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Interview | Januar 2019 | von Fabian Lutz

Im Gespräch: Luna Lux, Zauberin

„Hätte so gern ein deutsches Hogwarts!“

Auf der Bühne im Keller des Restaurants Schiff präsentiert das Zauberzentrum seit November jeden Mittwoch bekannte Profizauberer. Hinter dem Konzept steht das Zauberduo Soluna, Luna Lux und Christoph Borer. Fabian Lutz hat mit Luna Lux gesprochen und über ihren kuriosen Weg in die Zauberei, sexistische Stereotypen und die Zauberei als Weg, um all dem zu entkommen.

© Karsten Flögel

Luna Lux: Die Magierin steckt hinter dem Konzept zum Freiburger Zauberzentrum, das jeden zweiten Mittwoch im Freiburger Gasthaus Schiff stattfindet.

Kultur Joker: Welche drei Eigenschaften brauchen Zauberer?

Luna Lux: Das Wichtigste ist eine gute Intuition. Als Zauberin habe ich nie ein festes Skript, weil ich so viel mit dem Publikum interagiere. Man kann tausende Male zuhause geprobt haben, auf der Bühne ist es etwas völlig anderes. Und jedes Publikum, jeder Anlass ist anders. Deshalb braucht man die Spontaneität, Flexibilität, die Intuition. Dann braucht man Spaß, Spaß, an dem, was man macht. Die Besucher wollen unterhalten werden, da ist es die halbe Miete, wenn sie merken, dass du Spaß hast. Und dann ist Geduld unverzichtbar. Es ist toll, wenn man intuitiv reagiert und Spaß hat, aber man kommt um das geduldige Üben nicht herum.

Kultur Joker: Also ist es ein Vorurteil, dass Zauberei vor allem aus kleinen Tricks besteht, die man schnell erlernen kann?

Luna Lux: Zauberei besteht meist aus nur 30 Prozent Technik, das ist der Trick an sich. Die Leute gehen aber nicht in eine Zaubershow, weil sie tolle Technik sehen, sondern weil sie ein Erlebnis haben wollen. Ich muss mich also fragen: Warum mache ich diesen Zaubertrick überhaupt? Was ist die Motivation, was will ich damit zeigen? Manche bauen eine Geschichte auf, manche erzählen eine passende Erinnerung. Die nächste Ebene ist die Präsentation, also wie ich das dann erzähle, mit Wortwahl, Mimik und Gestik, aber auch welche Bühnenfigur ich darstelle. Kostüm und Requisiten gehören auch dazu. Und ich frage mich, welches Setting ich darstellen will. Wenn man all das beachtet, macht man aus dem gelernten Zaubertrick ein Zauberkunststück. Aber das ist ein langer Weg.

Kultur Joker: Wie lernt man das alles? Gibt es Schulen für Zauberei?

Luna Lux: Leider nein. Ich hätte so gern ein deutsches Hogwarts! Es gibt keine Ausbildung für Zauberei. Die meisten Zauberer sind aber über den Magischen Zirkel vernetzt, ein deutscher Verein für Zauberkunst. Da gibt es einen Dachverband und in jeder größeren Stadt einen Ortszirkel. In meinem Zirkel in Düsseldorf war ich in einer Arbeitsgemeinschaft und konnte das Zaubern lernen. Man bringt seine Tricks und Ideen und dann arbeitet man gemeinsam an Geschichte und Präsentation. Ganz wichtig ist dann aber ein Mentor. Man muss an der Seite eines Zauberers erleben, was Zauberei ist. Für mich war das eine der besten und ergiebigsten Möglichkeiten, die Zauberei zu erlernen.

Kultur Joker: Wie kamst du zur Zauberei? Der klassische Kindheitstraum?

Luna Lux: Das war eine sehr kuriose Mischung. Ich hatte als Kind einen Zauberkasten, aber niemand hat mir erklärt, wie er funktioniert. Ich komme aus einer absolut unkünstlerischen Familie. Ich habe mir eben gerne Zaubershows im Fernsehen angesehen. Der „maskierte Magier“ Val Valentino war für mich ganz groß. Die Option, dass ich zaubern könnte, gab es für mich aber nicht. Erst vor knapp zwei Jahren bin ich wieder mit der Zauberei konfrontiert worden, als ich über meinen Bekanntenkreis Christoph Borer kennengelernt habe.

Kultur Joker: Dein zukünftiger Mentor.

Luna Lux: Genau. Auf einem Geburtstag hatte er einen Zaubertrick gezeigt, es war total faszinierend. Als wir plauderten, fragte er mich, was ich denn beruflich mache. Ich sagte: „Ich bin in der Steuerverwaltung“ und er brach erst einmal in schallendes Gelächter aus: „Es kann doch nicht sein, dass du hinter einem Schreibtisch versauerst.“ Wir sind in Kontakt geblieben und dann kam er auch auf mich zu, als er einen neuen Zauberpartner suchte. Er hat dann einen Test mit mir gemacht. Ich sollte mit verbundenen Augen und nur mit meiner Stimme die Aufmerksamkeit des Publikums lenken. Das hat funktioniert und dann hat sich meine Zauberkarriere wie eine Lawine entwickelt. Ich liebe die Bühne. Ich liebe es, auf einer Bühne zu stehen und mit Menschen zu interagieren. Aber ich konnte es bis dahin nicht machen, denn von irgendwas muss man ja leben. Und dann kommt da dieser Schweizer Magier und bietet mir die Möglichkeit, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Das war wie Ostern, Geburtstag und Weihnachten zusammen und das sieben Mal die Woche.

