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Interview | Juni 2018 | von Fabian Lutz

Im Gespräch: Hermann Nitsch, österreichischer Aktionskünstler

„Ich sage: Ja, Ja, Ja!“

Als Aktionskünstler fordert Hermann Nitsch sein Publikum mit blutigen Performances und expressiven Werken heraus. Noch bis zum 3. Juni zeigt er im Kurhaus Hinterzarten seine Werkschau „Zum Konzept des Orgien Mysterien Theaters“. Seine berühmten Schüttbilder sind dort ebenso zu betrachten wie Filme und Fotografien seiner Performances. Fabian Lutz hat ihn in Hinterzarten getroffen und mit ihm über die Ausstellung, seine Kunst, deren Einflüsse und das Problem von Ideologien gesprochen.

Der Künstler Hermann Nitsch bei der Arbeit. ©Daniel Feyerl

Kultur Joker: Warum stellen Sie als bekannter Künstler fernab aller Kunstmetropolen im Hochschwarzwald aus?

Hermann Nitsch: In Mistelbach, in der tiefsten Provinz, habe ich ein großes Museum. Ich lege Wert darauf, dass sich Kunst nicht bloß in den Großstädten und Metropolen ansiedelt, sondern auch dort, wo alle Leute hinkommen. Und weil ich Landschaft und Natur liebe, möchte ich, dass meine Kunst auch dort gezeigt wird.

Kultur Joker: Die unmittelbare Natur hier passt wiederum zu Ihrer Kunst, die mit dem Einsatz von Fleisch, Blut, generell Organischem, ja nahe am Natürlichen ist.

Nitsch: Hier gibt es ja auch eine Art Großstadtatmosphäre, aber es ist auch viel Pflanzliches hier. Hier gibt es einen richtigen Wald, hier sieht man noch den Himmel. Ich halte das Leben in Großstädten überhaupt für schädlich – nur andererseits: wenn es die Großstädte nicht gäbe, würde bald das ganze Land wie Los Angeles aussehen. Das Zusammenleben von Menschen ist sehr problematisch, aber das kann ich nicht lösen und ich will es auch nicht. Eigentlich sollten das andere machen, aber die machen noch größeren Unfug.

Kultur Joker: Ihre Kunstwerke sind ja sehr großformatig angelegt, gleichzeitig ist der Ausstellungsraum im Kurhaus Hinterzarten recht klein. Entsprechend wirkt ihre Kunst dort sehr geballt. War dies ästhetischer Absicht oder bloß pragmatischer Natur?

Nitsch: Als ich gesehen habe, dass das riesige Foyer im Kurhaus neu aufgebaut wird, habe ich gedacht: Warum habe ich nicht dort ausgestellt? Aber man hat mir diesen Mikroraum gegeben und meine Kunst kann sich, soll sich, muss sich überall bewähren.

Kultur Joker: Die Ausstellung bezieht sich ja auf Ihr großes Orgien Mysterien Theater…

Nitsch: Immer! Alle meine Ausstellungen beziehen sich auf dieses, mein Hauptwerk.

Kultur Joker: Ihr Lebenswerk?

Nitsch: Richtig!

Kultur Joker: Wie ordnen Sie die hier ausgestellte Malerei in Ihr Lebenswerk ein?

Nitsch: Die Aktionsmalerei ist die erste Realisationsstufe meines Orgien Mysterien Theaters. Der Maler erregt sich. Dieses Malen ist ein traumatischer Prozess. Die nächste Stufe ist dann das Verwenden von Blut, Fleisch, Eingeweiden, schleimigen Substanzen, menschlichen Körpern und Tierkadavern.

Kultur Joker: In Ihrer Kunst trifft Geistliches, also Religion, auf Körperliches, also Fleisch. In der Religion gilt aber oft die grundsätzliche Trennung zwischen Geist und Körper.

Nitsch: Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem Geist und dem sinnlichen Erfahren. Das sinnliche Erfahren entsteht über das Bewusstsein. Geist und Körper sind für mich eine Einheit. Die Trennung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Immanenz und Transzendenz, die gibt’s für mich nicht. Für mich transzendiert jeder Augenblick. Jeder Augenblick ist im Ganzen enthalten und mit dem Ganzen verbunden.

Kultur Joker: Ist das Malen für Sie an sich also schon ein transzendierender Moment?

Nitsch: So ist es.

Kultur Joker: Sie sind ja auch nahe an Friedrich Nietzsche, der davon spricht, dass das Bewusstsein dem Körper nicht entkommen kann, dass beides eben nicht voneinander trennbar ist.

Nitsch: Ich verdanke Nietzsche sehr, sehr viel. Ich habe mich schon früh mit Philosophie beschäftigt, aber vor allem mit der christlichen Mystik und mit asiatischen Philosophien. Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz, Angelus Silesius, Jakob Böhme, aber auch Buddha, der ganze Hinduismus, Taoismus, Zen-Buddhismus sind für mich sehr wichtig. Mich faszinieren alle Religionen, aber ich bin keiner verpflichtet. Durch Nietzsche wiederum habe ich meine Wende von einer Lebensverneinung zu einer absoluten Lebens-, Daseins- und Seinsbejahung bereits als junger Mensch vollzogen. Und weiterhin lebe ich diesen Weg. Ich sage: Ja, Ja, Ja!

