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Interview | Oktober 2018 | von Fabian Lutz

„Träume habe ich noch genug“

Im Gespräch: Stummfilmmusiker Günter A. Buchwald

Günter A. Buchwald  ist als Stummfilmmusiker international gefragt. In diesem Jahr feiert der Freiburger sein 40-jähriges Bühnenjubiläum, seine neue Komposition zum Stummfilm Casanova feiert im Sommer 2019 im Theater Freiburg Premiere. Ein Gespräch über die Renaissance des Stummfilms, dessen politische Bedeutung und die vielfältige Arbeit als Dirigent, Pianist, Violinist und Komponist.

© Klaus Polkowski

Der Freiburger Musiker Günter A. Buchwald.

Kultur Joker: Sie sind Stummfilmmusiker. Ein Beruf, der erst einmal altmodisch klingt. Worin liegt die Aktualität Ihrer Arbeit?

Günter A. Buchwald: Dazu gibt es zwei Antworten. Zum einen sind die Filmarchive auch heute noch bestrebt, die alten Zelluloidfilme vor dem Zerfall zu retten und sie zu restaurieren. Damit man diese Filme auch heute wieder sehen kann, braucht es Filmmusik wie es sie ja auch früher gab. Zum anderen bleiben viele Stummfilme, die ja hauptsächlich in den 1920er-Jahren spielen, weiterhin aktuell. Ich befürchte, dass wir uns wieder in Richtung der 1930er-Jahre bewegen, mit Trump, AfD und den rechten Bewegungen. Aktuell habe ich einen Kompositionsauftrag aus Seattle von der Organisation Music of Remembrance, ein klassisches Ensemble mit dem Ziel, das Kulturerbe jüdischer Komponisten zu bewahren, die etwa in Theresienstadt komponierten und dann ermordet wurden. Am 15. April nächsten Jahres werde ich mit dem Ensemble den Film Die Stadt ohne Juden in Seattle begleiten. Schon in diesem Film von 1924 wird der Antisemitismus gezeigt. Man sieht, wie Juden aus dem Land Utopia, das aber eindeutig als Wien zu erkennen ist, abtransportiert werden. Bilder, die man mit Bildern aus wirklichen Dokumentarfilmen aus dem Dritten Reich verwechseln könnte.

Kultur Joker: Ist für Sie das Politische eine wichtige Komponente in Ihrem Schaffen?

Günter A. Buchwald: Ich habe nicht nur Musik, sondern auch Geschichte studiert. Daher habe ich ein Interesse an historischen Hintergründen. Dass sich diese Schwerpunktsetzung ergibt, liegt aber an den Filmen, von denen ein guter Teil auch politisch ist. Als ich vor 40 Jahren angefangen hatte, Stummfilme zu vertonen, wusste ich noch gar nicht, wie groß das Feld ist. Oft werde ich auch auf Filme wie Väter der Klamotte oder Stan & Ollie (Anm.: Auch bekannt als „Laurel und Hardy“) angesprochen. Und ja, diese Slapstick-Filme gibt es, sie bilden aber höchstens 10 Prozent der Stummfilme. Im Laufe der Jahre habe ich dann auch die politischen Stummfilme entdeckt und mich gefreut, dass es sie gibt. Aber auch die sind nur ein Teil meines Berufs.

Kultur Joker: Soundtracks sind heute ja schon in den Film integriert und werden nicht mehr simultan live gespielt, wie Sie es im Falle der Stummfilmmusik tun. Wo liegt für Sie die Besonderheit in diesem Live-Event?

Günter A. Buchwald: Sie sagen es ja bereits: Es ist ein Live-Event. Es ist etwas anderes, ob die Musik aus dem Lautsprecher kommt oder ob sie von einem Ensemble, einem Pianisten oder einem Orchester live aufgeführt wird. Der Fokus ist ein anderer. Man hört anders zu. Dabei kann man bewusster zuhören, aber man kann auch vergessen, dass da jemand live spielt. Heute ist den Leuten aber auch bewusst, dass die Aufführung meiner Stummfilmmusik ein einmaliges Event ist. Meine Musik ist nämlich in der Regel improvisiert. Die nächste Aufführung kann also anders werden.

Kultur Joker: Wenige Ihrer ZuhörerInnen dürften mit Stummfilmmusik sozialisiert worden sein. Wie reagiert das heutige Publikum auf Ihre Aufführungen?

Günter A. Buchwald: Für viele ist der Besuch einer meiner Aufführungen vollkommen neu, aber ich habe auch ein Stammpublikum. Wie der einzelne meine Aufführung aufnimmt, kann ich aber nicht steuern, das hängt von vielen Faktoren ab, etwa von der musikalischen Vorbildung oder der Kenntnis bestimmter Filme. Oft sind in den Filmen ja auch Hinweise auf andere zeitgenössische Filme oder gar direkte Zitate enthalten. Und auch die Musik macht manchmal Anspielungen auf zeitgenössische Musik aus den 20er-Jahren. Oft werden in den Filmen Musikensembles gezeigt, die live dann vertont werden. Da erklingt dann oft zeitgenössische Jazz- oder andere Unterhaltungsmusik.

