KultourNachhaltig

Frau am Steuer

„Frauen machen mehr und kürzere Wege zu unterschiedlichen Zeiten. Der Ausdruck „Hauptverkehrszeit“ bezieht sich auf die klassischen Pendler:innenzeiten, morgens zur Arbeit und nachmittags zurück. Damit ist die bezahlte Arbeit gemeint – nicht jedoch die unbezahlte, die bei Frauen weitere Wege erzeugt.“ schreibt die Verkehrswende-Expertin Katja Diehl. Weibliche Mobilität „wechselt zwischen den Transportformen, hat meist Gepäck, Einkäufe und Menschen mit dabei und muss mit einem Job verbunden werden“. Idealer Weise sollte ein Verkehrssystem unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Doch es verwundert nicht, wenn bestimmte Gruppen, die bei der Planung nicht mit am Tisch sitzen, einfach nicht berücksichtigt werden. Aus ihrem Buch ‚Autokorrektur‘ erfahren wir, dass im letzten, CSU-geführten, Verkehrsministerium in den ersten drei Führungsetagen keine einzige Frau saß. Wenn Katja Diehl am Weltfrauentag in Freiburg über die „feministische Verkehrswende“ spricht, wird sie bestätigen, dass sie keine böse Absicht hinter dieser Besetzung vermutet (10. März, 18 Uhr, Goethe-Institut).
Rückblende: Ingrid fand es ganz normal, die Einkäufe für die sechsköpfige Familie mit dem Fahrrad zu erledigen. Als junge Mutter fuhr sie die anderthalb Kilometer zum Laden ohne E-Bike. So etwas gab es damals noch nicht, in den späten 1960ern. All die verschachtelten Wege, die eine Mutter so zu erledigen hatte, zum Kindergarten, zur Schule, in den Turnverein, zum Arzt, zur Therapie für das Lungen-kranke Kind, erledigte sie zu Fuß oder mit dem Rad, mit dem Bus oder – ganz selten – mit dem Taxi.
Die vier Kids waren zu Fuß, mit dem Kinderfahrrad oder dem Roller unterwegs. Sie lachten schallend, als Vater Frederik den Nachbarn mit dem Wohlstandsbauch imitierte, der mit seinem neuen Auto protzte. Der Vater selbst war drahtig, denn er radelte jeden Tag, morgens und nachmittags, je 12 km durch den Stadtwald zur Arbeit. Immer wenn er erzählte, dass ihm wieder ein Fuchs oder ein Reh begegnet war, bekamen die Kinder große Augen und wollten auch ganz früh aufstehen und mitradeln.
Als er noch Single war, fuhr er mit seinem Ballon-Fahrrad – ohne Gangschaltung – und dem schweren Baumwollzelt aus Armee-Beständen an die schönsten Urlaubsziele in Deutschland. Später radelte auch Ingrid mit ihm in die Ferien. Heute wäre der Frederik von damals ein Öko, wie er im Buche steht. Er war weder am Führerschein noch am Auto interessiert, recycelte Möbel vom Sperrmüll, zersägte Balken aus Abriss-Häusern zu Bauklötzen, für die Buden der Kids im Garten. Und er regte sich über den „Verpackungsluxus“ auf, wenn jemand anders seiner Frau eine Schachtel Pralinen schenkte. All das brachte ihm den Spott der Nachbarn ein. Er sei zu geizig. Für alles.
Die Kinder fanden die Geschichten von seinen Fahrrad-Reisen ganz aufregend. Wenn sie groß werden, würden sie das auch mal machen. Das taten sie auch. Alle vier. Während die gesamte Nachbarschaft mit Auto oder Flugzeug nach Italien und Spanien reiste, wuchtete Frederik zwei volle Urlaubs-Koffer auf seine Schultern, Ingrid mit den Reisetaschen und die Kinder folgten ihm in den Zug an die nahe Küste. Die raue Seeluft tat der Lunge der Ältesten gut. Weit weg von Schwerindustrie und Kohlekraftwerken, die ihre Atemwege krankgemacht hatten.
