Großes Freiburger Big Band Festival

Im Gespräch: Ralf Schmid, Professor für Jazz-Klavier an der Hochschule für Musik in Freiburg

Stadthalle tut sich was. Zu dem einzigartigen Freiburger Big Band Festival treffen sich am 21. Juni (15-22 Uhr) sechs verschiedene Big Bands aller Alters- und Könnens-Stufen. Das Programm zusammengestellt hat Ralf Schmid, seit 2002 Professor für Jazz-Klavier an der Hochschule für Musik in Freiburg, Leiter der dortigen Big Band und Leiter der SWR Big Band. Mit Ralf Schmid, der sich auch als Komponist, Arrangeur und Produzent einen Namen gemacht hat, sprach Reiner Kobe.

Kultur Joker: Welche Idee steckt hinter dem Big Band­Meeting, Herr Ralf Schmid?
Ralf Schmid: Schon seit Jahren gibt es an deutschen Schulen mehr Big Bands als sinfonische Orchester, das Genre Big Band blüht. Das sage ich komplett wertfrei, ich begrüße und schätze stilistisch vielfältige Ensemblearbeit für den musikalischen Nachwuchs. Aber wenn es eben viele Big Bands gibt, dann sollten wir als Musikhochschule (MHS) uns darum kümmern und dafür sorgen, dass in diesem Bereich gute Musik gefördert wird.
Dazu kommt, dass für mich persönlich Big Band in den vergangenen Jahren eine große Rolle gespielt hat, da ich als Dirigent viele Jahre intensiv mit deutschen Radio-Big Bands (NDR, HR, RIAS Berlin etc) gearbeitet habe, wobei eine besondere Beziehung zur SWR Big Band entstanden ist.
Diese Gedanken habe ich mit unserem Rektor, Herrn Nolte, diskutiert. Er war sofort von der Idee eines Big Band Festivals begeistert. Es sollte schon im vergangenen Jahr stattfinden, scheiterte aber an den Finanzen. Herr Nolte gab nicht auf und konnte einen Sponsor finden. So konnten wir die Idee dieses Jahr verwirklichen.