Kultur Joker: Wie wählen Sie denn die Musik zu den vorliegenden Stummfilmen aus?

Günter A. Buchwald: Ich schaue individuell, welcher Film Strawinsky oder Bartók oder etwas noch Moderneres verträgt. Manche Filme werden wie eine Schubert-Ballade erzählt. Im Falle des kommenden Casanova-Films, der in St. Petersburg und Venedig um das Jahr 1760 spielt, werde ich entsprechend „historisch“ gefärbte Musik aufführen.

Kultur Joker: Wie positionieren Sie sich als Stummfilmmusiker zum Film? Machen Sie bloß die Begleitung oder stehen sich für Sie Musik und Film gleichwertig gegenüber?

Günter A. Buchwald: Was Sie als „Film“ bezeichnen bedeutet für mich das Zusammenspiel aus visueller Schicht und musikalischer Schicht. Film ist immer ein komplettes Erleben von Bild und Ton. Generell kann man schon sagen, dass wir den Film begleiten. Aber dann hängt es auch vom jeweiligen Film ab: Manchmal können wir den Film einfach laufen lassen, ja wir dürfen nicht viel machen, und manchmal müssen wir den Film sozusagen „an die Hand nehmen“, damit er auch heute noch geschaut werden kann. Die Musik muss beim Film auch vordenken können, kommende Szenen ankündigen, manchmal alles sogar zusammenhalten. Mein Verhältnis zum Film ist sehr vielfältig und variantenreich. Man kann das nicht eindeutig festlegen, das hängt immer vom Film ab.

Kultur Joker: Spielen Sie nur selbstkomponierte Musik oder auch bestehende?

Günter A. Buchwald: Wenn ich mit dem Klavier, der Violine oder mit meinem Ensemble, Trio oder Quartett, spiele, dann improvisiere ich. Wenn ich ein Orchester dirigiere, dann spielen wir nach Noten. Entweder Noten, die, etwa bei Eduard Künnekes Musik zu Das Weib des Pharao, bei den zeitgenössischen Kompositionen zu Metropolis oder bei neuerer Musik zu den Filmen von Buster Keaton, bereits existiert oder Selbstkomponiertes. Für Nosferatu, Faust und jetzt Casanova habe ich eigene Musik komponiert. Da dachte ich, dass es dazu noch nicht die richtige Musik gibt.

Kultur Joker: Gefallen Ihnen manche Originalkompositionen also nicht, sodass Sie dann lieber eigene Musik komponieren?

Günter A. Buchwald: Die historische Stummfilmmusik besteht ja nicht nur aus Originalkompositionen, die wenigsten sogar sind Originale. Meist hat man aus hunderten Musikversatzstücken, quasi aus dem Steinbruch der Musikgeschichte, eine Musikkompilation erstellt und zur Aufführung gebracht. Ich vergleiche das immer mit gemischtem Salat. Manchmal passt das gar nicht. Wenn man etwa ein bekanntes Stück von Beethoven verwendet und das an einer Stelle im Film abschneidet, wo der Zuschauer eigentlich weiß, dass das Stück noch weitergeht, dann stört das. Man merkt einfach, ob eine Musik für einen Film komponiert oder nur zusammengestellt ist. Da bin ich doch Musiker genug, um die musikalische Qualität als gleichwertig zur filmischen zu erachten.

Kultur Joker: Der Film „The Artist“ hat versucht, den Stummfilm in die 2000er zu bringen und hat ihn, nicht zuletzt über die fünf Oscargewinne, auch wieder groß ins Gedächtnis gerufen. Ist der Stummfilm wieder da?

Günter A. Buchwald: Heutige Regisseure kommen durch die Renaissance des Stummfilms auch wieder auf ältere Filme und beschäftigen sich so auch mit dem Verzicht auf Sprache, wodurch das Bild wieder mehr Bedeutung erhält. Ein Meilenstein für mich ist dabei Der mit dem Wolf tanzt. Das ist zwar ein Tonfilm, aber vieles geschieht auf visueller Ebene und da erhält auch die Musik eine bedeutende Rolle. Aki Kaurismäki hat mit Juha 1999 einen Stummfilm gedreht, den man auch live begleiten kann. The Artist gehört zu einer besonderen Gattung, da er ja den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm behandelt. Da gibt es für mich diese magische Stelle, als der Artist vor dem Spiegel sitzt und plötzlich – sowohl für ihn als auch für den Zuschauer – das Abstellen der Tasse ein Geräusch erzeugt. Der Freiburger Filmemacher Stefan Pössiger hat 2002 Eine Hommage an Charlie Chaplin gedreht zu der ich auch die Musik gemacht habe. Dabei hat er mit gehörgeschädigten Kindern gearbeitet, die nicht sprechen können. Deshalb hat er einen Stummfilm gemacht. Der Film lief auf der ganzen Welt. Wenn man nicht genau hinsieht, sieht man übrigens nicht, dass Chaplin dort gar nicht mitspielt. Er wird von einem 14-jährigen Schüler genial dargestellt.