Die Nachbar:innen indes urteilten anhand der Urlaubsbräune der Boomer-Kids über die Qualität ihrer Ferien: “Letztes Jahr wart ihr aber brauner!“ Der Running-Gag wurde jedes Jahr nach dem Urlaub wieder ausgepackt. Überall war der Wohlstand ausgebrochen, ein Nachbar nach dem andern legte sich ein Auto zu und parkte es vor dem Haus. Nur Frederik nicht, der vermietete seine Garage an die Nachbarin, fürs Zweit-Auto. Der Geizhals. Ingrid, geprägt von den Entbehrungen des Kriegs und berauscht von all den schönen Dingen, die sich die Nachbar:innen zulegten, wollte so gern mitmachen beim Konsumrausch. Aber ihr Frederik war beinharter Patriarch. Als alleiniger Ernährer der Familie hatte er die Kontrolle über die Finanzen. Natürlich entzündete sich darüber so manche Ehekrise. Zu allem Überfluss lernte Ingrid bei der Einschulung der zweiten Tochter auch noch diese emanzipierte Helga kennen. Eine selbstbewusste Mittdreißigerin, die so cool wirkte mit ihren Jeans und der verspiegelten Sonnenbrille, wie sie rauchend aus ihrem VW Variant stieg. Später fuhr sie noch so einen Starsky-und-Hutch-Ami-Schlitten, den der Typ aus ihrer WG über den TÜV gebracht hatte. Natürlich verdiente Helga ihr eigenes Geld, das sie mit vollen Händen ausgab ohne bei irgendjemandem „Bitte, bitte“ sagen zu müssen. Die beiden ungleichen Frauen wurden Freundinnen und für Ingrid öffnete sich eine Tür in die 68-er-Szene. „Antiautoritäre Erziehung“ und „Emanzipation“ waren Schlagwörter, die Frederik nun verächtlich nachäffte.
Als schließlich Nachbarn, Kollegen und Freunde mindestens ein Auto hatten, knickte Frederik ein und meldete sich bei der Fahrschule an. Mit Mitte Vierzig sah er viele Fahrstunden und hohe Kosten auf sich zukommen. Um zu sparen brachte er sich das Prinzip des Rückwärts-Einparkens im Kellergang mit dem Kettcar der Kinder bei. Ein Riesengelächter ging durch die Nachbarschaft, als diese unkonventionelle Autodidakten-Story die Runde machte. Der Geizhals. Der war übrigens auch vom Krieg geprägt, fand sich selber nicht geizig, sondern sparsam. Die Vorstellung, dass er das Haus für die Familie nicht abbezahlen könnte, bereitete ihm sicher schlaflose Nächte.
Dennoch war die Vorstellung, dass seine Frau arbeiten geht, für das Familienoberhaupt völlig absurd. Also tat sie – die inzwischen die Emma las – es heimlich. Vormittags, als die Kinder in der Schule waren, hängte sie ihren Blümchenkittel an den Haken und fuhr ins Büro. Von dem Geld machte sie nicht nur den Führerschein, sondern stürzte sich gleich in den Kaufrausch, als Helga sie zum ersten Ikea mitnahm. Die nächste Ehekrise ließ nicht lang auf sich warten. Sie: „Ich will nicht im Sperrmüll leben!“. Er: “Das ist kein Müll, das habe ich eigenhändig repariert, neu gestrichen, wieder hergerichtet …!“ Es folgten weitere Krisen. Sie stillte ihren Kummer mit Zucker, er mit Alkohol.
Da er auch alkoholisiert Auto fuhr, war es nur eine Frage der Zeit, bis er erwischt wurde und der Lappen weg war (für die jüngeren Leser:innen: früher hatten Führerscheine die Größe eines gefalteten Din-A5-Blattes und bestanden aus grauem, lappigen Stoff-Material). Wozu das führte, kann Frau eigentlich nur unter heftigen Krämpfen aufschreiben. Zwar war Frederiks Arbeitsstätte inzwischen näher gerückt, doch auch die fünfeinhalb Kilometer fuhr er inzwischen ausschließlich mit dem Auto. Wie alle, deshalb war Radfahren auf dieser Strecke auch kein Spaß. Also ließ sich der Alkohol-Delinquent nun morgens zur Arbeit chauffieren und nachmittags wieder abholen. Seine Frau freute sich so sehr über die Möglichkeit, an Fahrpraxis zu gelangen, dass sie dafür etwas Ungeheuerliches in Kauf nahm. Fahrpraxis gab’s nämlich nur, wenn er daneben saß. Also wurde morgens ihr Klapprad in den Kofferraum gepackt. Sie steuerte zum Parkplatz seines Büros. Dort blieb der Wagen den ganzen Tag stehen. Sie hingegen fuhr mit dem Klapprad 5,5 km ins traute Heim, kam nachmittags zum Dienstschluss wieder auf den Parkplatz, klappte ihr Rad zusammen und verstaute es im Kofferraum, um das Familienoberhaupt nach Haus zu bringen. Es ist leider nicht überliefert, ob sie sich für seine Eskapaden Urlaub nehmen musste. Und auch nicht, wie sie all die weiblichen Wege, die sie nach wie vor in der mehr und mehr autogerechten Stadt abzuspulen hatte, bewältigt hat.

Bildquellen

  • Heute Zankapfel – in den 60er Jahren bedeutete das Auto für Frauen auch mehr Freiheit und Selbstständigkeit: © Fiat