Kultur Joker: Was ist Religion für Sie?

Nitsch: Das sind Entwürfe in Richtung Sein. Entwürfe in Richtung der sich vollziehenden Schöpfung. Und alle Religionen sind wichtig, auch wenn sie sich teilweise widersprechen. Sie sind Entwicklungsstadien der Menschheit. Ich habe von C.G. Jung auch sehr viel gelernt, von seiner Theorie des kollektiven Unbewussten und seiner Archetypenlehre. Das fasziniert mich alles, daher habe ich auch viele Anspielungen auf Mythen in meiner Kunst. Die Frage, ob man daran glaubt oder nicht, stellt sich gar nicht. Ich führe diese Symbole in meine Arbeit ein und zeige sie. Das bedeutet aber keine Aussage, eher ein phänomenologisches Festhalten.

Kultur Joker: Ihre Werke provozierten oft und provozieren noch immer. Ist Ihnen das wichtig?

Nitsch: Ich wollte immer intensive Kunst. Ob sie provoziert oder nicht, war mir egal. Ich habe nie absichtlich provoziert, war aber intelligent genug, zu wissen: das könnte Widerstände auslösen. Auch gibt es so viel missverstandene Kunst in der Geschichte. Da identifiziert man sich mit jedem, der Probleme mit seiner Arbeit hatte. Die Impressionisten wurden abgelehnt, heute hängen Sie in jedem Wartezimmer.

Kultur Joker: Auch Ihre Kunst hängt an solchen Orten. Wie stehen Sie dazu, dass Sie als Künstler mittlerweile etabliert sind? Steht Besitz für Sie in Spannung zu Ihrer Suche nach Natürlichkeit?

Nitsch: Mein Geld brauche ich eigentlich nur für die Veranstaltung meines Orgien Mysterien Theaters, denn das subventioniert mir niemand. Ich habe keine Freude an finanziellem Besitz.

Kultur Joker: Die Proteste der 68er haben dieses Jahr ihr 50. Jubiläum. Ihre frühe Kunst der 60er-Jahre hat sich gerade in einem solchen soziokulturellen Umfeld ereignet, wo so viel möglich schien und der Protest, auch der künstlerische, noch deutlicher war.

Nitsch: Ich sehe eigentlich immer das Ganze. Ich sehe immer einen Wechsel. Jetzt ist vielleicht eine viel gefährlichere Zeit. Man regt sich über nichts mehr auf und trotzdem gibt es furchtbare Kriege. Was für mich ganz schlimm ist, ist diese Pseudointellektualisierung der Presse, die Pseudomoralvorschriften macht.

Kultur Joker: Haben Sie ein Beispiel dafür?

Nitsch: Die Flüchtlingspolitik. Ich habe dazu keine Meinung, aber wenn jemand kommt und Hilfe braucht, dann hilft man ihm. Was aber jetzt aufgeführt wird, finde ich unwürdig – was Pro und Contra betrifft. Dass man sich für Flüchtlinge einsetzt, aber gleichzeitig Waffen verkauft, die diese Flüchtlinge erst schaffen. Aber ich bin kein Politiker und es geht mich eigentlich nichts an.

Kultur Joker: Als Künstler sind Sie vermutlich trotzdem stets dem Vorwurf der Ideologisierung ausgesetzt.

Nitsch: Ich habe mich immer dagegen gewehrt. Ich bin gegen Politik, gegen Weltanschauungen. Ich möchte mit meiner Kunst die höchste und intensivste Erfassung des Seins fördern.

Kultur Joker: Stehen Ideologie und Weltanschauung Ihrer Kunst entgegen? Sie haben auch religiöse Elemente in Ihrem Werk und Religion ist ja auch Weltanschauung.

Nitsch: Das Weltanschauliche an der Religion ist ja das Schlimme. Wenn Sie sehen, wie der Buddhismus den Hinduismus vertrieben hat und der Hinduismus wieder den Buddhismus. Nach der Reformation gab es einen dreißigjährigen Krieg, dabei gab es auch Flüchtlinge! Goethes Hermann und Dorothea ist übrigens auch ein Flüchtlingsroman.

Kultur Joker: Zuletzt noch einmal zum Ausstellungsort Schwarzwald. Martin Heidegger ist hier ja tätig gewesen und auch eines Ihrer Vorbilder. Glauben Sie, dass Heideggers Denken vom Schwarzwald geprägt wurde?

Nitsch: Ich wollte ja nach Todtnau (Amn.: dort befindet sich Martin Heideggers Hütte), aber das hat leider nicht geklappt. Ich glaube schon, dass Heidegger durch diese Gegend geprägt ist: dieser Starrsinn, diese kompromisslose Zielstrebigkeit.

Kultur Joker: Herr Nitsch, wir bedanken uns für das Gespräch.