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Literatur | März 2020 | von Cornelia Frenkel

Lesetipp aus der Redaktion: Verlorene Leben

Ergreifende Erzählung von Pierre Kretz

In der dicht geschriebenen Erzählung „Verlorene Leben“ zeigt sich Pierre Kretz als Meister des Wesentlichen und der treffsicheren Andeutung. Aus ungewöhnlicher Perspektive lässt er den Leser Zug um Zug die Geschichte des Protagonisten Ernest Schmitt erfahren, nämlich vermittelt durch kurze Berichte von Personen, die dessen Wege einst kreuzten und gerne wüssten, wo er verblieben ist. Aufgewachsen in einer Bauernfamilie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Dorf im Sundgau, wird er in seiner Kindheit geprägt von Zwistigkeiten, die sein Vater mit Nachbarn austrägt, den „richa Meller“; durch die Blume lässt sich erahnen, dass dabei verleugnete Verwandtschaften sowie sexuelle Tabuisierungen eine Rolle spielten. Als begabtes Kind fällt Ernest dem Dorfpfarrer auf, wird auf ein bischöfliches Knabenseminar geschickt, kann aber an ihn gestellte Erwartungen nicht erfüllen, er hört „den Ruf Jesu’ nicht“. So wird er kein Kirchenmann, sondern studiert Jura und wird Anwalt.

Verlorene Leben


In Straßburg nimmt ihn der protestantische Rechtsanwalt Schmidt als Kompagnon auf, nicht ohne zu bemerken, dass er sich Schmitt schreibt, also mit Doppel-t, was Elsässer sofort den Katholiken erkennen lässt. Groteske und tragikomische Begebnisse dieser Art durchziehen die gesamte Geschichte, latente Feindschaften zwischen Katholiken und Protestanten sowie zwischen deutsch- und franzosenfreundlichen Elsässern, darunter Familie Knieperlé, die zwischen den Weltkriegen ihren Akzent auf dem é juristisch absichern lässt. Als der Aufstieg des Naziregimes beginnt, ignoriert Schmitt zunächst die Gefahr, flieht dann mit seiner Ehefrau Alice in das Périgord, kehrt aber auf Drängen des Schwiegervaters in das annektierte Elsass zurück und wird zwangsweise in die Wehrmacht eingezogen. Zwar überlebt er an der Ostfront, doch danach nimmt seine Frau „eine gebrochene Seele in die Arme (…), die die Lust am Leben verloren hatte“. Nicht nur dieses historische Ereignis ist zum Weinen. Eines Tages verschwindet er, vermutlich ein letzter Versuch, weiterer Fremdbestimmung zu entkommen und in ferner Abgeschiedenheit zu überleben. Immer wieder erhellt der Autor seine Figur durch einen fiktiven Kunstgriff: an der Wand von Schmitts ehemaliger Kanzlei, in der sich die Akten von Krieg zu Krieg häufen, hängt ein präparierter Wildschweinkopf, Schnurtzi genannt; aus abgeklärter Distanz vermag er die verheerenden Zeitläufte zu kommentieren. „Verlorene Leben“ ist nüchtern und packend erzählt und zudem perfekt ins Deutsche übersetzt.
Pierre Kretz: Verlorene Leben. Roman. Aus dem Französischen von Irène Kuhn und Claire Bray. Verlag Klöpfer, Narr. Tübingen 2019, 165 S.

Cornelia Frenkel