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Interview | März 2016 | von Redaktion

Im Interview: Mohammed Jabur, Flüchtling und Autor

“Bürokratie verhindert menschliche Nähe”

Mohammed Yahya Abd Al Hai Yahya Ayoub Jabur trägt viele Namen. Sie alle stammen von seinem Vater, Großvater und Urgroßvater und bezeugen gewissermaßen seine Wurzeln. Doch gilt er durch seine Herkunft aus einem international nicht anerkannten Staat als heimatlos, staatenlos. Über dreißig Jahre lang wurde er von Land zu Land abgeschoben. In Deutschland angekommen, begann er schon bald zu schreiben. Zunächst auf Arabisch, auf Englisch und schließlich auf Deutsch reihte sich das Erlebte Wort an Wort – viel Trauriges, aber auch manch Schönes ist ihm bisher begegnet. Nachdem er hier endlich anerkannt war, erkrankte er an Krebs. Eine Nahtoderfahrung wurde zur Zäsur, zum Wendepunkt seines bisherigen Lebens.
Heute fungiert er, der die deutsche Sprache sehr gut beherrscht, als Dolmetscher und Sprachrohr für die aktuell ankommenden Flüchtlinge. Friederike Zimmermann befragte ihn zu seiner Geschichte; einer Chronik, die er in 19 Manuskripten niederlegte und die gesammelt als Buch in den Händen zu halten nun der Lebens-traum des Krebskranken ist.

Kultur Joker: Herr Jabur, Sie lebten schon in so vielen verschiedenen Ländern. Welches würden Sie als Ihre Heimat bezeichnen?
Mohammed Jabur: Auch wenn Palästina international nicht als Staat anerkannt ist und ich in meinem Leben nie die Gelegenheit hatte, dieses Land zu sehen, so bleibt es in meinem Herzen doch immer meine Heimat.
Meine Familie stammt aus Jaffa, dem heutigen Tel Aviv. Sie besaß dort fruchtbares Land und zählte zu den wohlhabenden Familien. 1948 mussten meine Eltern im ersten arabisch-israelischen Krieg nach Syrien fliehen. Dort heirateten sie, 1958 kam ich – sozusagen als ›geborener‹ Flüchtling – zur Welt. Als ich zwei Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir und meinen zwei älteren Schwestern nach Bagdad (Irak). Dort sind wir aufgewachsen. Dort wurden auch meine dritte, vierte, fünfte – und später meine sechste – Schwester geboren. Nach dem Abitur wollte ich studieren, was Palästinensern im Irak aber nicht erlaubt war, zumal wenn sie nicht Mitglied in der regierungstreuen Partei waren. Also ging ich 1978 nach Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate), wo ich 1984 mein Studium als Elektronik-Ingenieur beendete.

Kultur Joker: Bis dahin lief also alles nach Plan…
Mohammed Jabur: Ja, aber nur solange die politische Großwetterlage stabil war. In diesen Jahren ging es mir erst mal gut: Ich hatte einen einträglichen Job und verliebte mich in eine Philippinin, die in einem Krankenhaus arbeitete. Wir heirateten und bekamen eine Tochter. Da wir aber beide nur Gastarbeiter waren, bekam die Kleine keine Aufenthaltsgenehmigung. So wurde das Kind mit nur acht Monaten zu den Großeltern nach Manila gebracht. Sie ist heute 31 Jahre alt und hat inzwischen eigene Kinder, doch ich habe sie seitdem nie mehr gesehen.
Als Elektronik-Ingenieur bei verschiedenen Ölfirmen im Import-Exportgeschäft hatte ich eine enorme Verantwortung und verdiente viel Geld. Ich zählte zu den ersten Arabern, die in diesem Bereich ausgebildet wurden – vor uns waren die Amerikaner – und darum auch zu den ersten, die im Krieg abgeschoben wurden.

