Interview

„Die Erde gehört allen“: Ein Gespräch mit Dirk Schäfer, Fotograf, Abenteurer und Motorrad-Fan über Namibia

Dirk Schäfer ist Fotograf und Motorrad-Fan, seine Arbeiten werden international in Motorrad- und Reisemagazinen veröffentlicht. Für seine Live-Multivisionen wurde er mehrfach mit Preisen für exzellente Fotografie und spannend erzählte Stories ausgezeichnet. Beim 21. MUNDOLOGIA-Festival wird er am 1. Februar 2025 mit seinem Vortrag „Namibia – Land der Extreme“ im Konzerthaus Freiburg auf der Bühne stehen. Im Interview mit Janine Böhm berichtet er von seiner Leidenschaft für Fotografie, seinen Begegnungen mit den Little Five und von spektakulären Wüstenlandschaften.

Kultur Joker: Wann haben Sie zum ersten Mal wahrgenommen, dass Ihnen das Fotografieren Spaß macht?

Dirk Schäfer: Ich schätze, ich werde so zehn gewesen sein. Da bekam ich eine analoge, nur mit einem Knopf ausgestattete Kamera, wo noch Dia-Filme durchgezogen wurden. Nach 36 Bildern war Schluss und was rausgekommen ist, hat man frühestens 14 Tage später gesehen. Ich war so begeistert davon, wie auch heute die Kids von vielen Dingen begeistert sind, die man vorher nicht kannte, die neu ins Leben reinplatzen. Auf einmal gehen Sachen, die du dir nie hast vorstellen können.

Kultur Joker: Neben dem Fotografieren gehören auch Reisen und Motorradfahren zu Ihren Leidenschaften. Was sind die Vorteile, mit dem Motorrad unterwegs zu sein?

Schäfer: Man ist sehr viel näher dran an den Leuten, der Natur, am Klima als das mit dem Auto der Fall ist. Das Motorrad hat den Vorteil, dass ich größere Distanzen relativ schnell zurücklegen kann. Und es gibt immer noch viele Regionen, in denen man als Motorradfahrer eine Art Sonderling ist. Das fängt schon in Italien, Frankreich und Spanien an. Da interessieren sich viele Leute für das Fabrikat, für das Motorrad als solches. In anderen Ländern wie zum Beispiel in Namibia, wirst du angesehen, als kämst du von einem anderen Stern. Das Motorrad ist eine Art Kommunikator, man kommt darüber mit den Menschen ins Gespräch.

Über Namibia berichtet Dirk Schäfer am 1. Februar beim Mundologia-Festival © Dirk Schäfer/Mundologia

Kultur Joker: Sie sind seit 2011 mehrfach in Namibia gewesen. Was hat dieses Land, dass es Sie da immer wieder hinzieht?

Schäfer: Namibia hat fast alles, was Deutschland nicht hat und umgekehrt, das ist ja nicht nur positiv. Es hat unglaublich viel Platz. In einem sehr dicht besiedelten Land wie Deutschland fehlt mir das manchmal. Ich lebe im Ruhrgebiet, Düsseldorf, Köln – es ist überall voll, es gibt überall Stau. Und das ist in Namibia nicht so.

Kultur Joker: Namibia ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur 3 Millionen Einwohner. Bei uns sind es 84 Millionen.

Schäfer: In Namibia wohnen weniger Menschen als in Berlin. Man stelle sich vor, der Rest Deutschlands wäre menschenleer. Das ist schon irre. Auch die Topografie, die Landschaften und das Klima sind vollkommen anders. Über 90 Prozent sind Wüste, ungefähr genauso viel Land ist unfruchtbar. Wälder, Felder, Ackerbau existieren schlichtweg nicht. Es gibt im Inneren nicht einen beständig fließenden Fluss. Die beiden großen, ständig wasserführenden Flüsse sind die Grenzflüsse im Norden und Süden. Dass in so einer Region Menschen und Tiere überhaupt existieren können, kann nur bedeuten, dass sie absolute Spezialisten sind, Überlebenskünstler. Diese Überlebensstrategien der Menschen, Tiere und Pflanzen begeistern mich.

Kultur Joker: Neben den Herero und den Nama sind die San eines der Völker dort, die sich sehr gut an diese lebensfeindlichen Bedingungen angepasst haben. Sie haben einige von ihnen kennengelernt. Was haben Sie dort erfahren?

Schäfer: Das, was für mich wesentlich war, ist, dass die Gesellschaftsform, in der die San, aber auch einige andere Volksgruppen traditionell gelebt haben und zum Teil immer noch leben, sich vollkommen von unserer unterscheidet. Es gibt zum Beispiel eigentlich keinen Besitz. Es gibt natürlich Gegenstände wie Bögen, Pfeile und Köcher für die Jagd, aber wenn jemand mit einer Antilope nach Hause kommt, ist das nicht allein sein Werk, sondern es wird als Kollektivwerk betrachtet, an dem mehrere beteiligt waren. Die Pfeilspitze hat jemand hergestellt, den Bogen ein anderer, gejagt hat eine dritte Person. Egoismus wird vermieden, das hat tiefe Wurzeln. Im Gegensatz dazu dreht sich bei uns doch vieles um das „Ich“. Das hat in der Kolonialzeit natürlich für Irritationen gesorgt. Als die Europäer kamen, wollten sie Land kaufen. Die San haben das aufgrund ihrer Kultur nicht verstanden. Wie kann man Land kaufen? Land kann man doch gar nicht besitzen. Die Erde gehört allen. Die deutschen Kolonialisten waren anderer Ansicht und das führte natürlich zu massiven Problemen. Auch mit den Herero und Nama kam es zu Konflikten, die letztendlich im Völkermord an ihnen gipfelten.

Atemberaubende und surreal wirkende Landschaften © Dirk Schäfer/Mundologia

Kultur Joker: Das Gebiet des heutigen Namibia war um 1900 eine deutsche Kolonie unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika, zahlreiche deutsche Siedler ließen sich hier nieder.

Schäfer: Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war es damit dann vorbei. Das Gebiet wurde 1915 von Südafrika erobert. Ich glaube, viele Leute, die nach Namibia fahren, romantisieren diese deutsche Geschichte. Im Gegensatz zu Frankreich und England hatten die Deutschen nicht sehr viele Kolonien. Britische Kolonien gab es auf jedem bewohnten Kontinent, entsprechend wird in vielen Ländern Englisch gesprochen. Für uns Deutsche ist das was Besonderes. Wenn wir nach Namibia fahren, dann finden wir das irgendwie urig, dass es in Swakopmund Menschen gibt, die Deutsch sprechen.

Kultur Joker: Gibt es in Namibia indigene Völker, die noch wie ihre Vorfahren leben?

Schäfer: Es gibt nur sehr wenige, die tatsächlich noch so leben können und wollen. Am ehesten die Volksgruppe der Himba. Sie wohnen im äußersten Nordosten, vorwiegend im sogenannten Kaokoveld. Sie leben abseits größerer Ortschaften, aber auch dahin kommen inzwischen viele Touristen. Das wiederum beeinflusst ihre Lebensweise. Sie lernen beispielsweise, was Handys sind und wie man damit über große Distanzen kommunizieren kann. Um Handys und Guthaben kaufen zu können, muss Geld verdient werden.

Kultur Joker: Und das hat wiederum bedeutende Auswirkungen auf die Sozialstruktur.

Schäfer: Genau. Und Kinder sind für Neues noch viel offener als Erwachsene. Sie verändern die Strukturen von unten. Sie versuchen mit Touristen ins Gespräch zu kommen, man schenkt ihnen Geld, weil man sie für arm hält, vielleicht betteln auch manche. Und auf einmal haben die Kinder mehr Geld als die Eltern. Das Wertegefüge gerät aus den Fugen. Das dreht ganze Gesellschaften auf den Kopf.

Kultur Joker: Welche Begegnung war für Sie besonders überraschend?

Schäfer: Die hat mit Chris Nel zu tun, dem Gründer des Dorob-Nationalparks, der sich entlang der Küstenlinie ab Swakopmund erstreckt. Chris bietet Touren in dieses Schutzgebiet unter dem Titel „Little Five“ an. Die Big Five kennt jeder: Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Die Little Five sind Tiere, die man nicht sieht. Sie sind schwer zu finden, selbst wenn man um ihre Existenz weiß, denn sie leben getarnt oder versteckt im Sand. Chris gräbt sie aus. Da gibt es zum Beispiel den Namibgecko, dessen Haut ist durchsichtig, Muskeln und Organe schimmern durch. Da er nachtaktiv ist und nie der Sonne ausgesetzt, braucht er keine Pigmente in der Haut, dafür jedoch große Augen, die an Mangas erinnern. Er sieht total sympathisch aus, man schließt ihn sofort ins Herz.

Kultur Joker: Wer sind die anderen vier?

Schäfer: Es gehört auch die extrem giftige Sandviper dazu. Wenn er sie morgens im Sand aufspürt, ist sie noch kalt und träge, will sich kaum bewegen, das Risiko eines Bisses ist gering. Weil es so wenig Wasser gibt, ist sie deutlich kleiner als die Sandvipern, die man anderswo findet. Das Namaqua-Chamäleon ist ebenfalls großartig an den Lebensraum angepasst. Es verlässt sich in erster Linie darauf, nicht gesehen zu werden und das gelingt ihm hervorragend. Chris zeigt den Effekt der Verfärbung, indem er das Chamäleon woanders hinlockt. Innerhalb von zehn Sekunden hat es sich farblich an das neue Umfeld angepasst. Auch Emotionen zeigt es über die Farbe der Haut. Wenn es sich ärgert, wird es schwarz. Entspannt ist es hellgrün bis leicht orange. Chris weiß sehr viel über das Ökosystem und kann die Zusammenhänge verständlich machen.

Kultur Joker: Hört sich nach einer empfehlenswerten Tour an.

