Kolumne: Raubt ihr uns die Träume, rauben wir euch den Schlaf

So manch eine*r erinnert sich vielleicht noch an diese unmissverständliche Drohung, die in einer klirrend kalten Dezembernacht vor gut fünf Jahren wahr gemacht wurde, als rund 250 Menschen den Anwohner*innen der Innenstadt die Zeit zum Schlafen (oder träumen) raubten. Es ist nun kein Geheimnis, dass Freiburg ein Problem mit seinem Nachtleben hat und dass dieses Problem schon länger besteht, auch nicht. Trotzdem noch einmal für alle: Was war passiert?
Nach viereinhalb Jahren Betrieb musste im Dezember 2016 eine Institution eben dieses Nachtlebens, die Schmitz Katze, schließen. Ein Hilferuf der Betreiber*innen an die Stadt blieb unerhört. Daraufhin formierte sich Widerstand – eine Gruppe aus Veranstalter*innen, Gastronom*innen, Künstler*innen und DJ*s organisierten eine lautstarke nächtliche Parade, um ihrem Frust Ausdruck zu verleihen und ihren Bedürfnissen Gehör zu verschaffen.
Seitdem ist viel und zugleich wenig passiert. Die Zahl der Clubschließungen überwiegt noch immer bei weitem die der Neueröffnungen. Freiburgs erster und einziger Späti musste nach einer sehr intensiven, aber viel zu kurzen Zeit wieder schließen, die städtische Bereitstellung von Freiflächen für legale Raves geht, wenn überhaupt, nur schleppend voran. Warum funktioniert in Freiburg nicht, was in so vielen Städten funktioniert?
Eine berechtigte, aber auch einfache Frage an ein komplexes Thema. Denn es ist ja nicht so, als gäbe es diese Probleme (Lautstärkebeschwerden, Gentrifizierung, träge Bürokratie) woanders nicht. Aber ist es doch auffällig, wie schwer es der Kommunalpolitik hier fällt, sich für die Subkultur ihrer Stadt einzusetzen – besonders, wenn man einmal das Image, dass Freiburg von sich selbst gern nach außen trägt, mit der Wirklichkeit vor Ort abgleicht. Erfreulicherweise haben mittlerweile eine Reihe von Initiativen, wie z.B. die IG Subkultur oder die JUPI Fraktion, dafür gesorgt, dass das Thema Nachtleben im öffentlichen Diskurs so präsent ist wie wahrscheinlich noch nie zuvor. Zudem hat die Pandemie die Zustände soweit verschärft, dass es immer schwieriger wird, sie zu ignorieren.
Um Erfolge zu feiern ist es trotzdem noch zu früh, und da hilft auch leider kein Kultur_Los!-Festival für ein paar Tage im Jahr. Denn der Situation liegt weniger eine ortsspezifische, als eine weit verbreitete und sehr deutsche Mentalität zugrunde – nämlich, die Sorgen junger Menschen pauschal weniger ernst zu nehmen als die älterer. Die Bedürfnisse junger Menschen dürfen politisch gern mal vernachlässigt werden, „weil sie ja noch jung sind“, so die oft gehörte Begründung. Als wäre das ein Argument.
Was daraus folgt ist eine deutliche Asymmetrie, wer in einem solchen Konflikt wie gehört wird. Anwohner*innen und Vermieter*innen haben meistens Polizei und Gerichte auf ihrer Seite, die sich um ihre Bedürfnisse kümmern. Außerdem verfügen sie in der Regel eher über die notwendigen Ressourcen ihre Interessen durchzusetzen (siehe Späti) – womit der Konflikt ums Nachtleben schnell auch zur Klassenfrage wird. Gegen diese Übermacht können Gastronom*innen, Künstler*innen, Kollektive und DJ*s ihre Freiräume oft nur schwer behaupten, daher wenden sie sich hilfesuchend an die Politik. Und wenn die nicht zuhört, naja, dann gute Nacht.

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  • Raubt ihr uns die Träume, rauben wir euch den Schlaf: Foto: pixabay