Was zusätzlich eine Rolle spielte, war die Tatsache, dass zwei Studenten, Marlon Zickgraf und Sebastian Anders, für ihre Abschlussprüfung eine Open-Air-Bühne wollten, um ein richtig großes Konzert durchzuführen. Jetzt sind diese beiden Ex-Studenten als Hauptorganisatoren mit im Team. Von diesen tollen, engagierten Jungs wird eine Menge Arbeit getragen.
Kultur Joker: Wie erklären Sie dieses Phänomen, dass es plötzlich so viele Big Bands an Schulen gibt? Das Genre Big Band, heißt es in der Ankündigung der MHS, ist „wie kaum ein anderes in den letzten 20 Jahren expandiert“.
Ralf Schmid: Einfach betrachtet: es ist attraktiv, mit vielen Schülern in einem großen Ensemble zu musizieren. Beliebte Instrumente z.B. Saxophon, Gitarre oder Schlagzeug, die in anderen Ensemble-Formen wenig Chancen haben, kommen hier zum Zug. Außerdem ist Big Band-Musik in den letzten 20 Jahren weggekommen vom behäbigen Tanzorchester-Image und auch von extremen Jazz-Spielarten: von diesen gegensätzlichen Polen ist Big Band in die Mitte gerückt. Wenn ich in Deutschland oder auch im Ausland eine Big Band dirigiere, ist viel Publikum da, das Genre fasziniert die Menschen.
Kultur Joker: Ist die klassische Definition der Big Band, also die Einteilung in Sätze aus Blech und Holz, denen eine Rhythmusgruppe beigefügt ist, noch vorhanden oder wird sie aufgeweicht? Wie beurteilen Sie die Situation?
Ralf Schmid: Das Ganze wurde schon immer aufgeweicht. Man denke nur an die Arrangements von Gil Evans in den sechziger Jahren: in den „Sketches of Spain“ von Miles Davis tauchen plötzlich Hörner, Oboe oder Harfe auf. Insofern gab es das schon immer. Pragmatische Sichtweise war stets, wenn ich an der Schule keinen Posaunisten habe, dann habe ich eben keinen, kann aber trotzdem eine Big Band gründen. Es war immer alles im Fluss. Ich glaube auch, dass die Big Band durch einen populären Sänger wie Robbie Williams an junges Publikum herangetragen werden kann, was ja der Fall war. Man hat die Kraft der Big Band wieder entdeckt, freut sich, wenn es groovt und kracht, wenn tolle Solisten hervortreten.
Kultur Joker: Es geht nicht nur darum, heißt es weiter in Ihrer Ankündigung, die Musik der Big Bands zu genießen. Ganz wichtig ist auch der pädagogische Aspekt. Was verbirgt sich dahinter?
Ralf Schmid: Dies ist schon im Programm des Festivals ersichtlich. Es ist durchgängig besetzt, von der führenden Big Band des Südwestens, der des SWR, bis zu einer Grundschul-Big Band, absoluten Newcomern, über das Freiburger Schüler Jazzorchester bis zur Big Band der Jazz und Rock Schulen und der Big Band der MHS. Wir versuchen, alle Ausbildungsschichten einzubeziehen, um zunächst einmal gegenseitiges Interesse zu wecken. Es ist gut, einerseits Musiker der SWR Big Band zu erleben, andererseits zu sehen, wie es um den Nachwuchs bestellt ist. Wichtiger noch sind die Workshops. Musiker aus der SWR Big Band kommen in die Schul-Big Bands, proben gemeinsam und es entstehen Querverbindungen. So entsteht ein gemeinsames Interesse, auch bei den jeweiligen Leitern. Man tauscht sich aus über Repertoire und Gepflogenheiten. Das Festival ist damit ein großer Markt mit viel gegenseitiger Inspiration.
Kultur Joker: Sie haben die Auswahl der Big Bands vorgenommen. War die Auswahl schwierig, wie stellte sich die Situation dar?
Ralf Schmid: Die Ursprungsidee war die Präsentation der SWR Big Band, Konzert und Workshops, was extrem attraktiv ist. Klare Vorgabe war natürlich auch, dass an einer derartigen Veranstaltung der MHS auch die eigene Big Band dabei ist. Das andere Ausbildungsinstitut in der Stadt, die Jazz und Rock Schulen, sollten natürlich auch mit ihrer Big Band vertreten sein. So kommt ein Pool von Freiburger Musik-Studenten zusammen. Von den Schüler-Big Bands ist fraglos das Freiburger Schüler Jazz-Orchester (FSJ) eine geniale Einrichtung, die schon seit Jahrzehnten besteht und nicht fehlen durfte. Bei den weiteren Schul-Big Bands wurde die Auswahl schwieriger, da es in der Region viele Highlights gibt. Von Titisee bis Breisach ist einiges vorhanden. Es gibt tolle Big Band-Leiter, die einiges auf die Beine stellen. Alte Connections haben mich zur Emmendinger Big Band des Goethe-Gymnasiums gebracht. Hochinteressant ist auch die Grundschul-Big Band, die an uns herangetreten ist. Es ist toll, wenn Kinder da sind.