Kultur Joker: Aber die Zauberei macht ja auch viel Arbeit, wie du schon sagtest.

Luna Lux: Ich habe das erste Kunststück Ostern 2017 gelernt,
ich war also sehr schnell. Aber da war auch so viel angestaute Bühnenenergie. Und ich hatte großes Glück, denn mein Mentor ist ein Altmeister. Der steht schon seit über 35 Jahren auf der Bühne und das überall auf der Welt. Andere Kollegen meines Alters sind da zu recht sehr neidisch. Andererseits ja, es ist harte Arbeit, in so kurzer Zeit auf so hohem Niveau zu lernen. Da gab es auch Momente, in denen ich an mir gezweifelt habe. Zwei Tage vor meinem Bühnendebüt im September 2017 mit gut 250 Zuschauern saß ich zuhause und habe mich gefragt, ob das nicht unfassbar vermessen sei, sich nach so kurzer Zeit vor so viele Leute zu stellen. Darüber habe ich kurz nachgedacht und mir dann gesagt: Weil ich es kann. Ich hatte so ein Vertrauen in das, was mir Christoph beigebracht hatte und so viel Intuition und Spaß an der Sache. Und ich dachte mir: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Kultur Joker: Wie lief das Debüt dann?

Luna Lux: Zur einen Hälfte lief es fantastisch, zur anderen ging es total schief. Aber es hat mir großen Spaß gemacht und mir gezeigt: Ja, da gehöre ich hin. Mittlerweile bin ich angekommen.

Kultur Joker: Läuft es noch immer manchmal schief?

Luna Lux: Zauberei hat immer ein einkalkuliertes Risiko. Es geht immer irgendwas schief.

Kultur Joker: Das erlebt man als Zuschauer allerdings eher selten. Bekommt das Publikum so etwas überhaupt mit?

Luna Lux: Nein, meistens nicht. Aber man muss mit dem Scheitern auch umgehen können. Man muss dann einfach weiter machen. Einmal hat mein finales Kunststück nicht funktioniert. Ich sollte Gedanken lesen, aber es ging nicht. Da habe ich dann eben gesagt: „Ihre Gedanken sind mir dermaßen verschlossen, dass ich mich nur entschuldigen kann. Dafür lade ich Sie aber auf ein Bier ein.“ Was sollte ich auch sonst machen? Zu retten war das Kunststück nicht mehr. Das Publikum hat es mir aber nicht übel genommen, die Person hat sich dann über das Bier gefreut.

Kultur Joker: Das ist ja auch eine nette, alltägliche Geste über die man sich freut. Ist es für dich wichtig, dass dich das Publikum auch als normalen, alltäglichen Menschen erlebt?

Luna Lux: Ja. Das Wichtigste neben einem schönen Gesamtbild aus Technik, Erzählung und Präsentation ist, dass die Bühnenfigur authentisch ist. Damit sich das Publikum wohlfühlt, muss es sich mit meiner Figur identifizieren können. Dann darf auch etwas schiefgehen. Zauberer sind keine Übermenschen. Je mehr man sich dem Publikum annähert, auch mit Selbstironie, umso mehr Spaß macht es auch.

Kultur Joker: Es steckt ja auch viel von dir selbst in der Zauberei, oder?

Luna Lux: Absolut. Auf der Bühne und mit der Zauberei kann ich mich und alle meine Aspekte ausleben. Viele Entertainer sind ja auch privat so, sind gerne mal laut, übertreiben, sind verspielt und nehmen das Leben nicht allzu ernst. Im alltäglichen Leben hat das oft gar keinen Platz. Das gehört auf die Bühne.

Kultur Joker: Die Zauberei als Job für Querdenker. Welchen Stellenwert hat Zauberei für dich in unserer vernunftgeprägten Gesellschaft?

Luna Lux: Die Leute sind deshalb von der Zauberei fasziniert, weil sie die nicht verstehen können. Das ist auch ihr Sinn. Es geht darum, die Menschen wieder in den Zustand eines neunjährigen Kindes zu versetzen, das gerade die Welt entdeckt. Das Kind sieht die Dinge erst einmal in ihrem Ist-Zustand, akzeptiert sie und erfreut sich an ihnen. Das hat auch einen psychologischen Aspekt: Man ist frei von allen Sorgen und Verpflichtungen.

Kultur Joker: Aber nicht jeder will Unverständlichkeit.

