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Kunst | Januar 2017 | von Redaktion

Beschläge Koch zeigt Bilder von Martin Kasper

Betreten erbeten: Bühnen der Erinnerung

Weit erstreckt sich der Kinosaal nach vorne. In der Mitte seiner Stirnseite, besser: in der zentralperspektivischen Mitte des Bildes prangt eine weiße Leinwand, die aus sich heraus zu leuchten scheint. Ansonsten erzählt sie nichts, kein Film spielt sich auf ihr ab. Die gedeckten Farben, die verblichene Polsterung der Wände und der abblätternde Boden, von dem die mit rotem Samt bezogenen Kinosessel entfernt wurden – alles weist auf eine prachtvolle Ausstattung hin, die schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Eine Art Cinema Paradiso aus einer Zeit, als irgendwie noch alles in Ordnung schien.

Liegt das daran, dass man selbst einmal jünger war? Das Erstaunliche an diesem Bild „Lichtspiele“ wie auch an all den anderen Raum-Interieurs Martin Kaspers ist indes, dass sie keinerlei Nostalgie verströmen. Ihre Wirkung ist eher steril, kühl und unpersönlich. An der Maltechnik liegt es nicht. Meist verwendet der Künstler warme Temperafarben, die, in mehreren Schichten aufgetragen, eine samtig-matte Oberfläche erzeugen, welche die sichtbare Struktur der Leinwand erhält.

Vielmehr scheinen sich die Räume dem Betrachter zu entziehen, indem sie ihn mittels Spiegel, Fenster (oder eben einer weißen Leinwand) unmittelbar wieder aus dem Bild herauslotsen. Andererseits ist die Sogwirkung der Bilder immens, alles lockt in ihnen: der glatte Boden, eine sich lüstern wölbende Brüstung, ein filigran geschwungener Handlauf – wie ein glänzender Apfel zum Anbeißen schön. Doch bleiben sie Durchgangsräume, die wie Schleusen fungieren.

Auch handelt es sich fast immer um solche öffentlichen Räume, um Repräsentationsräume mit raffinierten architektonischen Elementen, die aus den 50ern oder 60ern stammen könnten. Sie alle signalisieren einstige Belebtheit, zeigen nun aber Verfall. Die Spuren vergangenen Lebens teilen sich in diesen Räumen so deutlich mit, dass man geneigt ist, an die Simultanität von Orten zu glauben. Raum und Zeit, wie relativ sie doch sind; das wird hier so richtig klar.

Zu sehen sind Innenräume, gewiss, aber keine Innenansichten. Nicht gezeigt werden soll gefühlte Leere, sie sind kein Abbild der Vanitas. Leerstellen wie die weiße Leinwand oder die rechteckigen Flecken an den getünchten Wänden, an denen einmal Bilder gehangen haben bieten sich lediglich als Bühne an, auf der sich die Erinnerung verselbständigt – ähnlich wie man das vielleicht von Musikstücken kennt, die zuweilen ganze Lawinen von Eindrücken aus der eigenen Vergangenheit lostreten können. Dazu passen auch die Portraits, die zwar reale Personen abbilden wie den Künstler selbst, Freunde oder Familienmitglieder. Doch werden sie alle mit geschlossenen Augen dargestellt. Wie die Räume verwehren sich auch die Gesichter gegen jegliche Deutung des Dargestellten, sind lediglich Projektionsflächen.

Zwar mag man derzeit den Eindruck gewinnen, dass die Bilder des 1962 geborenen Künstlers Martin Kasper in Freiburg und der Region allseits präsent sind. Doch scheint dieser Maler den Nerv unserer Zeit zu treffen. Die Magie seiner Bilder rührt wohl vor allem daher, dass sie sich jedermann darzubieten scheinen wie unbeschriebene Blätter, die dazu einladen sie mit eigener Assoziation zu befüllen.

Noch bis 29. Januar. Firmengebäude Beschläge Koch, Hanferstraße 26, Freiburg-Hochdorf. Geöffnet Mo bis Fr, 8-16 Uhr.

Friederike Zimmermann