Im Gespräch: Leon Hösl, Künstlerischer Leiter der Biennale für Freiburg

Seit Mai läuft die erste Biennale für Freiburg. Als Plattform für die Präsentation, Entwicklung und Vermittlung zeitgenössischer Kunst zeigt sich das Format Künstler*innen sowie der akademischen und allgemeinen Öffentlichkeit. Zur Eröffnung des Ausstellungsparcours im September hat sich Fabian Lutz mit dem künstlerischen Leiter der Biennale Leon Hösl unterhalten. Ein Gespräch über Brüche im Freiburger Stadtbild, Akademie und Kunst und über das Grundrauschen der Biennale.

Kultur Joker: Das Kürzel der Biennale für Freiburg liest sich „BfF“, besser bekannt als „Best Friends Forever“. Eine gewollte Dopplung, liest man in eurem Programm. Was macht die Freundschaft zwischen der Biennale und Freiburg aus?

Leon Hösl: Freundschaft im besten Sinne bedeutet, sich richtig kennenzulernen, sich ernst zu nehmen und eine Ebene zu finden, auf der man miteinander lernen kann. Die Biennale muss natürlich nicht zum bedingungslosen „BFF“ der Stadt werden, aber Aspekte wie der Wunsch nach Dauer, des voneinander Profitierens und des sich Einlassens auf den Ort sind definitiv wichtig.

Workshop “A Day’s work”

Kultur Joker: In einem Interview mit Fudder hast du dich gegen die Reproduktion regionaler Klischees im Rahmen einer solchen Begegnung ausgesprochen. Und natürlich steckt in der Verwendung des Kürzels „BFF“ auch eine ironische Note. Wie kritisch sieht sich das Format Biennale der Stadt Freiburg gegenüber?

Leon Hösl: Die Außenperspektive ermöglicht neue und auch kritische Blicke auf die Stadt. Das ist anders als jene Perspektive von innen, die womöglich eher repräsentative Aspekte transportieren möchte. Die Biennale beschäftigt sich durchaus mit der Naturlandschaft des Schwarzwalds und auch Fragen der Ökologie, aber das ist nicht der Schwerpunkt. Auch geht es nicht um mittelalterliche Stadtarchitektur oder Wahrzeichen der Stadt, sondern um Strukturen und Themen, die in der Stadt liegen. Das Stadtbild Freiburgs wirkt zunächst homogen, zeigt auf den zweiten Blick aber viele Brüche. Der Berliner Fotograf Niklas Goldbach beispielsweise sucht unter anderem auf und um den Schlossberg nach solchen Brüchen im Übergang von Wald zu Stadt und zwischen Repräsentation-, Infrastruktur- und Wohngebäuden, deren Architekturen versuchen bestimmte pittoreske Blicke auf die Stadt zu erzeugen.

Kultur Joker: Brüche haben ja auch ihren Reiz.

Leon Hösl: Natürlich. Uns geht es auch nicht darum, eine dezidierte Kritik an der Stadt zu üben. Wir wollen aus verschiedenen Perspektiven ausloten, welchen Ort die Kunst inmitten des Austauschs verschiedener Akteur*innen wie etwa der Stadt, lokalen Initiativen und dem öffentlichen Raum hat.

Kultur Joker: Du sprichst viel von Blicken und Perspektiven, gerade solchen, die auch von außen kommen. Welche Bedeutung hat der Außenblick für die Biennale?

Leon Hösl: Für die Biennale ist kennzeichnend, dass Künstler*innen eingeladen sind, sich mit dem Raum der Stadt zu beschäftigen – darunter manche, die Freiburg gut kennen, da sie hier aktiv sind oder zum Beispiel im Rahmen des Studiums viel Zeit in der Stadt verbracht haben, aber auch viele, die keine Ortskenntnis mitgebracht haben. Dabei spielt auch der Aspekt eine wichtige Rolle, verschiedene Personen über konkrete Themen miteinander in Kontakt zu bringen. Die Fragen des Wiener Performance-Künstlers Thomas Geiger an die Freiburger Statue der Illumina wurden beispielsweise von Repräsentant*innen Freiburger Initiativen beantwortet. Allgemeine Debatten um Denkmäler und Repräsentationen konnten so durch lokale Perspektiven ergänzt und in einen Dialog gebracht werden.

Kultur Joker: Die Biennale befindet sich an einem Umbruchspunkt. Im August kommt das Studioprogramm zu seinem Ende, im September beginnt der Ausstellungsparcours. Zeit für einen Rückblick: War Freiburg ein gutes Studio für das Programm der Biennale?

