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Literatur | April 2018 | von Peter Frömmig

Farhad Showghi erhält den diesjährigen Peter-Huchel-Preis

Reflexe einer flüchtigen Welt

Seit 1983 verleihen das Land Baden-Württemberg und der SWR den Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik an eine herausragende Neuerscheinung des vorhergehenden Jahres. In diesem Jahr geht der Preis an Farhad Showghi.

Peter-Huchel-Preisträger 2018: Farhad Showghi. (© SWR/G2 Baraniak Hamburg)

„Aufgeschobene Aussagen,
unterschiedliche Aussagen,
ausgesuchte Aussagen,
zufällig auch,
gleich durchmischt,
aber ich habe genug davon
und gehe in den Garten.“

Die Preisverleihung findet jeweils zum Geburtstag des Dichters Peter Huchel statt, der am 3. April 1903 bei Berlin geboren wurde und am 30. April 1981 in Staufen verstarb, wo sich auch sein Grab befindet. In diesem Jahr wird Farhad Showghi für seinen Gedichtband „Wolkenflug spielt Zerreißprobe“ ausgezeichnet . Er ist bei kookbooks erschienen, ein kleiner Verlag mit einer Reihe schön gemachter Bücher, die sich ausschließlich der experimentellen, avantgardistischen Lyrik unserer Tage widmen.

Mehrere Peter-Huchel-Preisträger waren schon in den letzten Jahren darunter (Uljana Wolf, Steffen Popp, Monika Rinck), was bemerkenswert genug ist. Der diesjährige Preisträger, 1961 in Prag geboren, fügt sich gut ein in diese Riege junger und jüngerer Lyriker, von denen einige derzeit den Ton angeben, Vorreiter sein wollen, aber kaum Leser finden.

Der Dichter Farhad Showghi ist in der BRD und im Iran aufgewachsen, hat in Erlangen Humanmedizin studiert und lebt seit 1989 als Psychiater, Psychotherapeut, Autor und Übersetzer in Hamburg. Ein Wanderer zwischen den Welten, zwischen Okzident und Orient. Mit „Armschwung“, wie es wiederholt heißt, ist er unterwegs. Zu Fuß und im Kopf: „An eine ferne Logik des Loslegens denken.“

Eine Fülle an heutiger Wirklichkeit, an Gedanken-, Wahrnehmungs- und Erinnerungsreflexen hat Farhad Showghi in seine kondensierten Prosagedichte hineingepackt. Alles, was ihm auf alltäglichen Wegen zugeflogen, durch den Kopf gegangen, sich zwischen Körper und Geist abgespielt, ihn in der Natur angesprungen hat, die Sprache befeuerte und in Gang setzte. Für Flüchtiges, im Vorübergehen Erfasstes, findet er Worte und Bilder: „Mein vom Wind gewässerter Blick zieht über das Flackern hinweg und verfängt sich im flüchtigen Bezug der schimmernden Sträucher.“

Zumeist sprunghaft, ruhelos, abrupt folgt ein Satz dem andern: „Bleibe ich hier, beginne ich an den Händen, wie sie da liegen, schon weiter zu sein.“ Es ist nicht einfach, dem zu folgen. Konkretes und Abstraktes, Poetisches und Sachliches ist bruchstückhaft in den kleineren und größeren Textblöcken dicht bei dicht versammelt. Einige wenige Gedichte geben sich mit Zeilenbrüchen und freien Versen etwas nahbarer. Aber nichts mehr erscheint hier als Ganzes, Einheitliches. Weil Inkongruenz ein Zeichen unserer Zeit ist?

Dem Leser wird es wahrlich nicht leicht gemacht. An Lesegewohnheiten kann er sich hier nicht halten Er wird nicht bei der Hand genommen, wird nicht geführt auf ein Ziel hin, auf einen Sinn zu, eine Pointe. Er muss sich selbst bemühen, einen Weg zu finden durch dieses „Möglichkeitsgespinst“, wie es Showghi nennt. Vielleicht ist für manche gerade das Desperate ein Anreiz, diese Texte zu lesen. „Die Unnachvollziehbarkeit dieses Geschehens nicht beachten“, heißt es da. Oder: „Mit allen Fingern ein Angebot machen. … Vielleicht eine Weile unschlüssig wirken. … Neben den Büschen eine Weile durcheinanderkommen.“

Vielleicht sind das Empfehlungen für den Leser? Auch tauchen immer wieder einzelne, selbstreferenzielle Sätze aus dem ansonsten hermetischen, doch brüchigen Textgefüge auf, die auf eine sprachliche Ausrichtung, ein Verfahren des Autors hinweisen könnten: „… das Klangmuster der Buchstabenfolge ausprobieren. … Das klingt gut vor lauter Zerstreuung.“ Selten sind die häufig vorkommenden Komposita so schlüssig wie „Knirschkies“. Das kann man hören, das prägt sich ein.

