Das Freiburger Kollektiv Quizzical Körper zeigt die Performance „Serenus“

„Alternative Kunstformate“ nannte sich das Mitte Juni ausgelaufene Programm des Freiburger Kulturamtes, das bis zur Abgabe dieses Artikels (09.06.20) aus 35 Anträgen dreizehn Projekte mit einer Summe von 50. 000 Euro förderte. So auch die rund zwanzigminütige Performance „Serenus“ des Freiburger Kollektivs Quizzical Körper, das drei Tage lang sechs verschiedene Hinterhöfe in Herdern, Zähringen, Haslach und dem Stühlinger bespielte. Offizielle Ankündigungen dafür gab es wegen den Corona-Verordnungen nicht, aber Irene Carreňo, Rebecca Mary Narum und Andrea Lagos informierten die Nachbarn und die wiederum interessierte Freunde. Die drei kommen ursprünglich aus Südamerika und der USA, lernten sich bei ihrer Ausbildung im Freiburger Zentrum für Neuen Tanz und Improvisation TIP kennen und gründeten 2017 ihr eigenes Ensemble. Seitdem waren sie schon mehrfach im E-Werk und Südufer zu sehen. Nach langen Wochen des Lockdowns wollen sie nun ihrem Publikum ein Tanzständchen in der Tradition der Serenaden bringen.
Erst sieht es nicht gut aus am Tag der Premiere: Viel Wind in Herdern, Regen in Haslach. Doch dann lichtet sich der Himmel, es donnert nur noch aus der Ferne. Von den Balkonen des Wohnblocks in der Feldbergstraße flattern Handtücher, mit denen Kollektiv und Helfer den mobilen Tanzboden auf der Wiese trocken schrubben. Dann geht es los: „Wir kommen zu euch!“ , ruft Choreografin Irene Carreňo nach Begrüßung und Vorstellung durch ihr Megaphon – und erntet begeisterten Applaus. Kultur frei Haus – endlich wieder live, wenn auch mit Abstandsregeln.
Schon die ersten Geigentöne von Musiker Valentin Steckel schaffen Verzauberung: Passanten und Fahrradfahrer bleiben am Zaun stehen, als sich Rebecca Mary Narum und Andrea Lagos in schwingenden Sommerkleidern über die Plane rollen: Himmelblau und Blond trifft auf Dunkelrot und schwarze Mähne, die Figur der Clara aus Isabel Allendes „Das Geisterhaus“ auf jene Sierva María aus Gabriel García Márquez Roman „Von der Liebe und anderen Dämonen“. Beide Tänzerinnen haben riesige Comicaugen auf ihre Knie gemalt, mit angeklebten Wimpern zeigen sie theatrale Mimik und Gesten. Begegnung findet nicht statt: Jede scheint in ihrer eigenen Welt zwischen Traum und Wahn.
Und doch spiegeln und synchronisieren sie sich mit ganz unterschiedlichen Bewegungssprachen, viele der dynamischen Choreografien sind wegen dem Zuschauerblick von oben in die Horizontale gekippt und werden im Liegen getanzt. Es ist eine kleine, magische Begegnung, die viel Sehnsucht und Wildheit transportiert: wenn Lagos den meterlangen, künstlichen Zopf über den Tanzboden schleudert oder Narum in ein verzückt-verrücktes Operngeträller ausbricht – dann weiß man wieder, was so viele Wochen fehlte: Intensität, Irritation und neue Perspektiven. „Danke für euch als lebendiges Publikum, Interaktion und Präsenz, das ist so wichtig für uns!“ bedankt sich Irene Carreňo für den herzlichen Applaus ihrer großen und kleinen Zuschauer*innen. Für einige von ihnen war es sicher die erste Tanzperformance ihres Lebens.

Bildquellen

  • Performance mit dem Kollektiv Quizzical Körper in Herdern: Promo

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