Luna Lux: Das stimmt. Deshalb hat die Zauberei auch einen Underdog-Status in der Gesellschaft. Nicht alle wollen sich auf etwas einlassen, dass man nicht endgültig beurteilen kann. Vor allem bei Zaubershows für Firmen kommen danach oft Zuschauer zu mir und wollen wissen, wie der Trick denn nun funktioniert. Und das auch gar nicht mit kindlicher Begeisterung, sondern mit einem mechanischen „Ich muss das verstehen“. Es gibt zu viele Leute, die nicht mehr einfach loslassen und staunen können. Mein Job ist, dass die Leute nichts verstehen. Mein Auftrag sehe ich auch darin, die Leute ein bisschen aus dem Leistungsgedanken, alles verstehen zu müssen, rauszuholen. Es ist natürlich Entertainment, aber es geht auch noch eine Ebene tiefer.

Kultur Joker: Ganz entkommen kann man der Leistungsgesellschaft aber nicht. Du meintest es ja selbst: Von irgendwas muss man ja leben können. Kann man von der Zauberei leben?

Luna Lux: Man kann letztendlich von allem leben, wenn man nur etwas anbietet, für das die Leute auch zahlen wollen. Man wird natürlich nicht reich davon, aber ja, man kann gut davon leben.

Kultur Joker: Wobei es ja auch Zaubershows im TV gibt. Damit wird man doch gut verdienen können.

Luna Lux: Nicht unbedingt. Fernsehen ist sehr aufwändig und du musst unfassbar viel investieren. Am Ende bist du froh, wenn die Kosten soweit gedeckt sind, dass du deinen normalen Lebensstandard halten kannst. Fernsehen ist vor allem dafür da, dass du weitere und vor allem größere Folgeaufträge bekommst. Ein normaler Zauberer hat üblicherweise einen Saal mit 50-100 Leuten. Als Zauberer mit Fernseherfahrung bekommst du Stadien voll. Ausrüstung, Requisiten wie auch die Miete für so ein Stadion kosten aber sehr viel. Wie gesagt: Reich wirst du von der Zauberei nicht.

Kultur Joker: Du bist kein Zauberer, sondern eine Zauberin. Ist es wie in anderen Berufsfeldern auch in der Zauberei für eine Frau schwieriger, erfolgreich zu sein? Wie ist das für dich?

Luna Lux: Nein, ich bin mit so offenen Armen in der Zauberszene aufgenommen worden. Als Frau bin ich auch noch nie auf eine Mauer gestoßen. Die meisten meiner Kollegen finden es schade, dass es so wenige Frauen in der Zauberei gibt. Da fehlt einfach der schöne Aspekt der Vielfältigkeit. Den meisten ist daran gelegen, dass Zauberei möglichst vielfältig und bunt ist.

Kultur Joker: Denkt man an David Copperfield und seine zersägte Jungfrau hat man gleich ein sexistisches Rollenbild: Die Frau als Gegenstand des männlichen Meisters. Sexismus gibt es in der Branche aber schon.

Luna Lux: Ja, das ist die andere Seite. Zum einen gibt es Sexismus in der Zauberszene. Da meinte einmal ein Zauberer auf die Frage hin, warum es so wenig Frauen in der Zauberei gebe: „Weil Frauen der Spieltrieb fehlt.“ Das ist auf so vielen Ebenen falsch und sexistisch. Die Erklärung war dann, dass Frauen schon in der Kindheit nicht so viel sammeln oder mit Eisenbahnen spielen würden. Wow, dachte ich da nur, die 50er melden sich zurück.

Kultur Joker: Und wie ist es mit dem Sexismus im Publikum?

Luna Lux: Jedes Mal, wirklich jedes Mal, wenn ich mit Christoph auf einer Firmenfeier auftrete, heißt es: „Ah, Sie sind der Zauberer, ah, Sie sind die Assistentin.“ Da ist es egal, wie oft wir uns im Vorfeld als Zauberer und Zauberin ankündigen. Aber: Die Leute können nichts dafür. Ich kenne außer mir nur eine andere, zaubernde Frau, dagegen aber locker 200 Männer. Dadurch ist das geprägte Bild noch das alte: Der elegante Mann in Frack und Zylinder, der das blonde Dummchen auf der Bühne zersägt, der Zauberer und seine hübsche Assistentin. Das ist das Bild, das fast alle haben, da kann ich mich nicht einmal davon ausnehmen. Und das zieht einen Sexismus hinter sich her. Aber das ist kein böse gemeinter Sexismus, denn die Leute können nichts für dieses Bild in der Gesellschaft. Wenn ich aber auf die Bühne komme, komme ich nicht dort hin und sehe hübsch aus, sondern ich komme dort hin und mache etwas. In 5 Sekunden fokussiert sich die Aufmerksamkeit dann komplett um. Das ist etwas Neues, aber etwas so angenehm Neues, dass es die Leute gerne annehmen. Ich glaube, heute wollen viele Leute aus diesen festen Rollenbildern ausbrechen. Umso dankbarer sind die Leute für die Möglichkeit, das zu tun.

Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch!