Der Kriegsheld ist der Dumme

Ein „Rinaldo“ aus einem Guss am Freiburger Theater

Christoph Waltle und Xavier Sabata  Foto: Maurice Korbel

Am Ende darf Rinaldo nicht in den Jubel einstimmen. Der Titelheld sitzt blutüberströmt am Boden – und seine ersehnte Braut Almirena, die ihm nach dem Sieg über Jerusalem von ihrem Vater Goffredo versprochen war, singt lieber den die Tugend preisenden Schlusschor, als sich um ihren verdienten Kriegshelden kümmern. Regisseur Tom Ryser, der in seinen Arbeiten (u.a. „Orpheus in der Unterwelt“) eigentlich fürs Komische zuständig ist, versagt Händels Oper das Happy End.
Die Schluss-Szene spiegelt das Anfangsbild – nur der schöne Schein ist dahin.
Der weiße Plastiktisch, an dem vor der mit Spitzbögen durchbrochenen Stadtmauer (Bühne und Kostüme: Stefan Rieckhoff) Cocktails getrunken werden, ist nun schwarz vom Ruß.
Die am Boden liegenden Leichen künden vom vergangenen Schrecken. Nur Rinaldo ist gleich gezeichnet wie zu Beginn, als ihm Almirena noch einen Pfeil aus dem Rücken entfernt. Der Kriegsheld ist der Dumme.

Das in einer stark verkleinerten Besetzung spielende Philharmonische Orchester Freiburg ist unter der Leitung von Julia Jones ein ganz flexibler Klangkörper, der sowohl die kammermusikalische Intimität (Streicher!) als auch den Kriegsaufmarsch beherrscht, wenn die vier Trompeter auf der Bühne im letzten Akt gemeinsam mit der Pauke eine Schlachtenmusik schmettern. Die Holzbläser geben diesem „Rinaldo“ immer wieder spezielle Farben, die von den Solisten aufgenommen werden. Nur die näselnde Oboe mischt sich nicht so gut im ausbalancierten Bläsersatz.

Countertenor Xavier Sabata verleiht dem Kreuzritter Rinaldo von Beginn an auch zerbrechliche Züge.
Sein musikalischer Ausdruck ist nach innen gerichtet. Aber Sabata kann auch Koloraturen schleudern, wenn er sich bei der Arie „Venti, turbini“ von seinem sadistischen Ziehvater Goffredo (etwas angestrengt: Christoph Waltle) emanzipiert. Insgesamt wünscht man sich jedoch ein bisschen mehr Strahlkraft vom darstellerisch ungemein präsenten Spanier, der in Freiburg unter anderem schon als Gott in Calderóns Mysterienspiel
„Das große Welttheater“ zu sehen war. Sally Wilson ist eine optisch wie stimmlich attraktive Zauberin Armida, deren flexibler Alt nur in der Höhe etwas schrill wird.

Beim ersten Auftritt als Zauberin trägt sie noch die Militärjacke des Beginns zum glitzernden Kleid. Regisseur Tom Ryser versammelt nämlich schon von Anfang an beide Kriegsparteien auf der Bühne.
Aleksandra Zamojska ist eine berührende, allerdings vor allem nach der Pause nicht immer ganz sauber intonierende Almirena, die vom Jerusalemer König Argante (bedrohlich: Ursula Eittinger) vergeblich bedrängt wird.
Alejandro Lárraga Schleske (besuchte Vorstellung: 21.6.2012) macht aus dem Magier Mago einen zurückhaltenden, ein wenig gelangweilten Seelsorger.

Tom Ryser erzählt die Geschichte um den Fall Jerusalems mit leichter Hand, Fantasie und einer klugen Personenregie. Almirena steht unter der Fuchtel ihres Vaters Goffredo und trägt sogar die gleiche beigefarbene Uniform.
Bevor sie den Pfeil aus dem Rücken ihres Bräutigams entfernt, fragt sie zuerst den Papa.
Aber auch die Massenszenen gelingen Ryser wirkungsvoll, wenn er bei der Entführung der Almirena durch Armida die Drehbühne des Hauses in Fahrt bringt und die kleinen Furien der Youth Crew über die Szenerie jagt.
Dirigentin Julia Jones befeuert und beruhigt die spannend erzählte Geschichte – und lässt viel Raum für Zwischentöne. Ein Opernabend aus einem Guss.
Weitere Vorstellungen: 6./13./ 18.7., jew. 19.30 Uhr, Theater Freiburg.

Georg Rudiger

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