Theater

Die wundersame Kraft der Solidarität: Grandiose Inszenierung von „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ im Theater im Marienbad

Vielleicht ist es dem derzeit höchst erfolgreichen Theater­autor und Regisseur Roland Schimmelpfennig einmal genauso ergangen wie zahllosen Kindern: Hans Christian Andersens Märchen „Der standhafte Zinnsoldat“, geschrieben vor annähernd zweihundert Jahren, schildert zwar meisterlich eine spannende Abenteuergeschichte, jedoch mit derart innewohnender Brutalität, die im kindlichen Alter eigentlich nur Angst, Beklemmung und Verzweiflung auslösen kann. Eine Kurzfassung: Die wegen Mangels an Zinn nur mit einem Bein ausgestattete Spielzeugfigur des Zinnsoldaten wird als einzige von 25 Figuren von seinem kindlichen Besitzer aussortiert und achtlos auf ein Fensterbrett gestellt. Von dort aus entdeckt der verschmähte Soldat die papierene Figur einer Tänzerin, die auch nur ein Bein zu haben scheint, in Wirklichkeit das andere aber nur nach oben streckt. Er verliebt sich unsterblich in sie, fällt jedoch aufgrund einer Unachtsamkeit aus dem Fenster in den Straßengulli. Damit beginnt für ihn eine ganze Kette von haarsträubenden Abenteuern, die er standhaft besteht. Wie durch ein Wunder landet er schließlich wieder im Elternhaus seines Vorbesitzers und entdeckt dort erneut die Tänzerin. Dort ist die Geburtstagsfeier des Jungen zu Gange und eines der Kinder wirft den standhaft Schadhaften gedankenlos ins Feuer. Ein Windstoß erfasst die Tänzerin und bläst sie ebenfalls in die Glut. Nur im Tode sind die beiden nun vereint. Schrecklich.

Das Stück
Schimmelpfennig hat den düsteren Klassiker (vielleicht aus Rache?) vollständig auf den Kopf gestellt. In seiner Bearbeitrung begegnen sich Soldat und Tänzerin, erzählen eingangs dem Publikum ihre Geschichte vom Ende her, bevor sie richtig los geht. Dann weht ein Windstoß beide aus dem Fenster – den schweren Zinnsoldaten in den Gulli, die Ballerina jedoch hoch in die Lüfte. Beide erleben sie nun ihre Irrfahrten und meistern ihre Lebensgefahren – zwar getrennt – aber immer im gegenseitigen Andenken. Die Tänzerin wird hier im Gegensatz zu Andersens Erzählung selbst zur handelnden Figur. Der Soldat treibt auf einem Papierschiff im Abwasserkanal, überlebt eine Passkontrolle durch eine Ratte, wird schließlich ins Meer gespült und landet dort im Magen eines großen Raubfischs. Dieser landet auf dem Fischmarkt und von dort in die Küche im Hause des Jungen, der den versehrten Zinnsoldaten ausgesondert hatte. Dem Fisch wird der Bauch aufgeschnitten und der Soldat kommt zum Vorschein.
Die filigrane Tänzerin wirbelt unterdessen in der Luft und wird von einer Elster aufgegriffen, die sie als Spielzeug für ihre Jungen in ihr Nest mitnimmt. Sie wird dort von einem Jungvogel misshandelt und fällt aus dem Nest. Sie ist verzweifelt, denkt, es hätte mit dem Soldaten so schön werden können und sagt: „Es ist nicht gerecht, dass manche Leute aus dem Fenster fallen und die anderen sitzen einfach im Trockenen“. Eine gnädige Windböe befördert sie ebenfalls in die Küche des Hauses. Das jetzt wieder vereinte Paar macht sich mit Hilfe eines Spieldrachens auf einen gemeinsamen Weg „nach Hause“. Wohin? „Mal sehen“.

Die Inszenierung
Regisseur Sascha Flockens Inszenierung brennt von Anfang bis Ende ein mitreißendes theatralisches Feuerwerk auf der Bühne des Kesselhauses im Marienbad ab. Die beiden jungen Darstellerinnen Julia-Sofia Schulze (Zinnsoldat) und Lisa Bräuniger (Tänzerin) strotzen nur so vor Spielfreude und Spielwitz. Dabei müssen sie außer ihren Hauptrollen auch alle übrigen Figuren verkörpern. Der ständige Figurenwechsel auf offener Bühne erzeugt ein hohes Spieltempo und fordert von den beiden bisweilen sogar akrobatische Fähigkeiten. Und: Er erfordert ständig neue und tragfähige Spielideen. Diese gibt es im Überfluss und deren fulminanter Mix aus Dramatischem, Komödiantem (glänzend die Szene, als der Raubfisch den Soldaten verschlingt) und Tragischem hält das Publikum durchweg in Atem. Ein Übriges leisten Ausstattung und Kostüme von Paula Mierzowsky. Der abstrakte Bühnenraum aus verbeulter Blechwand, schiefer Ebene und Weggeworfenem verschiedenster Art gemahnt an die gesellschaftliche Geringschätzung, die allem vermeintlich Minderwertigen auf vielen Ebenen widerfährt und ist neben seiner ästhetischen Wirkung so intelligent durchdacht, dass er den Schauspieler­innen ihr permanentes Wechselspiel optimal ermöglicht. Gleiches gilt für die Funktionalität der Kostüme.
Stück und Inszenierung singen ein Hohelied auf Freundschaft, Empathie und Solidarität und die daraus resultierende Kraft, gemeinsam Verachtung, Verfolgung und Unterdrückung begegnen zu können. Ein großer Wurf und bei der Premiere mit Riesenbeifall bedacht.

Weitere Termine: 10.12., je 16 Uhr. 7./12./13.12., je 10 Uhr.

Bildquellen

  • Im Marienbad ist eine fabelhafte Inszenierung von „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ zu sehen: © Jennifer Rohrbacher