Wir feiern bis Ihr abschaltet

„Meine sehr geehrten Damen und Herren, nach über 25 Jahren Arbeit am Atomausstieg, freuen wir uns Ihnen mitteilen zu können, dass wir nun, am 3. September 2022, endlich das große Abschaltfest feiern dürfen.“ Die Nachrichtensprecherin der EWS Schönau wurde über 15.000 Mal angeschaut. Offenbar eine Provokation für die kleine, umtriebige Pro-Atom-Gemeinde.
Das große Abschaltfest steigt am 3. September, wenn die längste Anti-Atom-Demo der Welt, die Anti-Atom-Radtour, nach über 2400 Kilometern, auf ihren letzten Etappen via Fessenheim und Wyhl nach Freiburg einrollt. Sie radeln an den neuralgischen Punkten des ausklingenden Atomzeitalters vorbei, treffen Verbündete, knüpfen Kontakte und solidarisieren sich im Rheinland mit Braunkohle-Gegner:innen. Sie nehmen auf jeder Etappe Wegbegleiter:innen mit. Man genießt gemeinsam das rollende Frischluft-Event und das Kulturprogramm an den Zwischenstopps. Musik, Theater, Lesung, Infotainment – Watt für den Kopf und Watt fürs Herz. Es gab Etappen, da waren die Aktivist:innen „zu Tränen gerührt“und konnten kaum glauben, was ihre Verbündeten „alles auf die Beine gestellt haben.“

Abschaltfest in Freiburg
Inzwischen biegt die Antiatom-Radtour auf die Zielgerade ein und steuert auf Freiburg zu. Die Aktiven sind schwer gespannt, wie der Empfang am Samstagmittag auf dem Platz der alten Synagoge wird. Ab 14 Uhr steigt dort ein familienfreundliches Antiatom-Fest, mit Musik, Kultur, Getränken und Snacks.
Für den Abend ist ab 18 Uhr in der Fabrik an der Habsburgerstraße ein großes Abschaltfest geplant. Für Organisator Martin Wiedemann, Eventmanager der EWS Schönau, der bis 2021 selbst zum Kulturteam des Vorderhauses gehörte, ist dies ein Etappensieg, der die Feier-Laune des Atomkraftgegners weckt. Das gesamte Gelände der Fabrik wird bespielt: Live-Musik im Freien und im Saal, Disco, Kino, Infomarkt und Gaumenfreuden. Das Fest ist auch eine Würdigung der aktiven Bürgerinnen und Bürger der Region, durch deren Einsatz die unmittelbare Gefahr des AKW Fessenheim ausgeschaltet wurde. Auch das gilt es zu feiern, jetzt, da die Brennstäbe aus den unsicheren Zwischenlagern direkt an der Grenze entfernt wurden. Die dramatischen Zustände im französischen Atomkraftwerks­park machen einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, den Ausstieg aus der Hochrisiko-Technologie zu forcieren.

