Erlösung im Wasser

Die Straßburger Oper setzt mit Robert Carsens „Katja Kabanowa“ Maßstäbe.

Foto: Alain Kaiser

Die Wolga. Sie ist in Leos Janáceks 1921 vollendeter Oper „Katja Kabanowa“ Anfang und Ende, Idylle und Bedrohung, Leben und Tod. In Robert Carsens Inszenierung, die 2004 für die Oper Antwerpen entstand und nun in Straßburg zu sehen ist, besteht die Bühne aus einer einzigen Wasserfläche, die nur vom wunderbar ausgeleuchteten Horizont begrenzt wird (Ausstattung: Patrick Kinmonth). Die Wolga ist immer da. Hier liegen während des dunkel gefärbten Orchestervorspiels, das das düstere Ende der Geschichte schon musikalisch vorwegnimmt, 24 weiß gekleidete Frauen auf Holzbrettern, ehe sie sich ins Wasser gleiten lassen und so den Selbstmord der Protagonistin schon andeuten. Immer wieder kehren im Laufe des bewegenden Abends diese Frauen zurück.

In ästhetischen Choreographien (Philippe Giraudeau) verändern sie die Anordnung der Hölzer, fügen sie im zweiten Bild des ersten Aktes zu einer quadratischen Fläche zusammen, die den Schauplatz gibt für die beklemmende Szene im Hause Kabanow, als Katja (vielschichtig: Andrea Danková) von ihrer eiskalten Schwiegermutter Kabanicha (beängstigend überzeugend: Julia Juon) gemaßregelt wird. Im zweiten Akt sind die Bretter zu einem Steg zusammengefügt, der sich quer über die Wasserfläche erstreckt und für Katja Kabanowa für einen Moment einen Ausweg aus ihrem emotionalen Dilemma schafft, indem sie eine Liebesnacht mit dem Nachbarn Boris (mit tenoraler Leuchtkraft: Miroslav Dvorsky) verbringt. In der letzten Szene markieren sie die beiden Ufer der Wolga. Der Fluss trennt die Liebenden beim Abschied, ehe die von allen verstoßene Ehebrecherin ins Wasser geht. Robert Carsen, der im Festspielhaus Baden-Baden 2013 die „Zauberflöte“ der Osterfestspiele inszenieren wird, gelingen bei dieser „Katja Kabanowa“ poetische Bilder, die sich einbrennen. Der kanadische Regisseur hört genau auf die Musik. Seismographisch zeichnet er deren emotionale Erschütterungen nach, wenn sich die glatte Wasseroberfläche plötzlich kräuselt. Die szenische Reduktion lässt Raum für das Innenleben der Akteure in dieser Ehehölle. Die ästhetische Inszenierung schafft einen durchlässigen Rahmen für die Musik. Diese liegt bei Dirigent Friedemann Layer in den besten Händen. So differenziert hat man das Orchestre symphonique de Mulhouse selten gehört. Die wenigen Melodien, die Janácek dieser Oper gönnt, werden von den Streichern erwärmt, wenn sich Andrea Danková mit ihrem hellen, schlanken Sopran im zweiten Akt an die unbeschwerte Jugend Katjas zurückerinnert und sie für einen Moment vom jugendlichen Optimismus der Pflegetochter Barbara (farbenreich: Anna Radziejewska) angesteckt wird. Ihre seelischen Verletzungen spiegeln sich in den unerbittlichen Repetitionen der Trompeten. Und wenn am Ende bei ihrem Suizid das Orchestertutti anschlägt, dann klingt das wie ein kollektiver Verzweiflungsschrei. Diese „Katja Kabanowa“, die die Straßburger Operá national du Rhin im Rahmen eines Janácek-Zyklus’ zeigt, ist aus einem Guss. Zu der immens hohen Qualität der Produktion trägt auch das präsente Solistenensemble bei. Guy de Mey (Tikhon) ist ein schwächlicher Ehemann, der gänzlich unter der Fuchtel seiner Mutter steht und seiner Liebe zu Katja keine Taten folgen lässt. Oleg Bryiak gibt den reichen Kaufmann und dominanten Onkel von Boris mit kräftig-derbem Bariton. Enrico Casari (Kudrjas) ist ein angelnder Naturfreund, dessen heller Tenor den Pragmatismus ausströmt, den man in solch einer reaktionären Dorfgemeinschaft haben muss, um zu überleben. Katja Kabanowa hat diesen Pragmatismus nicht. Deshalb flieht sie nicht wie Kudrjas und Barbara nach Moskau, sondern sucht Erlösung in der Wolga.
Georg Rudiger

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