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Leipzig feiert 300 Jahre Johann Sebastian Bach als Thomaskantor und seinen 338. Geburtstag

Leipzig feiert 300 Jahre Johann Sebastian Bach als Thomaskantor und seinen 338. Geburtstag © Georg Rudiger

„Bach kommt an“, steht auf dem Programmheft des Thomanerchors Leipzig. Die Doppeldeutigkeit des Konzerttitels verweist zum einen auf die beiden Bewerbungskantaten BWV 22 und 23, die Johann Sebastian Bach für seine Kantoratsprobe am 17. Februar 1723 in der Leipziger Thomaskirche komponierte. Zum anderen erzählt der Titel auch von der einzigartigen Erfolgsgeschichte seiner Musik, die auch im 21. Jahrhundert weltweit ausstrahlt und ihn heute im Klassikbereich zum mit Abstand meistgehörten Komponisten macht. Leipzig feiert 300 Jahre Johann Sebastian Bach mit einem auf mehrere Jahre angelegten Festprogramm. 27 Jahre wirkte er hier als Thomaskantor bis zu seinem Tod am 28. Juli 1750.
Andreas Reize ist der 18. Thomaskantor in der Nachfolge von Johann Sebastian Bach. Zum Jubiläumskonzert hat der Schweizer ein umfangreiches, anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das neben den beiden Bach-Kantaten mehrstimmige vier- bis fünfstimmige Motetten und geistliche Madrigale weiterer Thomaskantoren wie Moritz Hauptmann, Johann Gottlob Harrer oder Johann Hermann Schein präsentiert. Auch sechsstimmige, für den Thomanerchor geschriebene Kompositionen aus der „Geistlichen Chor-Music“ op. 11 von Heinrich Schütz werden an diesem Abend in der voll besetzten Thomaskirche Leipzig aufgeführt. In vielen Kompositionen ist ein tänzerischer Gestus zu spüren, den Reize mit großen, schwungvollen Bewegungen, oft ganztaktig dirigierend auch einfordert. Der schlichte Schlusschor aus Bachs Kantate „Jesus nahm zu sich die Zwölfe“ BWV 22 über der virtuosen Orchesterbegleitung besticht gerade in den hellen Knabensopranen. Das Gewandhausorchester Leipzig glänzt mit rhythmischem Drive und exquisiten Solisten (Oboen!). Auch Bachs zweite Bewerbungskantate „Du wahrer Gott und Davids Sohn“ BWV 23 verbindet in Reizes Interpretation Innigkeit mit Leichtigkeit.

© Bach-Museum Leipzig/Gert Mothes

Trotz seiner erstklassigen, weit in die Zukunft weisenden Musik war Johann Sebastian Bach bei der Bewerbung um das Thomaskantorat nur dritte Wahl. Die Leipziger Ratsherren hatten nach dem Tod von Johann Kuhnau schon Georg Philipp Telemann zum neuen Thomaskantor gewählt, bevor er nach drei Monaten die Stadt wegen einer deutlichen Gehaltserhöhung seines Arbeitgebers in Hamburg versetzte. Auch der Darmstädter Hofkapellmeister Christoph Graupner hatte das bedeutende Amt bereits in der Tasche, wurde aber von seinem Dienstherrn nicht freigestellt. Erst dann entschied man sich in Leipzig für Johann Sebastian Bach, den man zur Sicherheit auch eingeladen hatte. Und prägte damit die Musikgeschichte. Insgesamt rund 150 Kantaten, mindestens drei Passionsmusiken, die h-Moll-Messe, Oratorien für Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt und ein Magnificat hat Bach in und für Leipzig komponiert. Ein Großteil der Kantaten entstand in den ersten drei Jahren seines Wirkens als Thomaskantor. Vom 1. Sonntag nach Trinitatis 1723 eine Woche nach Pfingsten bis zum Trinitatisfest 1724 führte Johann Sebastian Bach in den Gottesdiensten der Thomaskirche und der Nikolaikirche ausschließlich eigene Werke auf: insgesamt 63 Kantaten, 38 davon neu komponiert. Diese Kantaten werden nun in Leipzig ab dem 11. Juni 2023 alle mit dem Thomanerchor und anderen Chören in chronologischer Reihenfolge zu hören sein. „Bach300“ heißt das ambitionierte Projekt, das auch durch ein wissenschaftliches Begleitprogramms des Bach-Archivs Leipzig, einen Bach-Parcours des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig und durch die in mehreren Etappen konzipierte Jubiläumausstellung „Bühne frei für Johann Sebastian Bachs“ des Bach-Museums Leipzig, startend mit der Kirchenmusik (21. März 2023 – 9. Juli 2023), zu erleben ist. Auch die nächsten Kantatenjahrgänge Bachs möchte man in gleicher Weise bis ins Jahr 2027 aufführen – nur die weitere Finanzierung des ambitionierten Jubiläumsprogramms ist noch nicht gesichert.
Das erste Jahr ist durch üppige Bundesmittel gedeckt. Nach mehrjähriger Coronapause konnte auch der traditionelle Tortenanschnitt zum 338. Geburtstag von Johann Sebastian Bach auf dem Thomaskirchhof gefeiert werden, nachdem über 500 Schülerinnen Schüler dem Jubilar ein Ständchen gesungen hatten. Auch das Bachfest Leipzig (8.-18. Juni 2023) mit dem Titel „Bach for future“ widmet sich unter der Leitung seines rührigen Intendanten Michael Maul in besonderer Weise Bachs erstem Kantatenjahrgang, feiert aber auch die internationale Bedeutung seiner Musik mit einem Open-Air-Konzert (u.a. mit Lang Lang und Daniel Hope) auf dem Marktplatz (9. Juni). Der Thomanerchor wird im Eröffnungskonzert neben den Kantaten „Singet dem Herrn ein neues Lied“ BWV 225 und „Die Elenden sollen essen“ BWV 75 eine zu diesem Anlass komponierte Kantate von Jörg Widmann uraufführen und sich in einem weiteren Kantatenkonzert am 15. Juni mit Knabenchören aus Dresden, Windsbach und Hannover messen. Und auf der kostenlosen Bachstage wird mit Bigband-Jazz, elektronischer Musik und Heavy Metal gezeigt, dass die Musik von Johann Sebastian Bach auch 2023 noch ganz modern ist.

Weitere Infos: www.bach300.de; Bachfest Leipzig, 8. bis 18. Juni 2023. www.bachfestleipzig.de

Bildquellen

  • Leipzig feiert 300 Jahre Johann Sebastian Bach als Thomaskantor und seinen 338. Geburtstag: © Georg Rudiger
  • Bühne frei für Johann Sebastian Bach: © Bach-Museum Leipzig/Gert Mothes