Theater

Let the good times roll

Platée (Emiliano Gonzalez Toro) und ihre Freundin Clarine (Céline Scheen) in der Seerose
Platée (Emiliano Gonzalez Toro) und ihre Freundin Clarine (Céline Scheen) in der Seerose

„So prächtig auch die Musik gelungen sein mag, hat man doch Mühe, die Langeweile und Banalität des Textes zu ertragen“, urteilte der Schriftsteller Charles Collé 1750 über die fünf Jahre zuvor uraufgeführte Ballettkomödie („Ballet-bouffon“) von Jean-Philippe Rameau. Die Geschichte um Jupiter und seine zickende Gattin Juno wirkt besonders unter dem heutigen Blickwinkel reichlich konstruiert. Um ihre Eifersucht endgültig zu kurieren, entschließen sich König Cithéron und Merkur, eine Scheinhochzeit Jupiters mit der hässlichen Froschnymphe Platée zu arrangieren. Kurz vor dem Vollzug der Trauung rauscht die keifernde Juno heran, lüpft Platées Schleier und bricht in schallendes Gelächter aus. Das Paar hat seine Ehekrise überwunden, Platée verzieht sich fluchend wieder in ihren Sumpf.


An der Straßburger Oper ist Rameaus „Platée“ keine Sekunde langweilig. Die Regisseurin Mariame Clément und ihre Ausstatterin Julia Hansen verlegen die Geschichte ins Amerika der 1950-er Jahre. Im Prolog wird ein Bett herausgeklappt, aus dem ein sichtlich genervtes Paar entsteigt. Schnell zieht man sich an, mit ein paar Handgriffen wird eine Resopal-Küche aus der Wand ausgerollt. Der Mann (großartig als schmieriger, Zigarre rauchender Jupiter: François Lis) schmeißt sich noch schnell ein paar Cornflakes rein, die Frau (mit guter Miene zum bösen Spiel: Judith Van Wanroij als Juno) darf schon mal die Wohnung saugen. Dann klingelt es an der Tür und Partygäste fallen ein. Zu den barocken Tänzen, die das Barockensemble „Les Talens Lyriques“ unter der Leitung von Christophe Rousset im Orchestergraben zunächst zu zurückhaltend spielt, wird Rock ’n’ Roll getanzt. L’Amour (schwerelos: Céline Scheen) betört als Marilyn Monroe im weißen Cocktailkleid.
Die humorvolle Leichtigkeit, mit der Cléments Inszenierung beginnt, behält diese „Platée“ den ganzen Abend. In der technikgläubigen Welt des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg läuft alles wie am Schnürchen. Man ist stets gut gelaunt, achtet auf perfektes Aussehen und eine gewienerte Küche, vertraut auf die klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. In diese geschlossene, heile Welt tritt nun Platée, die von der Gesellschaft Verstoßene, der Julia Hansen neben einer Froschmütze auch blanke Brüste und einen dicken Bauch aufs Kostüm modelliert hat. Und wie das passiert, ist ein weiterer Geniestreich der Regie.
Das Aquarium, das im Prolog noch einen optischen Akzent in der glatten Wohnung des Götterpaares gesetzt hatte, erscheint nun im ersten Akt im vergrößerten Maßstab. Drinnen sitzen Platée (zum Brüllen komisch, mit wandlungsfähigem Tenor: Emiliano Gonzalez Toro) und ihre Freundin Clarine (auch hier: Céline Scheen) zwischen den riesigen Seerosenblättern. Citherón (leider etwas schwachbrüstig und intonationsgetrübt:  Evgueniy  Alexiev) lümmelt mit Strippenzieher Mercure (mit berührendem, fragilem Tenor: Cyril Auvity) vor dem kleinen Aquarium am Bühnenrand, bis dieser seine rote Krawatte ins Wasser baumeln lässt. Ein riesenhaftes Pendant dazu schwebt gleichzeitig von der Decke herunter und zieht Platée aus dem Sumpf.
Auch wenn sie sich noch so sehr an die Mode und Gepflogenheiten dieser Welt anpasst – Platée bleibt die Außenseiterin. Ihr langer grüner Schwanz ist das für jeden erkennbare Zeichen ihrer anderen Herkunft. Aber Cléments kluge, an Ideen überreiche Interpretation hebt nicht den moralischen Zeigefinger. Die vielen eingebauten Ballette, die die Handlung eigentlich bremsen, integriert die Regisseurin wie selbstverständlich in die Geschichte  (Choreographie:  Joshua Monten) – und gibt dem Affen Zucker. Ob als Indianer und Cowboys im amerikanischen Fernsehen, Nymphen mit Badehaube oder Kunden im Fast-Food-Restaurant – immer entstehen die kreativen Tänze des Straßburger Balletts aus der Situation heraus. Platée stiefelt schließlich als Miss Piggy zur vermeintlichen Hochzeit, nicht ohne zuvor mit einem beherzten Tritt gegen den Frontkühler Jupiters Chevi zu schrotten. Das Verrückte, dem Rameau mit der Figur La Folie (nicht immer ganz koloraturensicher: Salomé Haller) ein Gesicht gegeben hat, ist das Normale. Es braucht nur den Blick von außen, um es zu entlarven. Am Ende ist Platée die Verlassene. Sie tut einem richtig leid, wie sie sich in ihrem pinkfarbenen Kostüm, von allen verlacht, an ihrer Handtasche festhält. Jupiter und Juno dagegen landen im Ehebett – bis zur nächsten Krise.

Artikel von: Georg Rudiger