Kunst

Entlarvende Bildwelten mit Liebe zum Detail

„Rodney Graham. Lightboxes“ – Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden

Die Welt ist eine Bühne, das wussten schon die Menschen der Barockzeit. So sieht es auch der kanadische Künstler Rodney Graham, der in seinen aufwendig gestalteten Leuchtkästen Bühnenbilder aufbaut, das Setting für filmreife Momentaufnahmen.

Das Raffinierte an Rodney Grahams Kunst ist, dass der Film im Kopf des Betrachters entsteht. Bis zum 28. November kann man im Museum Frieder Burda in Baden-Baden in der Ausstellung „Rodney Graham. Lightboxes“ in die Welt oder besser die Welten eintauchen, die der kanadische Künstler mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Gezeigt werden neue Arbeiten aus den Jahren von 2000 bis heute.

Er selbst übernimmt die Hauptrollen. Die von ihm dargestellten „Helden“ sind allerdings keine, dafür sind sie sofort als ein ganz bestimmter Typus erkennbar. Keine Hipster, Finanzgenies oder erfolgreiche Medienmilliardäre. Im Gegenteil, Rodney Graham interessiert sich für aussterbende Gattungen. Wie den Leuchtturmwärter in seiner altmodischen Küche. Jedes Detail stimmt, der mit Holz befeuerte Herd, die Wäscheleine an der ein Paar Socken trocknet, die Tomatenpflänzchen in alten Dosen. Den Ehrenplatz auf dem Küchentisch hat das selbst gebastelte Modell eines Leuchtturms. Als Hintergrund muss man wissen: die scheinbare Idylle aus der „guten alten Zeit“ ist keine, der Leuchtturmbetrieb wird automatisiert, der Leuchtturmwärter dürfte einer der letzten seiner Art sein.

So wie der Antiquitätenhändler, der mitten zwischen Trödel, Kitsch sowie mehr oder weniger wertvollen Gemälden auf dem Sofa eingeschlafen ist, das Buch noch in der Hand. Graham, ein Vertreter der so genannten Vancouver School, inszeniert die Gestalten aus vergangenen Zeiten mit liebevoller Ironie. Vor der Bücherwand, in einem professoralen Habitus aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, perfekt mit schwarzer Hornbrille, steht der Bildungsbürger vor uns. Aber wie passen die flauschigen Hausschuhe oder die schrecklichen selbstgemachten Kissen im Stil der Siebziger ins Bild? Ironische Brechungen sind Grahams Spezialität.

So auch die Pose als Westernheld vor dem eigenen Fahndungsplakat inmitten einer spektakulären Herbstlandschaft. Doch auf dem Plakat sieht man das Plakat im Plakat, und der scheinbare Desperado steht genau wie auf den Abbildungen davor. In Kleidern, die erkennbar funkelnagelneu sind. Es gibt keine Outlaws hier, es wird nur gespielt.

Die Fantasie des Künstlers regt die des Betrachters an. Da schlüpft ein älterer Herr in seinen sehr klassisch geschnittenen Mantel. Das Vestibül stammt, von der Jugendstillampe an der Decke bis zur Garderobe, aus dem 19. Jahrhundert. Aber was erwartet diesen Herrn, wenn er vor seine Haustür tritt? Etwa der Schock der Moderne?

Ein bisschen Spott sorgt für die richtige Würze. Im gutsituierten Sechziger-Jahre-Interieur geht der Hausherr im Morgenmantel seiner künstlerischen Inspiration nach: in allen verfügbaren Plastikschüsseln aus der Küche hat er Farben, die er ganz konzentriert über die schräg gestellte Leinwand kippt. Natürlich ist der Boden mit zig Lagen Zeitungen ausgelegt, man möchte das schöne Heim ja nicht beklecksen! So viel zum Thema begabte Amateurkünstler.

Rodney Graham überlässt nichts dem Zufall, auch wenn manche seiner Bildwelten zufällig wirken. Da holen ausgekippte Kartoffeln die ach so moderne, aufregend abstrakte Kunst an der Wand ganz schnell in die profane Realität zurück. Und der scheinbar direkt aus den Siebzigern entsprungene Mediendozent sitzt zwar cool auf der Tischkante. Aber seine Medien, ob Fernseher oder Tafel, sind leer. Die Pose ist nur Behauptung, nichts steht dahinter.

Grahams Bildwelten sind entlarvend, auf eine liebevoll-amüsante Weise. Im Untergeschoss erklärt der Künstler in Videos seine Arbeit. Die Besucher dürfen mitmachen, der Hippie-Hinterhof aus der Arbeit „Leaping Hermit“ wurde eigens dafür nachgebaut, am Ständer hängen Kostüme: die perfekte Bühne für die eigene Selbstinszenierung.

Nike Luber

„Rodney Graham. Lightboxes“, Museum Frieder Burda, Baden-Baden. Bis 28. November 2017.
www.museum-frieder-burda.de