Kultur Joker: Sie haben die Stummfilmrenaissance angesprochen, zu der Sie ja auch gezählt werden. Seit wann gibt es die?

Günter A. Buchwald: Die Stummfilmrenaissance geht zurück auf eine internationale Konferenz von Filmarchiven im Jahr 1976, dort wurden entscheidende Maßnahmen zur Rettung des Filmerbes in die Wege geleitet. Aber schon ab 1970 gab es in Deutschland Stummfilmevents, vielleicht einmal im Monat. Heute gibt es weltweit sicher jeden Tag irgendwo eine Stummfilmaufführung.

Kultur Joker: Gibt es für Sie einen Lieblingsstummfilm? Und ist das der Film, den Sie auch am liebsten vertont haben?

Günter A. Buchwald: Nein, das kann ich nicht sagen. Ich habe mittlerweile mehr als 3000 Filme begleitet, da einen Liebling herauszugreifen wäre falsch. Es gibt ja auch nicht nur ein Genre „Stummfilm“. Bereits in den ersten 20 Jahren, 1895-1915, wurden alle Genres, die man heute kennt, entwickelt: Science-Fiction, die Liebesgeschichte, der Abenteuerfilm, der Kriminalfilm und so weiter. Für jedes Genre, und die Meisterwerke entstanden ja anschließend bis 1930, könnte ich mehrere Lieblingsfilme nennen. Oder: Es gibt Meisterwerke aus Schweden oder Deutschland oder von verschiedenen großen Regisseuren wie Fritz Lang, Ernst Lubitsch und Friedrich Wilhelm Murnau, da kann ich jetzt nicht einen Film herauspicken. Besonders gern vertont habe ich aber den Klassiker Nosferatu, den ich beim ersten Mal auch anders begleitet habe als nach dreißig Jahren Erfahrung.

Kultur Joker: Gibt es Filme, die Sie noch gerne begleiten möchten?

Günter A. Buchwald: Carl Theodor Dreyers Die Passion der Jungfrau von Orléans habe ich bereits dem Barockorchester Freiburg als Filmvorschlag genannt. Ich würde gerne eine Fassung mit diesem Orchester für Barockmusik und einem Freiburger Orchester für moderne Musik machen. Auch würde ich gerne einmal Der Müde Tod im Freiburger Münster an der Orgel begleiten. Träume habe ich also noch genug, aber es kommt auch immer ein Projekt dazwischen.

Kultur Joker: Apropos Projekte: Welche Konzerte erwarten die Zuschauer- und ZuhörerInnen neben der Aufführung von „Casanova“ und der von „Die Stadt ohne Juden“ noch?

Günter A. Buchwald: Am 2. und 3. März 2019 begleite ich mit dem Freiburger Philharmonischen Orchester zum ersten Mal einen Buster Keaton: Steamboat Bill, jr. Überhaupt wird das Freiburger Theater aufstocken, es wird zwei Filmkonzerte pro Spielzeit geben. Die Filmkonzerte kommen ja immer gut an und ich weiß, dass das Orchester diese Abwechslung auch liebt. Da werde ich immer gefragt: „Wann machen wir die nächsten Aufführung?“ Zuvor, am 10. Februar, werde ich aber noch Chaplins Moderne Zeiten in Bristol dirigieren.

Kultur Joker: Sie kommen ja viel in der Welt herum und sind international gefragt. Was bindet Sie denn an eine so beschauliche Stadt wie Freiburg?

Günter A. Buchwald: Ich bin in Freiburg geboren und aufgewachsen, bin also ein echtes Bobbele. Für mich ist Freiburg groß genug, um nicht Hinz und Kunz zu kennen und nicht so klein, dass man nicht mit der ganzen Welt zusammenkommen könnte, eine überschaubare Großstadt. Freiburg liegt noch dazu in der Mitte Europas, ich komme überall gut hin, gerade auch in die Schweiz und nach Frankreich. Aber ich spiele genauso gerne in Villingen-Schwenningen, Denzlingen oder Emmendingen wie in Seattle oder San Francisco. Auch habe ich hier meine Strukturen, ich bin seit 40 Jahren dem Kommunalen Kino verbunden. Und ich setze mich für die Stadt ein. Für das Stadtjubiläum habe ich die politische Idee, das Siegesdenkmal zu verhüllen, und gleichzeitig Übersehenes zu enthüllen. Wenn es klappt, soll es dazu natürlich auch Musik geben. Ich habe mich sehr gefreut, 2012 den Reinhold-Schneider-Preis gewonnen zu haben, was mir der Stadt gegenüber aber auch eine große Verpflichtung ist.

Kultur Joker: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!