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Theater | April 2018 | von Georg Rudiger

Vasily Barkhatov inszeniert Prokofiews Oper „Der Spieler“ in Basel

Einsamkeit im 21. Jahrhundert

In den Casinos von Bad Homburg, Wiesbaden und Baden-Baden hat Fjodor Dostojewski viel Geld verloren – und in seinem autobiographisch geprägten Roman „Der Spieler“, den Sergej Prokofiew zur Grundlage seiner gleichnamigen Oper machte, davon erzählt. Bis Juni ist das Stück am Theater Basel zu sehen.

Im offenen Hostel werden viele kleine Geschichten erzählt. (© Priska Ketterer)

Die Handlung spielt um 1865 im fiktiven Roulettenburg. Hier treffen sich Lebemänner und Loser, Spielsüchtige und Spekulanten. Man könnte sich einen mondänen Kurort als Ambiente vorstellen, wo zumindest noch der Glanz der Vergangenheit zu spüren ist.

Am Theater Basel treffen sich die Figuren aber in der Waschküche unter Neonlicht. Da drehen sich zunächst einmal keine Roulettescheiben, sondern die Trommeln der Waschmaschinen. Schon bei Modest Mussorgskys Oper „Chowanschtchina“, mit der Intendant Andreas Beck vor zweieinhalb Jahren seine Intendanz am Theater Basel begann, erzählte der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov mit konkreten Bildern vom Zerfall in der ehemaligen Sowjetunion. Auch seine handwerklich perfekte Inszenierung von „Der Spieler“ ist nah an der Wirklichkeit und präzise im Detail. Dabei lässt er die Charaktere nicht verflachen.

Jeder Figur widmet er sich mit großer Sorgfalt – und die präsenten Sängerdarsteller lassen sie lebendig werden. Der General a.D. (enorm vielschichtig: Pavlo Hunka) hat seinen Schrecken schon in der ersten Szene verloren, wenn er mit einem Wäschekorb die Treppe herunterkommt und zwischen den schmutzigen Fliesen jede Autorität verliert. Später schnippelt er das Gemüse für die Suppe, während sich seine Geliebte Blanche (klanglich ausbalanciert: Kristina Stanek) schon längst für einen anderen interessiert.

Der undurchsichtige Marquis (souverän, nur in der Höhe etwas angestrengt: Rolf Romei) ist ein Fitness-Fanatiker und trägt einen Pulsmesser am Oberarm, wenn er nicht gerade Hanteln stemmt oder im Pelzmantel Polina (eine echte Entdeckung: die großartige litauische Sopranistin Asmik Grigorian) umtänzelt. Die wird aber auch vom verzweifelt liebenden Hauslehrer Alexej begehrt, dem Dmitry Golovnin die notwendige Obsession verleiht. Und wenn dieser Alexej, von der launenhaften Polina angestiftet, sich von Baron Würmerhelm (Andrew Murphy) einen Golfschläger schnappt, um einen verrückten Amokläufer zu mimen, dann entsteht gerade durch die Genauigkeit der Darstellung packendes Theater.

Viel Präzision findet sich auch im Orchestergraben. Das Sinfonieorchester Basel braucht unter der Leitung von Modestas Pitrénas zwar ein bisschen, um sich auf die kleinteilige, immer pulsierende, rastlose Musik von Prokofiew einzustellen, aber dann greift ein Rädchen ins andere. Die vielen Tempowechsel gelingen mit der notwendigen Selbstverständlichkeit. Die harten Schnitte sind wie mit einem Skalpell gezogen – und werden auch auf der Bühne realisiert.

Eine trostlose Bushaltestelle wandelt sich im Nu zu einem offenen Hostel, in dessen Zimmern viele kleine Geschichten parallel erzählt werden (Bühne: Zinovy Margolin, Kostüme: Olga Shaishmelashvili). Die Komödie, die mit dem Auftritt der schrillen, geschmacklose Geschenke verteilenden Babulenka (irrsinnig komisch: Jane Henschel) im zweiten Akt ihren Höhepunkt findet, wird nach der Pause immer schwärzer und endet in tiefer Tragik, wenn Polina das erspielte Geld von Alexej – und damit auch ihn – zurückweist.

Für die Isolation und Einsamkeit der Figuren findet der Regisseur ein starkes Bild, wenn er in der großen Roulette-Szene, wo das Sinfonieorchester Basel das ständige Rollen der Kugeln am Laufen hält, die einzelnen Spieler per Video ins Geschehen holt. In jedem Zimmer sitzt ein anderer vor seinem Notebook und starrt auf den Bildschirm (Video: 2BLCK, Maria Feodoridi, Kirill Malovichko). Einige dieser Onlinespieler sind Chorsänger und singen ihre kurzen Soli über Mikro ein.

Leider funktioniert die Koordination mit dem hinter der Bühne postierten Chor (Leitung: Michael Clark) in der Premiere nicht optimal, so dass es musikalische Koordinationsprobleme gibt, die man in den Folgevorstellungen aber sicherlich in den Griff bekommen wird. Hier gelingt dem Regisseur mit seinen fulminanten Videokünstlern eine geradezu geniale Visualisierung der Spielsucht im digitalen Zeitalter. Einsamkeit im 21. Jahrhundert.

Georg Rudiger

Weitere Vorstellungen: 7./ 14./25. April; 21./23./26. Mai;  9./ 12./15./17. Juni 2018.