Die Anti-Atom-Radtour war seit langem geplant
Da hat ganz offenbar jemand den richtigen Riecher gehabt, als die Radtour letzten Winter von ausgestrahlt.de geplant wurde. Mittlerweile hat das Trommelfeuer der Atomlobby in Politik und Medien eine derartige Wirkung entfaltet, dass unbedarfte Zeitgenoss:innen bereit sind, all die Risiken auszublenden, mit denen die 3 Rest-AKW betrieben werden, die bekannten und die unbekannten. Mit Blick auf das Abschaltdatum wurden die nuklearen Oldtimer auf Verschleiß gefahren. Nachrüstungen und eigentlich zwingend vorgeschriebene, periodische Sicherheits-Überprüfungen wurden seit 2009 unterlassen. Die Tatsache, dass in den gleichaltrigen französischen AKW gefährliche Mängel entdeckt wurden, weil man nachgeschaut hat, wird nicht als Warnung begriffen. Auch nicht, dass die Altmeiler deshalb reihenweise in die Knie gehen. Und erst recht nicht, dass die französische Strom-Misere den deutschen Kraftwerksbetreibern über den europäischen Stromhandel gigantische Windfall-Profite beschert, was wiederum die Dollarzeichen in den Augen potenzieller Nutznießer:innen – vom Betreiber bis zu Hüter:innen der Steuersäckel – gierig funkeln lässt.
2009, im Jahr der letzten periodischen Sicherheits-Überprüfung, feierte „die Propagandazentrale der Atomkonzerne“, wie Sigmar Gabriel die Lobbyvereinigung ‚Kerntechnik Deutschland e.V.‘ (vormals: ‚Deutsches Atomforum‘) nannte, ihren 50-ten Geburtstag. Seit Anbeginn, so der damalige Umweltminister in seiner Laudatio, wurde „kein Propagandatrick und erst recht keine Kosten gescheut, den Deutschen die Atomkraft schmackhaft zu machen“. Was damals galt, ist heute aktueller denn je, sie „steht wie kaum eine andere Institution für das bewusste Verschweigen, Verdrängen und Verharmlosen der Gefahren, die mit der kommerziellen Nutzung der Atomenergie verbunden sind“. Was wurde den Menschen alles erzählt! 30 AKW auf Helgoland, damit die Demonstranten wegbleiben. 600 AKW in Deutschland, laut offiziellen Plänen. Der Strom würde so billig, dass man damit Garagen-Auffahrten im Winter beheizen könnte und Stromzähler abgeschafft werden könnten: „Toocheaptometer“. Das „Ohne Atomkraft gehen die Lichter aus“–Märchen wurde und wird x-fach, in allerlei Variationen neu aufgekocht. Natürlich hat es in der aktuellen Pro-Atom-Kampagne wieder Hochkonjunktur. Dabei gehen in Frankreich alle Jahre wieder die Lichter aus, gerade wegen der Atomkraft-Monokultur ohne Backup.

Tolldreiste Narrative – damals wie heute
Auch um den Atommüll ranken sich die tollsten Erzählungen. Er könnte auf dem Mond geschossen werden oder es genüge ihn in einem Loch „von drei Metern Tiefe [zu] vergraben, um ihn vollkommen unschädlich zu machen“. Für jeden Blödsinn fand und findet sich ein Mietmaul. Kein Wunder also, dass Laufzeitverlängerungs-Fantasien oder gar feuchte Träume von „Atommüll-fressenden“ Wunderreaktoren nicht nur von Politiker:innen auf Wählerfang am rechten Rand vorgetragen werden, sondern auch von „Expert:innen“ mit Universitäts-Titeln. Kaum besser als die Spinnereien der Propaganda-Schmieden sahen die Lösungen in der Praxis aus: Atommüll wurde ins Meer gekippt, hin und her verschoben, mit krimineller Energie anderem Müll untergejubelt oder achselzuckend in Zwischenlagern geparkt. Weil die Branche 60 Jahre später immer noch ohne Entsorgungsnachweis dasteht, wird das Problem ‚kommunikativ‘ aus dem Weg geräumt. Die Lüge vom „Atommüll-fressenden“, „neuen“ Reaktortyp wird so lange penetriert, bis Menschen sie glauben. Einzig die Physik spielt nicht mit. Es gibt keine Atomkraft ohne Atommüll. Auch keine Konzepte. Kein einziges.
In den frühen 1970-ern konnten AKW-Betreiber noch frech behaupten: „ein GAU beeinträchtigt nicht die Umgebung, da die Anlage in jeder Beziehung dafür ausgelegt“ sei. Heute blenden Atomapologeten all die Menschenrechtsverletzungen und die Riesensauereien beim Uran-Abbau, der chemischen Aufbereitung, dem Nukleartourismus aus, kurzum: die Schneise der Verwüstung entlang der gesamten Prozesskette. Sie rechnen die Folgen von Tschernobyl und Fukushima klein um die Atomkraft statistisch aufzuhübschen.
Nun droht der internationalen Branche allerdings der kommunikative Super-GAU: Ab dem 31.12.2022 wird es ein Industrieland geben, das ohne Atomstrom auskommt. Trotz der Lügenmärchen von damals, „Sonne Wind und Wasser werden auch langfristig nicht mehr als vier Prozent“ des deutschen Strombedarfs decken, wird hier gezeigt, dass die Energiewende funktioniert. Ein Alptraum für die international gut vernetzte Atomgemeinde, der mit allen Mitteln verhindert werden soll.
Auch wenn es aussieht wie ein Zufall, dass seit 2019 zunächst wohl dosiert, dann immer öfter und zuletzt in einem Dauerfeuerwerk in Presse und Talkshows scheinbar unabhängigen Atomfürsprechern eine Bühne geboten wird, es ist keiner. Szenekenner:innen haben die Drehbücher der PR-Firmen gelesen, mit denen die Laufzeitverlängerung 2010 organisiert wurde. Die Strategiepapiere* der Atomlobby sind im Internet auffindbar. Die Vorgehensweisen sind heute wie damals nahezu deckungsgleich. Es fehlt nur noch der Whistleblower, der heute die Strategiepapiere an die Öffentlichkeit bringt.
Weil der Schwindel damals aufflog und weil der schlafende Riese, die Anti-Atom-Bewegung, nach Fukushima wieder hellwach auf der Straße stand, mussten Politik und Lobby zurückrudern. Die Laufzeitverlängerung wurde einkassiert. Diesmal darf es gar nicht so weit kommen, eine Laufzeitverlängerung über den 31.12.2022 hinaus ist keine Option. Sie wäre nur mit gewaltigen Kosten für die Steuerzahler:innen, mit Koalitions-Stresstest und maximal verbogenem Rückgrat der Regierungsmitglieder zu erreichen. Der Atomausstieg wird also gefeiert, jetzt erst recht.

