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Theater | März 2019 | von Annette Hoffmann

Das Theater Freiburg zeigt die deutsche Erstaufführung von „Ballyturk“

Hauptsache Erzählen

Mit Bastian Kabuths deutscher Version der Komödie “Ballyturk” von Enda Walsch bringt das Theater Freiburg eine werktreue und solide Inszenierung zur Erstaufführung im Kleinen Haus.

© Marc Doradzillo

Michael Witte, Lukas T. Sperber und Holger Kunkel in “Ballyturk” am Theater Freiburg.

Stellt sich ein Autor wie Enda Walsh, 1967 in Dublin geboren, die Vorhölle, das Jenseits oder ein nur irgendwie komisch geartetes Zwischenreich vor, dann denkt er an eine irische Ortschaft. Mit einer Hauptstraße, einem kleinen Laden, in dem die Inhaberin täglich neu Erbsendosen stapelt, so viel Missgunst unter den Bewohnern wie Vögel und Katzen in den Straßen, einem Wäldchen und einem Fluss, der mitten durch die Stadt geht.

Man wird Ballyturk auf keiner Karte finden. 2014 führte Walsh bei der Premiere des gleichnamigen Dramas selbst Regie, jetzt fünf Jahre später hat Bastian Kabuth die deutsche Erstaufführung für das Theater Freiburg eingerichtet.

Die Wände im Kleinen Haus sind von einem solchen Grau, das Landschaften durchsickern lässt, auf den gegenüberliegenden Seiten kleben Zeichnungen, Porträts und ein Flussverlauf mit Bäumen, merkwürdige Ansammlungen von Kommoden und Schränkchen sind an den Seiten installiert, ein schmales, überraschenderweise gemachtes Bett steht dort, irgendwo hängt eine Mikrowelle, links befindet sich eine Duschwanne, daneben ein Klo mit einem viel zu hoch angebrachten Spülkasten (Bühne: Maria Eberhardt).

Im Kühlschrank steht die gleich bleibende Menge teilentrahmter Milch. Alles ist in die Jahre gekommen, die Patina der beste Kitt. Wo sich diese beiden Männer (Lukas T. Sperber, Michael Witte) – im Stück werden sie lediglich nummeriert – befinden, wie sie zueinander stehen, ist so müßig zu fragen wie es dies in einem Beckett-Drama oder einem Roman von Flann O’Brien wäre.

Es gibt keinen Ausweg aus diesem Raum, nicht mal Fenster, auch der quittengelbe Vorhang wird ihn nicht bieten, dahinter verbirgt sich Ballyturk. Dort erst recht. Die Wände sind von bemerkenswertem Stoizismus. Manchmal hört man von links oder rechts Stimmen, die sich zu unterhalten scheinen wie die beiden ungleich alten Männer auch, denen wir zusehen, wie sie leben spielen. Dann „The Look of Love“ von ABC aus den 1980ern vollaufgedreht, es wirkt wie Vitalitätsschock für Lebenslängliche.

Bastian Kabuths Inszenierung ist wie ein sehr solider Enda Walsh-Look-alike-Wettbewerbsbeitrag. Der Soundtrack stammt aus den 80ern und Lukas T. Sperber trägt, wie im Stück vermerkt, ab und an einen Hurling-Helm, obwohl den irischen Nationalsport hier kaum jemand kennt. Diese Werktreue, die „Ballyturk“ ein bisschen bieder wirken lässt, hat seine Gründe möglichweise auch darin, dass der Witz des Stückes nicht etwa ein metaphysischer, sondern ein materieller ist.

Er entzündet sich an der Gebäckpyramide, mit der die beiden ihrem späteren Gast (Holger Kunkel), dem Tod, aufwarten, an den Fliegenticks, die sie entwickeln oder der aberwitzigen Organisation ihres Alltags. Und an den absurden Dialogen über Häschen und über die philosophische Dimension der Kürze eines Fliegenlebens. „Ballyturk“ ist eine Hommage an die menschliche Fähigkeit des Erzählens, selbst unter widrigen Umständen.

Hinter dem Vorhang befinden sich die Porträts der Bewohner des Ortes, je nachdem, wen der Dartpfeil trifft, wird diese zur Hauptfigur dieses kleinen Kosmos an Anekdoten. Wie Codey einmal einen neuen gelben Pullover hatte und damit durchs Dorf lief. Er wurde ihm zu eng, nur die Flucht in den Wald half vor der Gleichmacherei der Leute aus Ballyturk. Ein anderes Mal nennt der Jüngere einen Namen nach dem anderen und der Ältere nimmt charakteristische Gesten und Haltungen ein.

Es ist der ältere Mann, Michael Witte lässt ihn in Samtstreifenhosen zu übernächtigtem Gesicht wie einen regelmäßigen Pub-Besucher aussehen (Kostüm: Ines Koehler), dem das Geschichtenerzählen zum Lebensinhalt und zum Sport wird, den jüngeren plagen ob des ungelebten Lebens Panikattacken und Neurosen.

Das ist fraglos gut gespielt, doch die Hölle sind nicht die anderen, nicht einmal man selbst, die Hölle ist die Hölle. Und selbst die Frage, wer gehen, also sterben muss, birgt dann nur wenig Konfliktstoff und ist nach einigen kurzen Work-outs schnell geklärt. Wem der Stoizismus der Wände nutzt, welches System hier aufrecht erhalten wird, streift die Inszenierung nicht einmal. Dafür ist sie einfach zu solide.

 

Was: Schauspiel “Ballyturk” von Enda Walsh
Wann: 3./17. März, 2./9./21./ 26. April
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus, Bertoldstraße 46, 79098 Freiburg
Web: www.theater.freiburg.de