Kultur Joker: Wie kam es dazu?
Mohammed Jabur: Am 1. Dezember 1990 – ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit – wurde ich festgenommen. Ich hatte nur meine Aktentasche bei mir und wusste erst nicht warum. Doch nachdem Saddam Hussein in Kuwait einmarschiert war, galten Palästinenser als Sicherheitsproblem. Sie wurden alle aus den Vereinigten Arabischen Emiraten abgeschoben.
Ich konnte mich nicht von meiner Frau verabschieden. Weil ich irakische Reisedokumente hatte und Palästina kein Staat war, wurde ich innerhalb einer Woche zwischen elf Ländern und Abu Dhabi hin- und hergeflogen; eine Abschiebung nach der anderen, denn keiner wusste, wohin mit mir: Zypern, Rumänien, Bulgarien, Jordanien, Katar, Oman, Libanon, Bahrain…
Ich wurde behandelt wie ein Aussätziger und nach sieben Tagen ohne Dusche sah ich auch aus wie einer. Meine Frau schaltete die UN ein, ich landete schließlich in Tripolis (Libyen). Dort bekam ich sofort Asyl, wurde als Flüchtling anerkannt. Nach zwei Monaten fand ich sogar Arbeit in einem Krankenhaus als Medizintechniker.

Kultur Joker: Konnten Sie dann Kontakt zu Ihren Eltern und Schwestern aufnehmen?
Mohammed Jabur: Als die USA Anfang 1991 Bagdad bombardierten, brach der Kontakt zu meiner Familie ab. Monatelang ließ ich über den UN und das Internationale Rote Kreuz nach ihr forschen, dann kam die Nachricht: Diese Adresse in Bagdad existiert nicht mehr. Ich wusste gar nichts über ihren Verbleib, nicht einmal, ob sie noch am Leben waren.
Wieder warfen die Ereignisse mich aus meiner Bahn: Ende 1993 einigten sich der israelische Premier Rabin und der Palästinenserführer Arafat im sogenannten Oslo-Abkommen. Das ärgerte Gaddafi, den libyschen Machthaber, derart, dass er Anfang 1995 alle Palästinenser an die tunesische Grenze abschob. Tausende landeten so im Niemandsland, ohne Nahrung, ohne Zelte, ohne alles. Die UN konnte schließlich ein wenig Abhilfe schaffen. Das Lager besteht noch heute. Schon bald machten Fluchthelfer Angebote, einen für viel Geld nach Europa zu bringen. Mit einem Schnellboot gelangte ich nach Malta. Zirka sieben Stunden versteckt unter Deck mit unzähligen anderen Männern, Frauen, Kindern. Ohne Essen, Trinken, ohne Toilette, kaum Luft zu atmen. Als kurz vor Malta eine Kontrolle auftauchte, türmte unser Fluchthelfer und wir sprangen über Bord. Ich weiß bis heute nicht, wie ich das überlebt habe, denn ich kann nicht schwimmen.
Mit anderen Schleppern erreichte ich in einer weiteren etwa zwölfstündigen Bootsfahrt mit vielen anderen Sizilien. Wieder wurden wir im Stich gelassen, festgenommen und nach Rom gebracht. Dort ließ man uns frei. Ein Schlepper sollte mich mit drei Frauen nach Holland bringen. Über Schleichwege kamen wir durch Frankreich nach Neuenburg, wo ich bei erwähnter Kontrolle sofort Asyl beantragte. Die Alternative wäre gewesen, zurückzukehren. Doch für mich gab es kein Zurück, ich konnte einfach nicht mehr. Das war 1996.

Kultur Joker: Konnten Sie seitdem in Deutschland bleiben?
Mohammed Jabur: Zuerst brachten sie mich nach Karlsruhe und von dort in die Erstaufnahmestelle im Vauban Freiburg, das war damals noch Kaserne. Weil ich Palästinenser war, wurde mein Asylantrag abgelehnt. Auch in Deutschland sollte ich dreizehn Mal abgeschoben werden, doch wieder gab es kein Land, das mich aufnehmen wollte. Ich habe noch heute Schlafstörungen. Die Angst ist geblieben, sie kamen immer um vier Uhr nachts, um mich zu holen.
Bis zum Jahr 2000 wurde ich nur geduldet, jede Woche musste ich mich von neuem beim Amt melden, damit sie meinen Aufenthalt für weitere sieben Tage verlängerten. Ohne die Leute von SAGA [Südbadisches Aktionsbündnis gegen Abschiebung], Amnesty International und die Hilfe meines Anwalts hätte ich diese Zeit nicht überstanden. Arbeiten konnte ich nur entweder in einem Restaurant oder in einer Putzfirma. Um den Anwalt und einen Intensivkurs bei der Volkshochschule zu finanzieren, machte ich beides: Von 5 bis 7 Uhr morgens arbeitete ich als Putzhilfe bei Herder, von 9 bis 13 Uhr besuchte ich den Sprachkurs in der VHS, von 14 bis 23 Uhr arbeitete ich bei Mc Donalds, zuletzt sogar als Filialleiter.