Zum Stilllegen ist es immer zu früh aber nur ein Mal zu spät
Auch die drei Restmeiler in Deutschland haben Alterungs-Probleme, Korrosions-Stress und einen Wartungsrückstau, selbst wenn die Schlagzeilen aus Frankreich das überdecken. Die drei Blöcke haben technisch und wirtschaftlich das Ende ihrer Betriebszeit erreicht. Da hilft es auch nicht, dass insbesondere bayrische Energiewende-Verhinderer mit lautstarken Laufzeitverlängerungs-Rufen vom eigenen Versagen ablenken und sich aus Umfrage-Tiefs befreien wollen, indem sie den Menschen das Gefühl geben, niemand müsse Veränderungen erleben und alles könne ständig weiterlaufen wie es – gefühlt – immer war. Mit der Strategie, das Atomthema von Inhalten abzukoppeln nur um das eigene Profil zu schärfen, ist einst Ministerpräsident Stefan Mappus heftig auf die Nase gefallen, als eine Laufzeitverlängerung in Fukushima schmerzlich zeigte: Zum Stilllegen ist es immer zu früh aber nur ein Mal zu spät.
Sollte tatsächlich die Kampagne für das Wiederanfahren eines oder aller drei deutschen Altmeiler Erfolg haben, dann muss sich der schlafende Riese, die Antiatom-Bewegung, noch einmal aufrappeln. Und zwar mit der Unterstützung der Klimabewegung, der Verkehrswende-Bewegung und allen, die für ein Ausstiegsdatum einer umwelt-und klimaschädlichen Technologie kämpfen. Denn wer das Datum des Atomausstiegs verschiebt, öffnet damit sämtlichen Lobbyisten, die bereits festgelegte Ausstiegsdaten für andere schmutzige Technologien wieder rückabwickeln wollen, alle Türen sperrangelweit. Dann werden alle gebraucht und sollten sich von ihrer stärksten, druckvollsten, kreativsten und solidarischsten Seite zeigen.

*Hintergrund und Links zu den PR-Dokumenten unter https://www.freitag.de/autoren/evastegen/alte-atom-dinos-baggern-junge-klima-aktive-an
https://www.ews-schoenau.de/ews/veranstaltungen-und-termine/das-grosse-abschaltfest/

Bildquellen

  • “Nai hämmer g’sait“ die Anti-Atom-Radtour kommt nach Freiburg: Foto: augestrahlt.de