Nachhaltig

Die Welt zu Gast bei Klima-Schurken

„Was machen die denn da?!“ Die beiden Außerirdischen saßen auf dem Mäuerchen am Rande der Unendlichkeit, ließen ihre Beine baumeln und sahen den Wesen auf dem blauen Planeten zu. Sie leben auf dem einzigen Himmelskörper, auf dem überhaupt menschliches Leben möglich ist, weil er eine so geniale Atmosphäre hat. „Das soll also die Krone der Schöpfung sein? Die machen ihre Atmosphäre kaputt, obwohl sie genau wissen, was sie da tun!“
„Was ist denn das da? Da ist ja schon alles staubtrocken, zoom das mal ran!“ „Der breite, trockene Gürtel im Norden Afrikas bis zur arabischen Halbinsel ist bald für die Landwirtschaft verloren, wer soll im heißen Wüstensand etwas anbauen? Wer soll da leben?“ Die beiden können es kaum fassen, dass unter dem Wüstensand Öl und Gas lagern, das aus dem Boden gepresst und verbrannt wird, womit die Ausbreitung der Wüsten noch weiter befeuert wird. Am Horn von Afrika hungern gerade 22 Millionen Menschen, weil bereits zum vierten Mal in Folge die Regenzeit ausblieb – ohne Aussicht auf Besserung.
Aber es kommt noch dicker. Diejenigen, die mit der Ausbeutung des Bodens und der Arbeiter viel Geld abgeschöpft haben, haben ein derart schlechtes Image, dass sie es aufhübschen wollen. Ein beliebter Trick ist, Sport und Musik-Ereignisse ins Land zu holen: Die Welt zu Gast bei Schurken. Wer mag schon bei so viel Fröhlichkeit und festlich-bunten Bildern nach Menschenrechten, Pressefreiheit oder Umwelt-Katastrophen fragen? Deshalb also der Eurovision-Song-Contest für die Öl- und Gas-Diktatur Aserbaidschan, der Olympische Fackellauf in Fukushima, die Fußball-WM in Russland, die Winter-Olympiade in China …
Nun also die erste Männer-Fußball-WM im Winter, in Katar. Sie holen Gas und Öl aus dem Boden, mit dem sie das Klima so aufheizen, dass körperliche Aktivität tödlich ist. Junge kräftige Arbeiter sterben zu Tausenden beim Bau der Brot-und-Spiele-Arenen. Weil Gas und Öl das Klima so aufheizen, dass Höchstleistung auch für Testosteron-dampfende, junge, durchtrainierte Männer unmöglich ist, wurde diese WM in den Winter verlegt. Dennoch heizen Gas und Öl das Klima so auf, dass sich die Profikicker unwohl fühlen. Also werden die Stadien auch im Winter klimatisiert – mit Gas und Öl. Sportsfreunde, Journalist:innen und Funktionäre jetten in die Klima-klimatisierte Welt, als gäb‘s kein Morgen. Die Außerirdischen starren fassungslos auf den blauen Planeten: „Und die ganze Welt macht mit!“ Das kleine Land hat 2,7 Millionen Einwohner, 90 % sind Niedriglohn-Arbeitsmigranten. Das heißt, eine Gruppe, nicht größer als eine Europäische Kleinstadt, führt den Rest der Welt am Nasenring durch die Wüstenstaub-Arena. Katar ist das Land mit dem bei weitem höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf weltweit: 30 Tonnen CO2 pro Nase, das Vierfache von Deutschland und das 1000-fache des Kongos, dem zweitgrößten Staat in Afrika.
In anderen Öl- und Gas-Monarchien herrscht ein ähnlich flirrendes Bild über dem heißen Sand. Wer fragt, wie lange die Scheichs noch nach Öl bohren wollen, bekommt zur Antwort: „Bis zum letzten Tropfen! Der edle Kampf gegen den Klimawandel ist vorbei.“ Die Außerirdischen trauen ihren Ohren kaum, als sie dem langjährigen Berater des saudischen Öl-Ministers Mohammad Al-Sabban zuhören: “Wir nennen das nicht Energiewende. Das ist ein schlechtes Wort für uns. Wandel bedeutet, dass wir fossile Brennstoffe verbannen. Das ist nicht die Realität. Man kann nicht einfach sagen ‚wir nehmen jetzt Solar- oder Windkraft‘, das ist Quatsch.“

Dass sein Land nun auch in Wind und Solarenergie investiert, erklärt er damit, dass er für den Wasserstoff, den man den Europäern als nächstes verkaufen will, viel Geld nehmen wird: „Wir werden alle Energiequellen exportieren. Ob euch das gefällt oder nicht. Und ihr werdet aus einer Abhängigkeit in die nächste geraten.“ Al-Sabban war Leiter der saudischen ‚Klimaschutz-Delegation‘ auf der Kyoto-Konferenz. Beim Gedanken an die Gas- und Öl-Lobbyisten auf Klimakonferenzen bekommen die Außerirdischen Schnappatmung. „Zu tausenden fliegen die Menschen dahin!“ In Ägypten zählen sie allein 636 akkreditierte Lobbyisten von Kohle-, Öl- und Gaskonzernen. Es werden jedes Jahr mehr. Man lässt sich Klimaschutz-Sabotage einiges kosten, doch nicht alle, die dafür bezahlt werden wissen, dass sie Spielfiguren im Kampf gegen die Aufklärung sind. Sie kicken mit Werbung für Gazprom, Quatar Airways, Emirates, Audi und VW auf dem Trikot, sie berichten aus der Volkswagen-, Opel- oder Mercedes-Benz-Arena. Fernseh-Funktionäre lassen Millionen für Übertragungsrechte an Schurkenstaaten und korrupte Sport-Verbände zahlen, um zwischen den Spielen Werbung für Klimakiller zu senden. Immer mit einem Lächeln.
Die Außerirdischen wollen gerade vom Mäuerchen am Rande der Unendlichkeit hüpfen. Einfach mal bei der Venus vorbeischauen, die so schön bullig heiß ist, wegen ihrer CO2-geladenen Atmosphäre. Da dreht sich einer von ihnen noch einmal um und zeigt in das saudi-arabische Berggebiet ‚Trojena‘. Hier stampft die absolutistische Öl-Monarchie für die asiatischen Winterspiele 2029 die Stahl-, Glas- und Beton-Megastadt „Neom“ aus dem staubtrockenen Boden. Dass die Natur das Stacheldraht-bewährte Gebiet nicht freiwillig einschneien will und der wenige Schnee schon jetzt kaum liegen bleibt, soll auch bei weiter grassierender Klimakrise kein Hinderungsgrund sein. Für alles gibt’s technische Lösungen. Dann baut man eben einen riesigen Stausee. Dafür wird Meerwasser erst durch eine Entsalzungsanlage geschickt und dann in den See hochgepumpt. Schneekanonen feuern gegen Wärme und Trockenheit an. Das dystopische Sportswashing-Projekt lockt internationale Baulöwen an, die lukrative Geschäfte wittern. Die beiden Aliens starren sich ungläubig an und wenden sich kopfschüttelnd ab. Irgendwo in der Ferne brüllt ein Profikicker eine Klimaaktivistin an, die sich mit Sekundenkleber an den Torpfosten geklebt hat. Dafür bekommt sie 3 Monate Präventivhaft. In den Bayrischen Emiraten.

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