Es handelt sich hier also um eine Lyrik, die sich der einfachen Verständlichkeit, der Eingängigkeit entzieht, diese bewusst zu unterwandern scheint. Es ist so, als wäre ein Spiegel zersprungen und zeige nur noch in Scherben und Splittern die Welt. Farhad Showghi arrangiert und montiert sie neu in seinem Verständnis, lässt auch Zufälliges gelten. „Nichts, was gleich ein Ganzes bildet… Flugsamen überall vom Ärmel schütteln. Die Fernsicht bündeln. Wie sie mir in den Sinn kommt.“

Die Texte erinnern an das Automatische Schreiben der Surrealisten, an das sich Einklinken in den Bewusstseinsstrom, wie es von Beatpoeten wie Jack Kerouac und Allan Gins-berg praktiziert wurde, nicht zuletzt an die Cut-up-Technik eines William S. Borroughs, der seine Texte zerschnitten und wieder neu zusammen gesetzt hat.

Und wie ein Dichterhirn unorthodox arbeitet, hat davor schon ein Ezra Pound in seinen legendären „Pisaner Cantos“ virtuos demonstriert. Vielleicht sind Showghis Texte in dieser Tradition zu verstehen, in ihrer Nähe anzusiedeln. Keine Avantgarde (ursprünglich ein militärischer Begriff) stößt voran aus dem Nichts. Ihr Merkmal ist es, mit Gewohnheiten zu brechen, Eingefahrenes zu sabotieren und zu überwinden. Von dieser Ambition, diesem Ehrgeiz haben auch die Texte aus dem „Wolkenflug“ etwas.

In der gegenwärtigen, sehr vielfältigen deutschsprachigen Lyriklandschaft hat sich eine experimentelle, avantgardistische Strömung heraus gebildet, der etwas Sektiererisches anhaftet. Ihre Vertreter finden nur wenige Leser in kleinen eingeschworenen Kreisen, werden aber von einschlägiger Literaturkritik bestärkt. Der bekannte Lyriker und Kritiker Nico Bleutge, ist ein Fürsprecher dieser Stoßrichtung. In einem Interview (Stuttgarter Zeitung, 8.9. 2017) sagte er, dass das Verstehen im klassischen Sinne für ihn keine große Rolle mehr spiele in einer komplexen und brüchigen Gegenwart.

Für ihn sei ein gelungenes Gedicht etwas, das seine Vorstellungen und Kategorien aushebelt oder sprengt, „ein Inbegriff für Offenheit und Vieldeutigkeit“. Es könne geschehen, dass er, Bleutge, „ein Gedicht lese und erstmal keine Ahnung habe, worum es da eigentlich geht“. Aber dann spüre er beim wiederholten Lesen: „Da passiert etwas, zum Beispiel mit Sprache oder mit der Art wie Dinge miteinander verknüpft oder verschoben werden.“ Auf diese Weise könnten sich verschiedene Bedeutungsräume auftun, könnte ein anderer Blick auf die Welt entstehen. Soweit die Ansicht von Nico Bleutge. Und in diesem Sinne ließe sich vielleicht auch die Lyrik von Farhad Showghi besser begreifen.

Zu den erfassbarsten und schönsten Gedichten in dem preisgekrönten Band zählt ein ganz kurzes. Es besteht aus nur fünf Zeilen und sei hier wiedergegeben:

„Sind wir schneller, gibt es Wiesen. / Und das Geduldspiel der Hügel, Äcker und Nachbargärten. / Verstimmte, bellende Hunde, Spinnen, Blumen. / Verstimmtes Rauschen ohne Verausgabung. / Langsam Wind bis hinauf zu den Wolken.“

Peter Frömmig

Farhad Showghi: Wolkenflug spielt Zerreißprobe. Gedichte. kookbooks. 88 Seiten. 19,90 Euro.
Die Peter-Huchel-Preisverleihung findet am 3. April, 11 Uhr, im Staufener Stubenhaus statt.
Um 19.30 Uhr stellt der Preisträger seinen Lyrikband im Literaturhaus Freiburg vor. Im Anschluss Gespräch mit Farhad Showghi.