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Freizeit | Dezember 2015 | von barbara

David Bittner in Freiburg beim Mundologia – Festival

David Bittner, Biologe und Fotograf, im Interview über Bären und Wildnis

Der Schweizer Biologe und Fotograf David Bittner reist regelmäßig nach Alaska, um die Küstenbraunbären in der Wildnis zu beobachten. Seine Bilder und Filme gehören zu den aufregendsten und spektakulärsten Aufnahmen, die je von Begegnungen mit wilden Bären gemacht wurden und sind am 31. Januar 2016, 15 Uhr, auf dem 13. MUNDOLOGIA – Festival im Konzerthaus Freiburg zu sehen. Im Gespräch mit Janine Böhm berichtet David Bittner von zaghaften Annäherungsversuchen, Scheinangriffen und menschlichem Fehlverhalten.

David Bittner

 

Kultur Joker: Herr Bittner, Ihre erste Reise nach Alaska im Jahr 2002 haben Sie vor allem wegen der Lachse unternommen.
David Bittner: Wildnisgebiete haben mich schon immer fasziniert. Ich wollte meine Ferien in einer Gegend verbringen, zu der es damals nur wenig Informationen und keine Reiseführer gab, eine Gegend, die ich nur nach Landkarten beurteilen konnte. Alaska stand da ganz oben auf meiner Liste. Und da ich auch ein passionierter Angler bin, wollte ich die Lachswanderungen mal mit eigenen Augen beobachten. Und wo Lachse sind, sind auch Bären nicht weit. Als ich längere Zeit an einem Ort blieb, habe ich festgestellt, dass es einzelne standorttreue Bären gibt, die wochenlang dieselbe Nahrungsquelle nutzten. Es hatte mich dann sehr interessiert, ob ich dieselben Bären im nächsten Sommer wieder antreffen würde, was tatsächlich der Fall war. Das hat dazu geführt, dass ich über die Jahre immer wieder dieselben Plätze aufgesucht habe, um dort die mir bekannten Bären zu beobachten.

Kultur Joker: Woran erkennen Sie einzelne Bären? Wie lassen sie sich unterscheiden?
David Bittner: Äußerliche Merkmale aber auch Verhaltensmerkmale. Gerade Jungtiere, Geschwister, die sich extrem ähnlich sehen, unterscheiden sich sehr in ihrem persönlichen Charakter, ihrem Verhalten mir und anderen Bären gegenüber. Auch an der unterschiedlichen Art, wie sie Fische fangen und wo sie diese gerne fressen, kann ich sie unterscheiden.

Kultur Joker: Hat sich das Gebiet, in dem Sie sich aufhalten, in den letzten Jahren verändert? Sind mehr Menschen dort unterwegs?
David Bittner: Die Katmai-Küste ist sehr abgelegen, es hat sich aber  herumgesprochen, dass man dort sehr gut Bären beobachten kann. Die Anzahl der Boote und Wasserflugzeuge, die Touristen für ein paar Stunden oder Tage dorthin bringen, hat deutlich zugenommen. Auch Individualtouristen wie ich sind mehr unterwegs. Der Tourismus konzentriert sich jedoch zumeist auf einzelne Orte. Man kann also nach wie vor einen ganzen Sommer dort verbringen ohne einem Menschen zu begegnen. Zudem sind die meisten Touristen ab Mitte September verschwunden, sodass ich ab dann auch in diesen gut besuchten Gegenden alleine bin.

Kultur Joker: Sind Sie vor allem alleine unterwegs oder reisen Sie auch mit Ihrer Familie oder mit Freunden zu den Bären?
David Bittner: Am besten gefällt mir eine Kombination aus beidem: Zunächst einen Teil der Reise alleine und dann einige Wochen gemeinsam mit anderen. Wenn ich längere Zeit alleine unterwegs bin, sind die Erlebnisse intensiver, die Bären kommen näher heran, weil man als Einzelperson weniger bedrohlich auf sie wirkt. Andererseits nimmt natürlich das Risiko zu. Es ist jedoch auch schön, die Erlebnisse zu teilen und die Zeit gemeinsam dort draußen zu verbringen.

Kultur Joker: Haben Sie Ihre beiden Kinder schon mit zu den Bären genommen?
David Bittner: Nein, sie sind ja erst zwei und vier Jahre alt. Ich habe mich mit meiner Frau darauf geeinigt, damit zu warten, bis sie etwa 7 Jahre alt sind. Ich denke, ab diesem Alter verstehen sie die Regeln, an die man sich halten muss, wenn man sich in der Nähe der Bären aufhält. Es sind potenziell gefährliche Tiere.