Schäfer: Ich persönlich würde sagen, vergiss den Ethosha-Nationalpark. Nicht, weil es da uninteressant wäre. Die Landschaft ist sehr speziell, sehr hell, fast so, als würde man durch eine weiße Wüste fahren. Der Etosha ist deshalb schwierig, weil er riesengroß und total trocken ist. Wenn man Tiere sehen will, muss man an die Wasserstellen, wo man dann mit vielen anderen Zuschauern steht. An die Wasserlöcher kommen die Tiere zumeist am frühen Morgen oder Abend, das Licht ist dämmrig, es wird mit Scheinwerfern gearbeitet, damit man was sieht und fotografieren kann. Es gibt auch viele kleinere Naturreservate und Parks mit hoher Tierdichte, wo die Chance größer ist, in relativ kurzer Zeit viele Tiere zu sehen.

Kultur Joker: Sind Sie an einem Ort gewesen, an dem Sie gerne länger geblieben wären?

Schäfer: Swakopmund ist ein interessanter Ort wegen dieser Melange von allem Möglichen. Es gibt dort die größte deutsche Community und prachtvolle Bauten aus der Gründerzeit, die da wie außerirdisch wirken. Du weißt, du bist in Afrika und du siehst Bauten wie in einer deutschen Altstadt. Das irritiert und ist trotzdem irgendwie auch cool.

Kultur Joker: Namibia hat auch eine lange Küste. Wie hat die Landschaft auf Sie gewirkt?

Schäfer: Wer einen Badeurlaub machen möchte, sollte einen Neoprenanzug einpacken. Der Benguela-Strom bringt eiskaltes Wasser direkt vom Südpol. Es gibt viele Fische und große Robbenkolonien. Auf ungefähr 400 Kilometer Länge reicht die Sandwüste mit ihren Dünen direkt bis an den Ozean. Die Dünen sind 200 Meter hoch und fallen direkt in den Atlantik. Es gibt keinen Strand. Eine spektakuläre Landschaft, die jedoch schwer zu erreichen ist. Es gibt nur wenige Anbieter, die das ermöglichen.

Kultur Joker: Steuern Ausflugboote den Küstenabschnitt an?

Schäfer: Nein, das Meer ist dort sehr unangenehm, es gibt unberechenbare Strömungen. Schiffe geraten dort seit jeher immer wieder in Seenot, unzählige Schiffwracks bezeugen das. Daher rührt auch der Name Skelettküste. Viele der Wracks kann man gut von der Luft aus sehen, einige von ihnen liegen seit über 100 Jahren dort.

Kultur Joker: Sind Sie mit einem Flugzeug darüber geflogen?

Schäfer: Ich bin mit einem Ultra-Leichtflieger mitgeflogen. Der Pilot ist im Tiefenflug über die Landschaft, der Abstand zum Boden betrug vielleicht 15 Meter. Ein unvergessliches Erlebnis, das man buchen kann. Es gibt Flüge ab Swakopmund. Andere buchen auch das No. 1 Highlight Sossusvlei, eine atemberaubende Wüstenlandschaft, in Kombination mit einem Flug entlang des Dünentals bis zur Küste.

Kultur Joker: Vortragsreferent ist ein ungewöhnlicher Beruf. Wie Sind Sie dazu gekommen?

Schäfer: 1989 bin ich mit einem Freund von Deutschland nach Kenia gefahren. Das hatte sich im Bekanntenkreis rumgesprochen. Es gab jemanden, der hatte in einer Kneipe ein Hinterzimmer gemietet und besaß das ganze Equipment – Projektoren, Soundanlage und Leinwand – und bot anderen Leuten an, ihre Urlaubsgeschichten zu zeigen. Das habe ich gemacht und dabei Blut geleckt.

Kultur Joker: Dann haben Sie die ganze Entwicklung der Vortrags-Szene mitbekommen.

Schäfer: Von der analogen Fotografie, wo man auch Dias hatte, habe ich gerade noch den Ausklang mitbekommen, bevor das digitale Zeitalter losging. Es ist viel einfacher geworden, fantastisch, was man inzwischen alles machen kann. Ein bisschen Lampenfieber habe ich immer noch, gerade bei der Mundologia, weil der Saal im Konzerthaus so gewaltig ist und eine großartige Atmosphäre herrscht. Ich freue mich über das Feedback des Publikums, die Gespräche in der Pause und danach. Es gab mal jemanden, der sagte, wegen dir habe ich das Motorradfahren angefangen. Ein anderer erzählte, weil ich deine Show gesehen habe, bin ich dahingefahren. Wenn man sowas hört, weiß man, man hat nicht alles falsch gemacht.

Kultur Joker: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Weitere Infos zu Dirk Schäfers Live-Vortrag „Namibia – Land der Extreme“ sowie Tickets unter www.mundologia.de.

Bildquellen

  • Über Namibia berichtet Dirk Schäfer am 1. Februar beim Mundologia-Festival: © Dirk Schäfer/Mundologia
  • Atemberaubende und surreal wirkende Landschaften: © Dirk Schäfer/Mundologia
  • Neugierige Begrüßung in Namibia: © Dirk Schäfer/Mundologia