Kultur Joker:
Sie leiten an der MHS die eigene Big Band. Wie ist die Situation an der Hochschule. Ist es immer noch so, dass die meisten Musiker der Band von außerhalb kommen?
Ralf Schmid: Nein, aber es war wirklich so. Inzwischen sind es noch ein, zwei Musiker von außerhalb, weil es sich organisatorisch nicht anders machen ließ. Die Big Band muss natürlich aus der Hochschule kommen, worauf ich großen Wert lege. Wir haben Studenten, die sich schon viel mit Big Band auseinandergesetzt haben, die teilweise aus guten Schul-Big Bands kommen und fundiert sind in diesem Genre. Es gibt aber auch Studenten, die bislang damit nichts zu tun hatten. Sie funktionieren prima in einem Sinfonie-Orchester, sind aber neu in der Big Band. Das ist gerade der Reiz einer Hochschul-Big Band. Zusätzlich versuchen wir noch das Schreiben von Arrangements zu etablieren. Wir haben eine Schar von Arrangeuren an der MHS, die jetzt für die SWR Big Band, aber auch immer wieder für die Big Band der MHS schreibt. So entsteht ein unglaublich interessantes Repertoire.
Kultur Joker: A propos Repertoire: was wird von dieser Big Band beim Festival zu hören sein?
Ralf Schmid: Wir haben zwei Eigenkompositionen von Studenten, ein eigenes Arrangement mit einem Gesangsquintett von Studentinnen vor der Band. Zwei Klassiker von Bob Mintzer und Thad Jones sind im Programm, insgesamt sehr gemischt.
Kultur Joker: Höhepunkt wird die bereits erwähnte SWR Big Band sein, die Sie ja bereits sehr oft geleitet haben– was jetzt auch der Fall sein wird – und mit der sie verschiedene Projekte durchgeführt haben. Wie beurteilen Sie diese Big Band und was ist an diesem Abend zu hören?
Ralf Schmid: Es gibt in Deutschland vier Radio-Big Bands. Die des SWR ist in einer besonderen Situation, weil sie nicht mehr direkt an den Sender gekoppelt ist, also nicht mehr diese wöchentlichen Dienste verrichten muss wie die genannten anderen Orchester. Die SWR Big Band arbeitet projektweise, sehr viel, fast so viel wie die anderen Orchester. Trotzdem ist es ein anderes Lebensgefühl, weil mögliche negative Seiten der Berufsorchester-Routine hier nicht stark ausgeprägt sind. Die SWR Big Band ist ein sehr flexibles Ensemble von großartigen Musikern, die auch den Markt außerhalb ihrer SWR-Verpflichtungen gut kennen. Die Spieler haben große Lust auf Musik. Ich habe das Glück, mit dieser Big Band seit vielen Jahren Dinge ausprobieren zu können. Vor zehn Jahren habe ich das Programm mit Joo Kraus, das wir beim Festival spielen, erarbeitet. Es war die erste große Produktion, danach kam das Brasil-Projekt „bossarenova“ und jüngst die Aufnahmen mit Ivan Lins. Ich habe immer versucht, mit diesem Orchester auszuloten, was möglich ist im Big Band-Bereich. Mit Joo Kraus ging es damals darum, HipHop- und Funk-Elemente einzubeziehen in den Big Band-Kontext. Die Platte war wegweisend, würde ich sagen. Es war immer viel Herzblut dabei, auch von Seiten der Verantwortlichen beim SWR, in hochklassige Produktionen zu investieren und an den Rand dessen zu gehen, was das Big Band-Genre heute verträgt, aber morgen erst selbstverständlich wird. Insofern hatten wir in den vergangenen Jahren eine sehr fruchtbare, beim Publikum und in den Medien überaus positiv bewertete Zusammenarbeit.
Kultur Joker: Es gibt freien Eintritt beim Meeting. Wie ist dies möglich bei so hohen Kosten?
Ralf Schmid: Es geht nur mit Sponsoren. Wir wollen natürlich die Türen aufmachen, was für eine Hochschule ganz wichtig ist. Open Air heißt bei uns nicht nur unter freiem Himmel, sondern es ist draußen. Wir wollen die Türen öffnen und einladen. Als Kooperationspartner haben wir zuletzt noch Südwest-Audio und den Bürgerverein Oberwiehre hinzugewonnen. Wir laden alle gemeinsam ein und da sollte der Eintritt frei sein.

1. Freiburger Big Band Festival, 21. Juni 2013, 15-22 Uhr, Freiluftbühne vor der alten Stadthalle Freiburg (Uni-Bibliothek), Eintritt frei.

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