Kultur Joker: Was sind die wichtigsten Verhaltensregeln in Bärengebieten?
David Bittner: Eine Regel besagt, dass man keine Überraschungsbegegnungen provozieren soll, dass heißt sich im Bärengebiet entsprechend bemerkbar machen, in die Hände klatschen, mit der Stimme auf sich aufmerksam machen, gerade wenn man sein Umfeld nicht so gut unter Kontrolle hat wie in einem offen Gelände. Man darf nicht auf die Tiere zugehen, sondern sollte Distanz bewahren. Alle meine Nahaufnahmen von einem Bären sind nur entstanden, weil das Tier von sich aus so nah an mich herangekommen ist. Und ich lasse es auch nur so nah herankommen, wenn ich Vertrauen zu ihm habe, weil wir uns vorher schon viele Male begegnet sind.
Wichtig ist auch die richtige Lagerung von Nahrungsmitteln. Alles muss bärensicher verwahrt werden. Um die Gerüche auf ein Minimum zu reduzieren, verpacke ich sie in Gefrierbeutel und verstaue sie anschließend in speziellen Containern. Selbstverständlich keinen Fisch braten, wenn ein Bär in der Nähe ist. Lebensmittel nicht im Zelt aufbewahren, sondern möglichst entfernt von der eigenen Schlafstelle. Bärenspray und Signalfackeln mit sich tragen, um Bären im Notfall abwehren zu können. Ich finde es auch wichtig, einen Elektrozaun um mein Lager aufzustellen. Außerdem sollte der Zeltplatz gut gewählt sein, sicher nicht in der Nähe eines Lachsgewässers oder am Rande eines Bärenpfades. Und schlussendlich ein respektvoller Umgang mit den Tieren, nie vergessen, mit wem man es zu tun hat. Nie vor einem Bär davonrennen.
Man muss lernen, das Verhalten der Tiere einzuschätzen. Man muss unterscheiden zwischen einem dominanten Bären, dem man besser aus dem Weg geht und einem neugierigen, herausfordernden Bären. Bei letzterem muss man standhaft bleiben, ihn anstarren und anschreien, bis er zurückweicht. Da sind in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedliche Verhaltensweisen angebracht.

Kultur Joker: Sind Bären sehr neugierig?
David Bittner: Ja, gleichzeitig aber auch sehr vorsichtig. Man spürt das gerade bei den jüngeren Tieren. Die Neugier lässt sie näher herankommen, die Angst lässt sie im nächsten Moment wieder zurückweichen. Das ist ein ständiges hin und her. Grundsätzlich bleiben Bären, die mich nicht kennen, bei der ersten Begegnung auf Distanz. Das gegenseitige Kennenlernen braucht sehr viel Zeit. Und dann gibt es einzelne Tiere, die sehr neugierig sind, bei denen ich das Gefühl habe, sie realisieren, dass ich keine Bedrohung für sie bin, die sich dann jeden Tag vorsichtig einen Schritt näher herantrauen, bis sie sich in unmittelbarer Nähe, nur eine Armeslänge von mir entfernt, aufhalten.

Kultur Joker: Kommunizieren Sie mit den Tieren?
David Bittner: Ja, ich denke schon, dass eine Art Kommunikation stattfindet. Ich habe festgestellt, dass man mit der Stimme einen sehr großen Einfluss auf die Tiere hat. Mit einer ernsten, tiefen Stimme, kann ich mir bei den jungen, neugierigen Bären Respekt verschaffen. Ein unruhiges, ängstliches Tier kann man mit einer sehr sanften, kindlichen Stimme beruhigen und Mut zusprechen, ihm vermitteln, dass es nichts zu befürchten hat.
Etwas ganz anderes ist es, wenn ich einem Bär begegne, den ich zuvor noch nie gesehen habe. In dem Fall mache ich mit meiner Stimme auf mich aufmerksam, damit er von meinem Anblick nicht überrascht wird und sich bedroht fühlt, sondern rechtzeitig realisieren kann, ok, da ist ein Mensch. Sicherheitshalber hole ich auch das Pfefferspray hervor. Eigentlich sind Bären Fluchttiere, aber in seltenen Fällen ist es für sie sicherer in einen Verteidigungsangriff überzugehen, das heißt, auf die Bedrohung zuzurennen, nicht um sie aufzufressen, sondern um sie zu neutralisieren. Bären sind starke Tiere und sie sind sich dessen bewusst.

Kultur Joker: Lassen sich die Ihnen vertrauten Bären auch anfassen?
David Bittner: Einige Bären, die mich schon kennen, wollen vielleicht spielen, mich beschnuppern, so wie sie das auch untereinander tun. Für mich gibt es da aber eine Grenze, die liegt etwa bei einem Meter Distanz. Kontakte und Berührungen möchte ich vermeiden. Mit einzelnen Tieren könnte ich sicherlich in Körperkontakt treten, sie würden mir die Hand abschlecken und irgendwann könnte ich sie möglicherweise am Kopf kraulen. Ich bin aber der Meinung, dass man das unterlassen sollte. Es sind Wildtiere und keine domestizierten Tiere im Streichelzoo. Mit einem kurzen und lauten „Hey! Hey!“ kann ich sie dazu bringen Distanz zu waren und mir Respekt verschaffen.

