Nachhaltig

Zelten bis zum Notstand: Ein Vormittag im Freiburger Klimacamp

Das Inforzelt bietet Flyer & Co. Hier kann auch mit den Aktivist:innen ins Gespräch gekommen werden. Foto: Elisabeth Jockers

Der Aprilhimmel über dem Rathausplatz ist grau, immerhin fällt kein Regen. Das Glockenspiel im Rathaus und die Kirchenglocken lärmen um die Wette. Im warmen, windgeschützten Infozelt begrüßen uns Lucas, Julia und Joana. Die drei Aktivist:innen haben gute Laune, witzeln miteinander. Auf ihr offenes Infozelt sind sie stolz. Ein Plakat der Letzten Generation, das gelbe Kreuz gegen den Abriss Lützeraths, Infoflyer zum Klimacamp und Umweltthemen und eine Plastikfigur: Janoschs Bär, der mit seiner Tigerente in der Badewanne hockt. Hinter ihm steht eine Eisbär-Plüschfigur und blickt vielsagend ins Nichts. Wo die einen planschen, müssen die anderen um ihre Existenz fürchten. Immerhin regnet es heute nicht. Im selbstgebauten Infozelt ist es warm.
„Wir campen, bis ihr handelt!“ Unter diesem Motto harren die Freiburger Klimacamper:innen seit Juli 2022 vor dem Rathaus Freiburg, rein rechtlich als andauernde Versammlung. Der Ort ist nicht zufällig gewählt, schließlich werden im Rathaus politische Entscheidungen gefällt. Hier könnte der sozial-ökologische Notstand ausgerufen werden. Hier könnte Flächengerechtigkeit geschaffen werden – durch die Rücknahme öffentlicher Parkplätze in Freiburg. Hier könnte eine radikale Transformation der ganzen Gesellschaft in die Wege geleitet werden. So einige der Forderungen der Aktivist:innen, nachzulesen auf der Homepage des Camps. Im Auftreten sind die Protestierenden selbstbewusst: „Mit dem Klimacamp bringen wir den Protest in die Innenstadt. Wir sind nicht zu übersehen und nicht zu ignorieren.“
Im Infozelt stellen sich unsere Gegenüber noch einmal vor, alle drei studieren: Lucas (21, Medizin, Mitbegründer des Freiburger Klimacamps), Joana (19, Umweltnaturwissenschaft) und Julia (24, Psychologie). Eigentlich wollte Julia nur für kurze Zeit in Freiburg sein, dann blieb sie aber – im Breisgau ist es einfach zu schön. Nach der Vorstellung treten wir aus dem Infozelt in den grauen Apriltag. Nebenan drei weitere Zelte und ein
Dixie-Klo. Auf das Klo, so versichern alle drei, könnten sie verzichten. Ist jedoch Auflage der Stadt. Das Klo muss regelmäßig abtransportiert, geleert und wieder herantransportiert werden.

Große und kleine Solarflächen liefern dem Klimacamp den nötigen Strom. Foto: Elisabeth Jockers

Unverzichtbar sind die beiden privaten Zelte, ein Schlaf- und Wohnzimmerzelt. Am Schlafzelt hängen kleine Glöckchen, ein Sicherheitsschloss ist angebracht. Die Plane des Lagerzelts wurde bereits mit einem Messer attackiert. Gerade nach Fußballspielen und zur Fasnachtszeit gab es neben Parolen auch Übergriffe. Tagsüber schützt die Protestierenden die Öffentlichkeit des Ortes, nachts, wenn nur stündlich die Kirchenglocke schlägt, werden die Menschen aggressiver, berichtet Lucas. „Insgesamt fühlen wir uns hier sicher“, sagt Julia, „es ist aber auch wichtig, dass wir uns konstant damit auseinandersetzen.“ Auf der Website des Camps wird das Awareness-Konzept vorgestellt: „Das Klimacamp soll ein Ort sein, an dem sich alle wohl und sicher fühlen. Bitte sei achtsam gegenüber anderen.“ Das gilt auch für die Camper:innen selbst.
Auf der Website des Klimacamps sind Fotos aus dem Sommer zu sehen, junge Leute vor den Zelten aneinandergekuschelt, Livemusik mit Piano und Saxophon, handwerkliches Arbeiten im Sonnenschein, eine grinsende Aktivistin. Julia: „Das Schöne am Camp ist, dass hier Leute zusammenkommen, die verschiedene Fähigkeiten haben.“ Lucas ergänzt stolz: „Wir haben eine breite Vernetzungsstruktur.“ Weil die Camper:innen keine Lust auf Stromnutzungsgebühren hatten, haben sie Solarflächen gebaut. Das geräumige Infozelt hat ein Handwerker konstruiert. Vernetzt sind die Camper:innen überhaupt, einige, wie Lucas, haben engen Kontakt zu den Fridays for Future oder Students for Future. Veranstaltungen verschiedener Klimagruppen finden hier statt. Appelle werden über die Website geteilt, etwa die Petition zur „Vereinfachung von Balkonsolar Anlagen“. Joana: „Unser Camp ist ein schöner, zentraler Ort, um sich zu treffen, Infos zu teilen.“
Während wir über den Platz laufen und die Frage längst im Raum steht, wie die Stadtbevölkerung so auf den Klimaprotest im Herzen der Altstadt reagiert, folgt uns ein älterer Mann und merkt an, dass die Sache mit den Solarpanels eh nicht funktionieren würde. Er scheint sich über die Camper:innen lustig zu machen. Kurze Zeit später wendet sich eine ältere Frau in farbenfroher Kleidung an die drei Aktivist:innen: „Was ist denn so schlimm am Klimawandel?“ Dann: „Seit 100 Jahren ändert sich gar nichts am Klima.“ Joana geht in die Offensive: „Woher wissen Sie das?“ Gegenfrage der Frau: „Woher wisst ihr das?“ Joana: „Thermometer.“ Und so weiter.
Einige Minuten später kommt ein älterer Mann zu Besuch, schaut sich die großen Transparente an, die auf dem Rathausplatz liegen. Er lächelt, sagt dann: „Das Tempolimit könnte man auch auf 80 setzen!“ Kein Widerspruch der Camper:innen. Julia betont: „Die Reaktionen der Menschen sind generell eher positiv, viele sind interessiert an dem, was wir hier machen. Manche sind auch kritisch eingestellt, wollen aber ins Gespräch kommen. Das finde ich wichtig – dass es eine Plattform zum Austausch gibt.“ Joana wünscht sich, dass nicht nur die lauten, polarisierenden Menschen das Gespräch suchen, sondern auch die, die eher zurückhaltend sind. Über ein Gespräch freuen sich die Camper:innen in jedem Fall, gerade an grauen, verschlafenen Vorsommertagen.
Infos, Veranstaltungen und Kontakt auf www.klimacampfreiburg.de und vor Ort.

Bildquellen

  • Das Inforzelt bietet Flyer & Co. Hier kann auch mit den Aktivist:innen ins Gespräch gekommen werden: Foto: Elisabeth Jockers
  • Große und kleine Solarflächen liefern dem Klimacamp den nötigen Strom.: Foto: Elisabeth Jockers
  • Im Gespräch mit Fabian: Lucas, Julia und Joana (v.l.n.r.): Foto: Elisabeth Jockers