Leon Hösl: Ja, total. Alle Künstler*innen, die über die Biennale Freiburg kennenlernen konnten, stießen auf Dinge, die ihre Arbeit beeinflusst und manchmal vielleicht sogar in andere Richtungen gelenkt haben. Gerade durch den Einfluss der Universität bietet die Stadt enorm viele Wissensfelder. Es gibt spezialisierte Archive, die nicht unbedingt bekannt sind, aber gerade für Künstler*innen Material bieten, das sie in keiner anderen Stadt finden würden. Die Ruhe einer kleinen Großstadt wie Freiburg ermöglicht zudem ein ganz anderes Arbeiten. Nicht zuletzt waren die Freiburger*innen sehr interessiert an der Beteiligung, zum Beispiel an den Spaziergängen Andreas von Ows, bei denen die Teilnehmenden Grünglas auf den Straßen der Stadt sammelten.

Kultur Joker: Gleichzeitig fiel mit der Schließung der Außenstelle der Karlsruher Akademie für bildende Künste vor einigen Jahren ein wesentliches Wissensfeld innerhalb Freiburgs weg. Für die Biennale war dieses Ereignis impulsgebend. Soll die Biennale hier eine Lücke füllen?

Leon Hösl: Nein, diese Lücke ist nicht zu füllen. Die Akademie hatte 50 Studierende, Professor*innen und eigene Arbeitsräume – das kann eine ortslose Institution wie die Biennale nicht ersetzen. Langfristig braucht es physische Arbeitsorte für Künstler*innen, damit wir hier nicht bloß zu Gast sind, sondern eine dauerhafte Arbeitssituation geschaffen wird. Die Biennale kann auf die Schließung aber reagieren, und sich inspirieren lassen und Aspekte wie Austausch und Gespräch, kollektive Entwicklungsprozesse aber auch die politischen Komponenten akademischer Institutionen aufgreifen, um das eigene Format der Biennale damit weiterzudenken.

Kultur Joker: Wodurch zeichnet sich eure Gestaltung des Formats Biennale zum Bespiel aus?

Leon Hösl: Eine Biennale, die nur aus einer Ausstellung besteht, greift in meinen Augen zu kurz, sie sollte sich auch mit nachhaltigen Austauschprozessen beschäftigen. Die Biennale für Freiburg präsentiert Kunst nicht nur, sondern gibt Raum für ein Nachdenken über gemeinsames künstlerisches Arbeiten und die Rolle die zeitgenössische Kunst innerhalb einer Gesellschaft haben kann. Damit deckt sie praktische wie theoretische Zugänge ab. Diesen Zugang sollte die Biennale für Freiburg auch in Zukunft ernst nehmen.

Kultur Joker: Führt die Orientierung der Biennale an theoretischen Zugängen nicht auch zur Gefahr, dass einige Programme bloß der akademischen Öffentlichkeit zugänglich sind? Wie vereint sich das mit dem Anspruch der Biennale, für die ganze Stadt Freiburg da zu sein?

Leon Hösl: Ich denke, die Biennale braucht sowohl den akademischen als auch den breiteren öffentlichen Zugang zur Kunst. Es ist weder unser Anspruch, Kunst zu sehr zu vereinfachen und ihr somit nicht mehr gerecht zu werden, noch sie zu akademisieren. Ich denke, dass Kunst theoretische Diskurse braucht und auch, dass Freiburg als Universitätsstadt dafür eine Öffentlichkeit hat. Dies konnte man auch bei unserem Symposion „A Commonplace is Not a Cliché” erkennen, bei dem beispielsweise Theoretiker*innen und Künstler*innen miteinander über aktuelle Fragen von Kunst und Öffentlichkeit diskutierten.

Kultur Joker: Eine große Offenheit innerhalb der Wissenschaft und Kunst. Welche Formate aber waren auch an eine nicht-akademische Öffentlichkeit gerichtet?

Leon Hösl: Ein anderer Weg, sich Kunst zu nähern, ist, mit dem Handwerkszeug der Kunst zu denken und dieses direkt anzuwenden. Daher war uns das umfangreiche Workshop-Programm während der letzten Wochen sehr wichtig. Da war zum Beispiel der Spaziergang mit Andreas von Ow, der sehr körperlich und direkt funktionierte. Die Schreib-Workshops im Rahmen des Projekts „A Day‘s Work“, in denen Tagebücher gelesen und autobiografisch geschrieben wurde, haben ähnlich unmittelbar funktioniert. Gedanken, die sich Künstler*innen sonst allein oder in kleinen Gruppen im Atelier machen, wurden so an die Freiburger Öffentlichkeit getragen.

Kultur Joker: Für die Künstler*innen sicher kein einfacher, eher ein mutiger Schritt, so aus der eigenen Komfortzone zu treten.

Leon Hösl: Ja, das war sicherlich die langwierigste, schwierigste Aufgabe für die Künstler*innen: Sich zu überlegen, wie man die eigene Arbeitssituation öffnen kann, ohne, dass es gleich zur exhibitionistischen Pose oder Selbstüberhöhung kommt. Das kennt man ja bereits von Studiofotografien bekannter Maler*innen wie Jackson Pollock. Im Studioprogramm ging es stattdessen darum, andere Personen an komplexen künstlerischen Überlegungen teilhaben zu lassen, ein Vorgang, der auch eine gewisse Verletzlichkeit mit sich bringen kann. Das Ziel war daher, dass die Künstler*innen den Rahmen dieser neuen geöffneten Studiosituation selbst gestalten. Am Ende haben die Künstler*innen rückgemeldet, dass es Spaß gemacht hat, so in Dialog zu treten.