Kultur Joker: Sind Sie von einem Bären mal attackiert worden?
David Bittner: Die Menschen haben eine ganz falsche Vorstellung von diesen Tieren. Es sind Wildtiere, die scheu und vorsichtig sind. Man ist als Mensch nicht Teil ihrer Nahrungskette, sonst wäre ich längst nicht mehr da. Natürlich habe ich auch immer mal wieder Angst, gerade bei mir unbekannten Tieren, oder auch nachts, wenn ein Bär um mein Lager schleicht. Aber wenn man die Tiere kennen lernt, realisiert man, dass es äußerst intelligente, individuelle Lebewesen mit eigenen Persönlichkeiten sind. Sie interagieren untereinander, sind nicht, wie wir das aus der Literatur kennen, reine Einzelgänger, sondern leben in hochkomplexen, sozialen Gefügen. Gerade dort, wo Nahrungsquellen konzentriert auf kleinem Raum vorkommen, braucht es eine soziale Struktur, eine Rangordnung, die gewährleistet, dass nicht alles im Chaos endet.
In all den Jahren, die ich unter den Bären verbracht habe, kann ich jene Situationen, die etwas problematisch waren, an einer Hand abzählen. Sie waren alle mit männlichen Jungtieren. Man könnte eine Parallele zu den Menschen ziehen. Die jungen Männchen, die ihre Grenzen austesten wollen, so wie sie das auch untereinander machen. Die auf mich zurennen um zu testen: Hat der Angst vor mir? Wer ist der Stärkere? Es gab da eine Situation, in der sich mir ein junger Bär mit Scheinangriffen genähert hat, wieder zurückwich und dann von einer anderen Seite erneut herangesprungen kam. Als er dann näher als fünf Meter an mich herankam, habe ich das Pfefferspray eingesetzt und bin laut schreiend mit erhobenen Händen auf ihn zugegangen. Daraufhin hat er abrupt abgedreht und ist hunderte Meter davongerannt. Da war ich psychisch am Ende und mein Herz pochte. Schlussendlich weiß ich jedoch nicht, wie gefährlich die Situation wirklich war. War mein Leben in Gefahr? Das ist schwer zu beurteilen.

Kultur Joker: Aber man hört doch ab und zu von lebensgefährlichen Begegnungen zwischen Bär und Mensch.
David Bittner: Ich bin ziemlich sicher, dass die allermeisten Zwischenfälle zwischen Bär und Mensch die Folge von menschlichem Fehlverhalten sind. Da hat der Mensch was provoziert, sich dem Bären zu sehr angenähert, ihn angefüttert oder einem jungen, neugierigen Bären ins Bein geschossen, als er Angst bekommen hat. Aus meiner Sicht ist das Leben unter Bären, wenn man sich an die Regeln hält, relativ sicher.

Kultur Joker: Sind denn die Bären an der Katmai Küste vor dem Menschen sicher?
David Bittner: Im Katmai Nationalpark darf nicht gejagt werden. Anderswo wird vor allem Jagd auf die großen, männlichen Bären gemacht. In diesen Gebieten halten die Tiere deshalb kilometerweit Abstand zum Menschen und sind sehr nachtaktiv.

Kultur Joker: Gibt es in der Schweiz Bären?
David Bittner: Zurzeit leider nicht. In den letzten zehn Jahren hatten wir aber immer mal wieder Besuch aus Italien. Dort lebt eine kleine Restpopulation des Alpenbraunbären, die in den 1960er Jahren geschützt wurde. Die Bären breiten sich langsam wieder im gesamten Alpenraum aus, wandern mal nach Deutschland, mal nach Österreich. Ich betrachte den Bären als ein Symbol für eine intakte Natur.

Kultur Joker: Würden die Schweizer eine Rückkehr des Braunbären begrüßen?
David Bittner: Der Bär wirkt extrem polarisierend. Die Stadtbevölkerung begrüßt mehrheitlich die Rückkehr. Die Landbevölkerung hingegen hat sich an die hundertjährige Abwesenheit des Bären gewöhnt. Man schützt die Schafe nicht mehr, lässt sie das ganze Jahr über weiden. Man muss Abfall nicht bärensicher deponieren. Es gibt Probleme, wenn die Bären zurückkommen. Man müsste sich mit entsprechendem Aufwand und Willen wieder an ein Leben mit ihnen anpassen. Das stößt bei den Menschen natürlich nicht nur auf Verständnis sondern auch auf Widerstand.

Kultur Joker: Was erwartet die Besucher Ihres Vortrags „Unter Bären“?
David Bittner: Ich führe das Publikum in ein Wildnisgebiet in Alaska von grandioser Schönheit, beschreibe die Zusammenhänge in diesem Ökosystem und stelle einzelne Bären mit ihren individuellen Eigenheiten und Besonderheiten vor. Ich habe zu einzelnen Tieren eine besondere „Beziehung“ aufgebaut und kann dadurch sehr persönliche Geschichten erzählen. Ich konnte die Tiere bei ungewöhnlichen Ereignissen beobachten und picke im Vortrag die Rosinen meiner Erlebnisse heraus. Es sind einmalige, zum Teil spektakuläre und auch sehr berührende Aufnahmen zu sehen, die einen Einblick in eine Welt geben, die das Publikum so vermutlich noch nicht gesehen hat.

Infos und Karten für das MUNDOLOGIA – Festival, das vom 29. bis 31. Januar im Konzerthaus in Freiburg stattfindet, gibt´s unter www.mundologia.de