Straußenführer 2017


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Orsolya Kalász erhält den diesjährigen Peter-Huchel-Preis

Alles ist seltsam in der Welt

Alljährlich, seit 1983 schon, wird der vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestfunk gestiftete Peter Huchel-Preis für ein herausragendes Werk deutschsprachiger Lyrik verliehen, das im Vorjahr erschienen sein muss. Diesmal fiel die Wahl auf die 1964 in Ungarn geborene, heute in Berlin in Budapest lebende Autorin und Übersetzerin Orsolya Kalász.

Foto der Lyrikerin Orsolya Kalász

Preisträgerin des Peter-Huchel-Preises: Die Lyrikerin Orsolya Kalász

In ihrem Gedichtband „Das Eine“ komme das Staunen, das am Anfang aller Poesie stehe, zu seinem Recht, heißt es in der Begründung der Jury. Die Lyrikerin taste sich „durch das Labyrinth des Erkennens, Benennens und Verwandelns von Welt“, und sie tue das „in einer offenen, fragenden, dem Fremden sich aussetzenden Poetik“. Es ist ein komplexer, vielfältiger und doch insgesamt einheitlicher Lyrikband.

In dem Gedicht „Die Herde soll verschollen bleiben“ wird eine klare Haltung deutlich: „Ich rede nicht verdeckt / und keiner rede unbedacht von Schuld, / sehr lange noch sind wir, / jeder von uns, auf sich gestellt.“ Beim Lesen wird schnell klar, dass etwas ganz Eigenes diese mal mehr und mal weniger zugängliche Lyrik prägt und faszinierend macht.
Die Eigenheit von Orsolya Kalasz kommt sicher auch daher, dass sie sich zwischen zwei Sprachen, dem Ungarischen und dem Deutschen bewegt. Man ist erinnert an die große Tradition moderner osteuropäischer Dichtung die bis heute fortwirkt. Die Anrufung, die Klage, die Lobpreisung, die Beschwörung – das alles ist rar und fremd geworden in der Lyrik unserer Tage. „Es wäre ein sinnloser Verstoß gegen die Regel“, so im Motto des Bandes, „vor der Verdeutlichung durch Übertreibung zurückzuschrecken.“

Was Dichtung heute noch vermag, beweist nachdrücklich die Lyrik von Orsolya Kalász, die in dem bibliophilen Band unter dem Titel „Das Eine“ versammelt, oder besser: kompositorisch sich fügt und gliedert. Wir begegnen einem nur noch selten anzutreffenden poetischen Sprechen, das ohne tradierte Formen oder formale Experimente auskommt, sich nicht zwanghaft um Originalität bemühen muss. Einer der Hauptströme oder Grundmelodien in dem Band entsteht durch eine Liebeslyrik, die mit ungewöhnlichen Ansätzen klangvoll und rhythmisch anhebt, sich aber nie in Illusionen verliert. „Am Ende, wenn die traurige Wahrheit / die Verluste aufzählt, / möchte ich mit dir zusammen sein, / um unsere Zwei ein letztes mal zu vertauschen, / deine Lust an der Verweigerung, / mit meiner an dem, was du nie warst.“ Die Zwiesprache mit dem Andern muss sein, um das Eine, Gemeinsame immer neu zu entdecken „auf dem schmalen Grat, / dem guten, alten Lehrpfad der Gefühle.“

In den Suchbewegungen dieser kleinen Poeme und Langgedichte geht es oft um die Beschwörung eines möglichen Glücks. Aber auch Zweifel an der Sprache kommt vor. So in dem Gedicht „Übung“: „Sich / einem ekstatischen Geflecht / aus Verschlingungen, / Kurven, / Schleimhäuten, / imaginären Verlängerungen / anvertrauen, / einzig und allein, / um die mörderischen Vorübungen / der Verschriftlichung zu überstehen.“ Schönstes Beispiel für die Besonderheit und betörende Bildlichkeit der Liebeslyrik von Orsolya Kalász ist das kleine Gedicht „Die Vergleiche hissen die Segel“: „Das Gefühl von dir berührt zu werden, / vergleiche ich mit einem / vom verschwenderischen Blau / des Himmels gebannten Blick. / Es ist, als würde ich schwimmen / in einem durch die Haut schimmernden See, / inmitten der gespiegelten Wolken / deiner Hand.“ Ein außerordentliches Bild. Und dann dieser Vers: „Küssen ist eine schöne Antwort.“ Überhaupt erschließt sich der Reichtum dieser Lyrik erst ganz durch wiederholtes, eingehendes Lesen und Nachsprechen. „Unsere Stetigkeit“ heißt ein mitreißender Gesang, in dem das Ding an sich beschworen wird. Das, was uns Halt gibt.

An Phantasie und Bildkraft gewinnt Orsolya Kalász auch durch ihre Beschäftigung mit der Heraldik, der Wappenkunde mit ihren Tiermotiven und Schildhaltern. Das hält Einzug bis in die Träume, wird dort selbst zu einem „Traumwappen“: „Über unsere betäubten Gestalten / beugen sich Fabeltiere, besorgt um ihre Hufe und Hörner.“ Und da gibt es in einer Gegenüberstellung den „Aufriss eines heiteren Traumes“ und den „Aufriss eines düsteren Traumes“. Zwei Gedichte als Beispiel für andere, in denen sich das ganze poetische und imaginative Sprachvermögen entfaltet.
Die Mythischen und Magi-schen Anklänge werden durch das Herbeizitieren heutiger Wirklichkeit und seinen Normierungen konterkariert. „In der Zwischenzeit trösten wir uns / mit der Notwendigkeit von / guten, befahrbaren Straßen“ und versichern uns „gegenseitig per Mail, per SMS, / dass es nur zu seinem Besten sei.“ Und „bevor es Dunkel wird, / noch schnell ein Selfie mit deiner Phobie.“

Orsolya Kalász: „Das Eine“ Brueterich Press, 2016, 88 Seiten, 20 Euro.
Die Verleihung des Peter-Huchel-Preises an Orsolya Kalász findet am 3. April in Staufen statt.

Peter Frömmig

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