Kultur Joker: Ein hartes Leben, noch dazu völlig alleine auf sich gestellt…
Mohammed Jabur: Ja, ich war seelisch total kaputt.

Kultur Joker: Haben Sie je wieder etwas von Ihrer Familie gehört?
Mohammed Jabur: Ja, mit Hilfe von Amnesty International und dem Deutschen Roten Kreuz konnte ich endlich meine Familie ausfindig machen. Die Eltern lebten in Bagdad, vier meiner Schwestern in Ottawa, Chicago und Saudi-Arabien. Ich habe natürlich sofort Kontakt aufgenommen. Doch sehen konnten wir uns nicht, denn ich konnte ja nicht ausreisen.
Im Jahr 2000 verklagte ich das Bundesamt und das Regierungspräsidium, denn das Gesetz schreibt vor, dass man nach zwei bis drei Jahren eine Aufenthaltsgenehmigung erhält. Schließlich bekam ich einen Pass – als Staatenloser. Das ermöglichte mir endlich eine dreijährige Ausbildung als Industriegeräte-Elektroniker. Mit meinem Gesellenbrief machte ich mich auf Arbeitssuche. Doch dann, am 11. September 2001, geschah das Attentat. Von da an standen alle Palästinenser, die sich legal in Deutschland aufhielten, unter Beobachtung.

Kultur Joker: Wie wirkte sich das auf Ihr Leben aus?
Mohammed Jabur: Ich suchte Arbeit als Elektroniker, aber nach 350 Absagen resignierte ich. Ich musste mir eingestehen, dass mich als staatenloser Palästinenser wohl keiner einstellen würde. Damals lebte ich mit etwa vierzig anderen im Asylantenheim in Merzhausen, auf dem heutigen Aldi-Gelände. Doch ich habe nicht aufgegeben, obwohl schon während meiner Ausbildung Darmkrebs diagnostiziert wurde. Ich habe trotzdem immer weitergemacht. 2004 konnte ich in der Karthaus als Altenpfleger anfangen, acht Jahre lang habe ich dort gearbeitet. Nach mehreren Operationen und einer schweren Depression ging ich in Frührente. Seither lebe ich von der Grundsicherung.

Kultur Joker: Was ist aus Ihrer Frau und Ihrer Familie geworden? Haben Sie sie inzwischen getroffen?
Mohammed Jabur: 1998 durfte meine Frau auf Veranlassung von Amnesty international nach Deutschland einreisen. Bis dahin gab es natürlich Briefe, Fotos und Anrufe. Doch als wir uns im Flughafen trafen, erkannten wir uns nicht. Das war ein großer Schock für uns beide. Wir waren uns vollkommen fremd geworden. Die Ehe war nicht mehr zu retten, ein Jahr später ließen wir uns scheiden.
2006 waren endlich alle Voraussetzungen für die deutsche Staatsbürgerschaft erfüllt. Noch im selben Jahr organisierten meine Schwestern ein großes Familientreffen in Jordanien. Mein Vater war inzwischen tot, aber sonst kamen sie alle – Mutter und alle sechs Schwestern mit ihren Familien aus verschiedenen Ländern. Die jüngste Schwester war erst nach meinem Weggang geboren worden, sie lernte ich erst jetzt kennen. Alle haben sie mich am Flughafen abgeholt, es war eine unglaubliche Zeit. Allerdings musste ich bereits nach zwei Wochen wieder zurückkehren, der Darmkrebs war weiter fortgeschritten. Achtzig Prozent des Dünndarms mussten entfernt werden.

