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Interview | September 2015 | von barbara

Konstantin Wecker im Interview

“Der Ungehorsame” – Konstantin Wecker, Liedermacher und Poet

Konstantin Wecker, Liedermacher, Poet, Aktivist und bekennender Anarchist, wird seit jeher gehasst und geliebt. Obwohl er Millionen Platten verkaufte und sich inmitten der Schickeria tummelte, blieb er eine Ikone der Linken. In seinem 42. Album „Ohne Warum“ singt er mächtig und ausdrucksvoll gegen die Verhältnisse an, die Lieder präsentiert er derzeit auf einer Tour unter dem Motto „40 Jahre Wahnsinn“. Olaf Neumann sprach mit dem vor Vitalität strotzenden 68jährigen über die Vorzüge des Älterwerdens, die Entstehung von Fremdenhass und darüber, dass der Pazifismus nicht sterben darf.

Konstantin Wecker im Interview    Foto: Thomas Karsten

Konstantin Wecker im Interview. Foto: Thomas Karsten

Kultur Joker: Herr Wecker, wo schreiben Sie Ihre Lieder, haben Sie einen besonderen Ort, an dem Sie sich aufhalten?
Konstantin Wecker: Das Album habe ich im letzten Sommer in der Toskana innerhalb von vier, fünf Tagen geschrieben. Es begann mit dem Lied an meine Kinder. Ich bin morgens um sieben aufgewacht, habe mich hingesetzt und das aufgeschrieben, was raus wollte. Es sind Tage, an denen man in einer anderen Welt ist, auch wenn währenddessen viele Leute um mich rum sind. Ich habe die auch alle ganz höflich empfangen, aber mich dann sofort wieder zurückgezogen. Irgendwie kann man auf zwei Ebenen funktionieren: Nach außen hin ganz normal und nach innen hin sehr aufgewühlt.

Kultur Joker: In dem Lied „Ich habe einen Traum“ träumen Sie davon, die Grenzen zu öffnen und alle hereinzulassen, die vor Hunger und Mord fliehen. Warum fürchten sich Menschen vor Flüchtlingen bzw. Ausländern?
K. Wecker: Ich habe festgestellt, dass es in erster Linie nur um Xenophobie geht. Die Angst vor dem Fremden, dem Anderen, dem Neuen. Die Angst, aus seinem scheinbar sicheren Umfeld herausgerissen zu werden. Da schließt sich in den Menschen anscheinend etwas ab. Sie denken nicht daran, was es für eine Bereicherung sein könnte, mit ganz anderen zusammenzukommen.

Kultur Joker: Wie denken Sie über Pegida?
K. Wecker: Zuerst einmal wäre es gar nicht so schlecht, dass sich Menschen empören, das ist ja demokratisch. Aber sie suchen sich das schwächste Glied in der Kette aus, die Flüchtlinge, die Ärmsten der Armen, anstatt ihre Empörung dorthin zu tragen, wo sie verursacht wird. Verursacht wird sie in einem gnadenlosen Finanzsystem, das mittlerweile die Welt in einer Art im Griff hat, dass man nicht mehr weiß, ob sie noch zu retten ist. Ein Prozent der Menschheit wird im Jahr 2016 so viel Vermögen angehäuft haben wie die restlichen 99 Prozent! Das muss doch jeden vernünftig Denkenden in Unruhe versetzen. Das kapitalistische System hat versagt.

Kultur Joker: Warum kämpfen Menschen bis zur Unmenschlichkeit gegen die offene Gesellschaft?
K. Wecker: Ich denke, das ist in erster Linie ein psychologisches Problem. Rassismus entsteht auch aus Angst. Statt die eigene Unzulänglichkeit zu erkennen und an ihr zu arbeiten, wird versucht, sie von sich wegzudrücken und den anderen aufzudrängen.

Kultur Joker: Den verheerenden Luftangriff bei Kundus vom 4. September 2009, bei dem auf Befehl eines Offiziers der Bundeswehr etwa 100 afghanische Zivilisten getötet worden sind, haben Sie in der Moritat „Die Mordnacht von Kundus“ verarbeitet. Was hat dieses Ereignis mit Ihnen gemacht?
K. Wecker: Ich bin in einer Zeit politisch motiviert worden, als es wirklich noch hieß, von deutschem Boden dürfe nie wieder ein Krieg ausgehen, als wir alle die Hoffnung hatten, dass die Lehre der Geschichte uns zeigt, dass dieses Thema ein für allemal vorbei ist. Kundus war für mich ein symbolischer Knackpunkt. Danach hat man gespürt, es wird jetzt wieder begonnen, deutsche Auslandseinsätze zu rechtfertigen. Der damalige Verteidigungsminister zu Guttenberg hat versucht, den verheerenden Luftangriff in Kundus schönzureden: Es sei ein menschlicher Fehler gewesen. Für diesen Fehler sind aber unzählige sogenannte Zivilisten gestorben! Für mich als Pazifist ist das Mord. Speziell Deutschland mit seiner Geschichte hat eine sehr große Verantwortung zu tragen. Ihr ist dieses Land nicht gerecht geworden.

