kunst. Erst in der Errungenschaft dieses Regelwerks, das durch beständiges Üben gefestigt wird, dürfen diese modifiziert werden. Wer ständig übt, „im Fluss bleibt“ und dieses Regelwerk perfektioniert, darf diese kreativ brechen und neue Pfade beschreiten. Fokussierung, Konzentration und beständiges Üben sind die Leitplanken dieser Kunstform.
Zum Abschluss ihrer Performance im Atelier 4e erläutert Takeda die vier Kanji-Zeichen. So steht das dritte Zeichen für das Wasser-Element und das letzte zeigt eine Spirale mit offenem Ende. Die Verbindung der Zeichen geht zurück auf die letzte Bewegung des vorherigen Zeichens. Das neue Zeichen beginnt mit eben dieser Bewegung. So bleibt der oder die Künstlerin im „Flow“, ein wichtiges Charakteristikum der Shodo-Praxis. Die Energie muss in die Tusche fließen, erst so wird sie sichtbar und für den interessierten Beobachter auch fühlbar. Takeda, die während der Live-Performance so leichtfüßig über das Papier schwebt, vereint beides: technische Perfektion und asiatische Verspieltheit zur zeitgenössischen Kunstform.

Rie Takeda, „Jahreszeiten/Seasons“, Galerie 4e, Freiburg. Bis 12.05.2023

Bildquellen

  • Rie Takeda: „A tale of new and then“: © Rie Takeda
  • Rie Takeda: „Shizen 4 Seasons“: © Rie Takeda