Kultur Joker: Wie haben Sie es nur geschafft, nach all diesen Schicksalsschlägen immer wieder aufzustehen und weiterzumachen?
Mohammed Jabur: Durch das Schreiben, durch positives Denken, durch das Geben und Nehmen, anderen helfen und sich helfen zu lassen. Das hat mir viel Kraft gegeben.

Kultur Joker: Trotz allem lieben Sie das Leben…
Mohammed Jabur: Aber wie! Als ich während einer Untersuchung wegen eines Kontrastmittels einen allergischen Schock bekam, war ich für kurze Zeit klinisch tot und hatte ein Nahtoderlebnis, das mich seitdem nicht mehr loslässt. Während ich tot war, begegnete ich meinem verstorbenen Vater, der mich aber noch nicht unter den Toten sehen wollte und zurück ins Leben schickte.

Kultur Joker: Ein Glück, dass Sie auch hier nicht bleiben durften…
Mohammed Jabur: Ja. Yahya, das gleich mehrfach in meinem Namen vorkommt, bedeutet soviel wie „(wieder) am Leben“. Danach habe ich alles aufgeschrieben. Insgesamt neunzehn Buch-Manuskripte mit jeweils 1000-2000 Seiten sind bereits seit 1996 entstanden.
Kultur Joker: Und worüber schreiben Sie?
Mohammed Jabur: Alles, was mir in den Sinn kommt – persönliche Erfahrungen, aber auch das, was ich in den verschiedenen Ländern erlebt habe. Mehrere Bücher handeln von der Liebe und von Freundschaften, Religion… . Das meiste ist biographisch, aber auch zwei Romane sind darunter.

Kultur Joker: Und was ist aus diesen Büchern geworden? Konnten Sie etwas veröffentlichen?
Mohammed Jabur: Leider nicht. Sie befinden sich alle in meinem Keller, in der Wohnung auf Regalen oder überall, wo sie Platz finden. Manchmal fürchte ich fast, den Überblick zu verlieren. Vor zehn Jahren habe ich im Keller sogar ein ganzes Archiv angelegt. Zwei dieser Manuskripte dienten mir als Vorlage für ein Buch. Das Nahtoderlebnis ist das Gerüst meiner Erzählung, von dem aus ich die einzelnen Stationen meines Lebens durchlaufe. Ein bekannter Verlag wäre bereit, es zu veröffentlichen, doch die Druckkosten muss ich selbst tragen. Und dazu fehlt mir bisher das Geld.

Kultur Joker: Als Dolmetscher treten Sie in direkten Kontakt zu den frisch Angekommenen. Wie treffen Sie sie an?
Mohammed Jabur: Das sind alles nette Leute, darunter viele Fachqualifizierte, aber auch Analphabeten; und sie brauchen Hilfe. Sie alle haben viel verloren, die Freiheit ist ihr einziges Ziel. Die meisten sind innerlich sehr verletzt, weil sie ihre Heimat verloren haben und auch die Nachbarländer keinen Schutz boten. Europa ist daher ihre einzige Hoffnung.
Durch meine Geschichte bin ich sehr gut informiert, darum berate ich andere Flüchtlinge und arbeite als ehrenamtlicher Übersetzer. Ich beherrsche nahezu alle 21 arabischen Dialekte. Daneben Englisch, etwas Philippinisch und natürlich Deutsch.

Kultur Joker: Was fehlt diesen Menschen am meisten?
Mohammed Jabur: Aus Erfahrung weiß ich, wie schwierig die Situation für diese Menschen ist, denn sofort greift die Bürokratie. Damit sie sich hier zurechtfinden, muss man ihnen schnell helfen. Doch es braucht etwas Zeit, um die Seele dieser Menschen zu verstehen. Diese Zeit muss man sich nehmen. Die Gefühle dieser Menschen kann man als Dolmetscher nicht so einfach übersetzen. Aber die Deutschen haben keine Zeit und auch kein Interesse daran, Zeit in andere Menschen zu investieren – ob im Pflegeheim, im Asylantenheim oder auf den Ämtern… Bürokratie verhindert menschliche Nähe.

Kultur Joker: Herzlichen Dank für das Gespräch.