Kultur Joker: Schon Ihr Vater, der Maler Alexander Wecker-Bergheim, hatte unter Hitler den Kriegsdienst verweigert. Was waren die Folgen seines Ungehorsams?
K. Wecker: Mein Vater hatte großes Glück. Derselbe Oberst, der ihn nicht als Kriegsverbrecher an die Wand stellen ließ, hat ihn aus einem empathischen Akt heraus für verrückt erklären lassen. Das war seine Rettung, dann konnte er sogar noch die Nazizeit überstehen. Interessanterweise hat mein Vater diesen Mann Anfang der 50er zufällig in München wiedergetroffen und sich bei ihm bedankt. Es gab im Dritten Reich mehr zivilen Widerstand als man anfangs wahrhaben wollte. Es war natürlich bequemer zu sagen, wir waren alle so. Aber es gab diese kleinen Helden!

Kultur Joker: In „Willy 2015“ äußern Sie Ihre Furcht vor einem neuen großen Krieg 100 Jahre nach dem 1. Weltkrieg. Wie konkret ist diese Angst?
K. Wecker: Sie ist konkret. Wenn man sensibel ist, muss man Angst haben, denn da kämpfen ja Mächte gegeneinander. Russland hat jetzt ein gemeinsames Manöver mit China gemacht. Stellen Sie sich mal vor, die beiden würden sich gegen Amerika verbünden und es käme zu einem großen Krieg gegen die USA. Wo würde der dann stattfinden? Natürlich bei uns! Ich muss immer wieder erklären, dass, wenn jemand ein Putin-Versteher ist, er deswegen Putin nicht lieben muss. Ich finde ihn nun wirklich nicht toll, er ist ein Machtmensch wie alle anderen Machtmenschen auf dieser Welt auch. Aber verstehen heißt auch, eine Situation zu sehen, bei der die Nato entgegen aller Abmachungen in den Osten hineindrückt. Und sie rüstet auf. Wenn es gerecht zuginge, müsste das in der deutschen Öffentlichkeit viel mehr erwähnt werden. Es geht immer nur darum, dort Märkte zu erschließen. Und das wird der Kapitalismus immer auch mit Waffengewalt machen.

Kultur Joker: Sie gehören zu der Generation, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. Wie präsent war der Krieg damals noch?
K. Wecker: Die Schrecken des Krieges habe ich als Kind hautnah miterlebt. Ich bin 1947 geboren, die ersten Jahre meines Lebens war ich nur in zerbombten Häusern. Bei uns fuhren auf Rollwägelchen Versehrte durch die Stadt. Die Gräuel des Krieges sind inzwischen vergessen worden, für die Nachgeborenen ist er nur noch etwas Virtuelles in Form von Videogames. Nicht nur Terrororganisationen, auch Staaten sind zu diesen Gräueln fähig. Deswegen ist es wichtig, zu mahnen. Ich bin bewusst kein Politiker geworden, weil ich als Poet viel mehr erreichen kann. Ich glaube, man kann den Poeten eine größere Sensibilität zutrauen und man sollte auch immer wieder mal auf sie hören.

Kultur Joker: Während die Musik der 60er und 70er Jahre Teil der Protestkultur gegen den Vietnamkrieg wurde, gibt es kaum bekannte Songs, die mit den Feldzügen der Amerikaner in Afghanistan und dem Irak in Zusammenhang gebracht werden. Wie erklären Sie sich das?
K. Wecker: Bis auf die braven Crosby, Stills, Nash & Young mit ihrem „Let’s Impeach The President“ hat es nicht viel gegeben. Sowas wie „Imagine“ ist kaum mehr vorstellbar. Der Neoliberalismus hat vor 20 Jahren begonnen, mit sehr viel Geld Thinktanks aufzubauen und die Gesellschaft mit seiner Ideologie zu infiltrieren. Das ist unglaublich gut gelungen. Im marxistischen Sinn könnte man sagen, die Konterrevolution hat gesiegt. Den in den 80ern Geborenen wurde durch Werbung und PR klar gemacht, dass es völlig unsexy sei, sich auch nur in irgendeiner Weise politisch aus dem Fenster zu lehnen. Das einzige, was wirklich toll sei, ist dufte Kleidung von den richtigen Marken zu tragen. Das ist auch nichts Verschwörungstheoretisches, sondern ein normaler kapitalistischer Vorgang mit einer PR, die schon fast einer Gehirnwäsche gleicht.