Leon Hösl
Foto: Jennifer Rohrbacher

Kultur Joker: Welche Facetten hat die nun folgende Übertragung dieser Arbeiten von der Studio- zur Ausstellungssituation?

Leon Hösl: Die Ausstellungsparcours machen sichtbar, was zuvor auch im Verborgenen passiert ist. Das Studioprogramm hatten wir ja nicht komplett geöffnet. Das betrifft etwa das Zusammenkommen des Filmemachers Michel Auder mit dem amerikanischen Bildhauer Michael Stickrod. Wir zeigen Werke beider Künstler und die Werke Freiburger Kunststudierender, die diese in Reaktion darauf entwickelt haben. Grundlage waren transatlantische Videogespräche zwischen den Studierenden und den beiden Künstlern. Dann gibt es die materielle Übersetzung der Ergebnisse des Grünsammelspaziergangs hin zu einer Malerei, an der Andreas von Ow gearbeitet hat. Auch mehrere andere Arbeiten, Filme, Fotografien und Skulpturen, sind in den letzten Monaten für die Biennale produziert worden und werden nun erstmals gezeigt. Auch gibt es die Dokumentation öffentlicher Performances, etwa der von Thomas Geiger. Spannend ist schließlich zu sehen, wie die Ergebnisse der intimen Arbeit am autofiktionalen Schreiben im Rahmen des Formats „A Day‘s Work“ in eine Ausstellung und damit in die Öffentlichkeit übertragen werden. Dabei wird sicher mit einer Form der Verrätselung und Unkenntlichmachung gearbeitet werden.

Kultur Joker: Du nanntest „nachhaltige Austauschprozesse“ als wichtigen Aspekt der Biennale. Schlägt sich dies in einer dauerhaften Ausstellung der Ergebnisse in Freiburg nieder?

Leon Hösl: Dann müssten wir wohl eine Sammlung aufbauen. Das wird aus finanziellen Gründen nicht möglich sein, aber das Gedankenspiel ist natürlich schön.

Kultur Joker: Hinter der Biennale stehst du nicht allein, sondern wirst von einem Kuratorischen Beirat unterstützt. Welche Rolle hat der Beirat bei der Entstehung und im Verlauf der Biennale gespielt?

Leon Hösl: Während der Konzeptionsphase lieferte der Kuratorische Beirat einen Gesprächsraum und auch Raum für ehrliche Kritik. Damit komme ich auch auf den Freundschaftsbegriff zu Anfang unseres Gesprächs zurück. Im Beirat sitzen Personen, mit denen ich schon lange Kontakt habe und mit denen ich bereits zusammengearbeitet hatte. Das Profil des Beirats ist vielfältig. Da kommen kuratorische, künstlerische, aber auch verschiedene wissenschaftliche Perspektiven zusammen. Viele Programme entstanden in diesem vielseitigen Dialog, auch weil mich der Beirat immer wieder auf Künstler*innen und andere Personen aufmerksam gemacht hatte, die für die Biennale spannend sind.

Kultur Joker: In zwei Jahren erwartet Freiburg die nächste, zweite Ausgabe der Biennale. Bleibt die Leitung bei dir?

Leon Hösl: Nein, es wird eine neue Leitung geben. Wer das wird, liegt in den Händen des Vereins Perspektiven für Kunst in Freiburg, der mich vor zwei Jahren beauftragt hatte, das Format der Biennale zu konzipieren und die erste Ausgabe umzusetzen. Der Kuratorische Beirat und ich haben für die erste Ausgabe einige Grundsteine gelegt und natürlich ist die Hoffnung, dass die von der neuen Leitung aufgegriffen werden.

Kultur Joker: Was wünschst du zukünftigen Ausgaben der Biennale für Freiburg?

Leon Hösl: Den steten Versuch, langfristige und nachhaltige Kooperationen, Konzepte und Formate zu entwickeln. Es ist wichtig, dass sich eine Biennale immer wieder neu denkt und neue thematische Ausrichtungen sucht, aber auch, dass ein Grundrauschen bleibt, eine Grundhaltung, damit ein solches Format nicht verwässert, sondern eben „Format bekommt“, einen Charakter und bleibende Wirkungskraft.

Kultur Joker: Lieber Leon, vielen Dank für das Gespräch!

Der Ausstellungsparcours der Biennale findet vom 10. September bis 3. Oktober statt. Weitere Infos: www.biennalefuerfreiburg.de

Bildquellen

  • Workshop “A Day’s work”: © Jennifer Rohrbacher
  • Leon Hösl: Foto: Jennifer Rohrbacher
  • Leon Hösl: Foto: Marc Doradzillo