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Kunst | April 2020 | von Cornelia Frenkel

Sinnliches Erleben

© Janine Antoni; Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York

Janine Antoni: „Mortar and Pestle“, 1999
C-print, 121,9 x 121,9 cm
Janine Antoni; Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York © Janine Antoni; Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York

Ganz im Geiste seines Namensgebers, für den sinnliches Erleben immer multisensorisch war, hat das Museum Tinguely bereits den haptischen und den olfaktorischen Sinn als Grundlage unserer Welterfahrung und ästhetischen Kompetenz thematisiert. Nun zeigt es mit der Ausstellung „Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst“ Arbeiten von Künstler*innen, die den gustatorischen Sinn anzusprechen suchen, der sich von Riechen, Sehen, Tasten und Hören letztlich nicht trennen lässt. Die Schau orientiert sich an den Grundnoten der Geschmacksrezeptoren: süß, sauer, bitter, salzig und „umami“; diese entstehen im Zusammenspiel von Zunge und Geschmacksknospen im Mund sowie im Gehirn gespeicherten Informationen.
Doch kann die Geschmackswahrnehmung auch ohne physischen Kontakt mobilisiert werden? In der Ausstellung machen dies 120 Kunstwerke, Videos, Skulpturen, Experimente und Performances, aus verschiedenen Perspektiven erfahrbar; teils sind sie partizipativ und interaktiv angelegt. Etwa ragen in der Installation „Goosebump“ (Gänsehaut) von Elizabeth Willings überzuckerte Pfeffernüsse aus einer schneeweißen Wand, die angeknabbert werden dürfen. Das könnte mit der Zeit ebenso eklig aussehen wie Dieter Roths „Großes Schimmelbild“ (1969). Appetitlich wirkt hingegen das installativ-performative Projekt „Hortus Deliciarum“ von Marisa Benjamim, das Sehen und Schmecken verbindet und Pflanzen verkosten lässt, z.B. die Blume „Electric Daisy“. Den Sinn für Aromatisches spricht gleich zu Beginn des Parcours die partizipativ veränderbare „Orangenpyramide“ von Roelof Louw an sowie – unter der Überschrift „Der Geschmack der Begierde“ – die deliziöse Performance „Eating a Banana“ (Sarah Lucas). Mit lecker assoziiert man des Weiteren eine „Noisette“ betitelte Zunge (Urs Fischer, 2009), die aus einem Wandloch hervorschnellt.

© Gina Folly

Installationsansicht mit Werken von Bea de Visser, „Blowup“ (Bubble), 2002 (Hintergrund) und Sonja Alhäuser, „Schokoladenmaschine II“, 1999 (Vordergrund) © 2020 Museum Tinguely, Basel

Allein der Anblick reifer, roter Weintrauben kann Süße und Saftigkeit evozieren, wie sich anhand von Stillleben aus dem 16. und 17. Jahrhundert erweist, die in der Schau präsent sind und sich allegorisch den fünf Sinne widmen. Im Auge sitzen Tastempfindungen, die selbst ohne Hautkontakt „berühren“ und Bilder synästhetisch erfassen. Seit jeher werden Geschmacksnuancen sprachlich-metaphorisch verwendet, so wird das Leben süß, die Pille bitter oder der Apfel sauer. Mit der vielschichtigen Wortbedeutung von „sauer werden“ setzt sich die Rauminstallation des Künstlerkollektivs Slavs and Tatars (2019) auseinander. In diesem Kontext darf Daniel Spoerri nicht fehlen, dessen „Eat Art“ seit den 1960er Jahren Assemblagen mit Mahlzeitresten komponiert und, u.a. mittels Täuschung und Irritation, das Schmecken als sozialen Akt beleuchtet, etwa Suppe in Mokkatassen serviert und Kaffee in Suppentellern. Daneben platziert sich ironisch Meret Oppenheims Werk „Bon appétit, Marcel“. Für umami, die als „herzhaft-würzig“ umschriebene Sinnesqualität, steht Andy Warhols Serie „Campbell’s Soup II“. Und in puncto Süße lässt Sonja Alhäuser Frauenfiguren aus einem wohlriechenden Bad weißer flüssiger Schokolade auftauchen.
Ein weiterer Bereich ist mit „Geschmack des Fremden“ überschrieben, er weist auf Kolonisierung und Migration, die seit dem 16. Jahrhundert stetig neue Nahrungsmittel in europäische Speisepläne brachten, von Cola bis Sushi. Vieles bliebe vorzustellen, Erwin Wurms „Selbstporträt als Gurke“, Emeka Ogboh Aktion „Wer hat Angst vor Schwarz“, Janine Antonis „Mortar und Pestle“, Werke von Otobong Nkanga, Tom Wesselmann und insbesondere „Tastescape“, eine laborartige Installation von Claudia Vogel, die feinste Pflanzenessenzen destilliert. Zur Ausstellung, der ein Symposium vorausging, ist zudem ein Katalog erschienen, in dem u.a. der Schweizer Koch Stefan Wiesner interviewt wird – eine phantastische Lektion in Sachen Geschmack.
Museum Tinguely. Paul Sacher-Anlage 1, Basel. Di bis So 11–18 h. www.tinguely.ch. Bis 17.5. 2020