Kultur Joker: In dem Lied „Revolution“ prangern Sie das kapitalistische System an, in dem Banken und Konzerne das Sagen haben. Wie könnte eine friedliche Revolution in der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik aussehen?
K. Wecker: Wir wollen keine Guillotinen errichten, sondern durch die Vernetzung von vielen gutwilligen Menschen ein anderes Bewusstsein schaffen. Diese Art von Revolution kann aber nur geschehen, wenn wir einsehen, dass das kapitalistische System nicht mehr reformierbar ist. Das andere Bewusstsein ist eigentlich schon da. Ich kenne sehr viele mittelständische Unternehmer, die ihre Mitarbeiter anständig behandeln und deren einziges Ziel nicht die Gewinnmaximierung ist. Das Problem der Konzerne ist der Shareholder Value: Ein Konzern wie Nestle muss im Endeffekt ausschließlich auf Gewinn ausgerichtet sein, egal, was er herstellt. Dabei ist es ihm zuerst schnurzpiepegal, ob es Menschen gut geht, nachdem sie eines seiner Produkte gegessen haben. Konzerne verfügen über die besseren Lobbyisten, weshalb sie steuerlich begünstigt werden. Das ist eine kapitalistische Systematik, die sich selbst befördert. Auf der anderen Seite kenne ich viele Menschen, die in einer Art Kommune zusammen leben, weil es ihnen nicht darauf ankommt, reich zu werden, sondern weil sie mit einem gewissen Anstand leben wollen. Das sind mehr als wir glauben.

Kultur Joker: Ist eine andere Welt tatsächlich möglich oder wird sie immer eine Utopie bleiben?
K. Wecker: Das Schöne an einer Utopie ist, dass man sich nicht eine perfekte andere Welt vorstellt, denn dann wäre es eine Ideologie. Sondern es ist etwas, das immer im Fluss bleibt. Es ist zuerst einmal der Traum von einer gerechteren Welt, in der nicht Schiffe mit Flüchtlingen bombardiert werden. In der man mit allen Menschen miteinander lachen, essen und trinken kann. Mir wird oft vorgeworfen, das sei unglaublich naiv. Ich könne doch nicht in mein Haus 50 Millionen Flüchtlinge aufnehmen. Das weiß ich natürlich auch, ich bin ja kein Volldepp! Es ist immer schon das Wesen der Poesie gewesen, in Symbolen zu sprechen. Manchmal habe ich das Gefühl, die Poesie wird auch von gutmeinenden Menschen nicht mehr so ganz verstanden.

Kultur Joker: Sie bezeichnen sich selbst als Ungehorsamen. Wie weit geht Ihr Ungehorsam?
K. Wecker: Gestern erst habe ich mir wieder einen Film über meinen Freund Martin Löwenberg angeschaut. Er ist inzwischen 90 und hat den Holocaust überlebt. Auch in der Nachkriegszeit wurde er zweimal verhaftet und ungeheuerlicherweise wieder eingesperrt, weil er bei allen antifaschistischen Demonstrationen dabei war. Er sagt immer so schön: „Es kann legitim sein, was nicht legal ist“. Durchaus kann der Ungehorsam so weit gehen, dass man bestehende Gesetze auch brechen muss. Wenn die Idee des Ungehorsams in den Hirnen der Menschen des 20. Jahrhunderts gewesen wäre, dann wäre so etwas Ungeheuerliches wie das Dritte Reich nicht passiert.

Kultur Joker: In diesem Jahr feiern Sie Ihr 40. Bühnenjubiläum. Haben Sie rückblickend alles richtig gemacht und Ihren Auftrag als Künstler erfüllt?
K. Wecker: Ich habe in meinem Leben durchaus viel nicht richtig gemacht. Das wird sicherlich auch so bleiben. Ich glaube, ich bin mir als Künstler treu geblieben, wenn man mal von kleinen Ausrutschern absieht. Heute, im Alter, kann ich sagen, ich nehme mich selbst nicht mehr so ernst, aber ich verrate meine Grundidee des Menschseins nicht: nämlich für eine herrschaftsfreie und emphatische Gesellschaft einzutreten.

Konzerte mit Konstantin Wecker: 18. Oktober, Tollhaus, Karlsruhe; 25. November, Kurhaus Baden-Baden.