Wahn auf religiöser Basis

Im Theater Freiburg ist eine Adaption von Ljudmila Ulitzkajas Roman „Daniel Stein“ zu sehen

Victor Calero als Daniel Stein Foto: Maurice Korbel

Es ist ein Kreuz mit der Kirche. Im Kleinen Haus des Theater Freiburg ragt ein Laufsteg in den Raum, die drei Zuschauerblöcke umgeben ihn wie ein U. Er hat die Form eines Kreuzes und stellt die Verlängerung der Kirche dar, deren Brettergerüst an der Wand steht (Bühne: Joki Tewes, Jana Findeklee). Ein Torbogen aus einfachen Holzlatten zusammengezimmert liegt auf dem Laufsteg, später wird er mit viel Bohei aufgestellt und zum Sinnbild der neuen Kirche.

Das siebenköpfige, mit blauen Overalls bekleidete Ensemble trägt Umzugkartons herein und breitet Pelze, Ketten, alte Tageszeitungen und Geschirrtücher auf dem Laufsteg aus. Es sind Gegenstände des Alltags, schließlich geht es um das Leben der Gemeinde und ihrer Mitglieder, die alle ihre Geschichten mitbringen. Dann werden die Kartons ordentlich wieder nach draußen gebracht. Auf den drei Projektionsflächen, die auch aus Holz sind, ist jetzt eine animierte Postkarte zu sehen: Boston 1986.
Für Thomas Krupa ist „Daniel Stein“ bereits der zweite Roman der russischen Autorin Ljudmila Ulitzkaja, den er für das Theater Freiburg inszeniert. Zusammen mit einer weiteren Romanadaption, „Gottes kleiner Krieger“ nach Kiran Nagarkar, und einem Dokumentarstück, bildet es den Kern einer Themenwoche am Theater Freiburg über den Glauben. In ihrem knapp 500 Seiten umfassenden Text erzählt Ulitzkaja die Geschichte des Karmelitermönches Daniel Stein, der wie die Autorin auch vom Judentum zum Katholizismus konvertierte.
Ihr Roman beruht im Wesentlichen auf den Lebensumständen Oswald Rufeisens, der sich als Jugendlicher für den Zionismus begeisterte, zusammen mit seinem Bruder nach Israel auswandern wollte, dann aber wird Polen von den Deutschen besetzt, Massaker fanden statt, Erschießungen, Deportationen. Mit viel Glück und auch etwas List überlebt Rufeisen/Stein, er arbeitet kurzzeitig für die Nationalsozialisten, er kämpft bei den Partisanen, dann kommt er bei katholischen Nonnen unter. Mitte der 1940er Jahre reist er, mittlerweile Mönch geworden, nach Israel aus, um dort eine urchristliche Gemeinde aufzubauen. Sie will die Unterschiede zwischen Juden und Christen überwinden und das mitten in den Spannungen des Nahostkonfliktes.
Ulitzkaja erzählt all das in einer Collagetechnik, die nicht eben subtil transportiert, dass wir es hier mit Protagonisten zu tun haben, deren Lebensläufe durch den Holocaust und die Ideologien des 20. Jahrhunderts gebrochen sind und dass sich Biografien überhaupt nur multiperspektivisch vermitteln lassen. Plastisch werden diese Menschen dadurch nicht. Die Lebenswege von Daniel Stein und aller Nebenfiguren sind zwar dramatisch, aber nicht unbedingt theatralisch. Eine gewisse Form des religiösen Rigorismus erzeugt jenseits von Kirchentagen und Bibelkreisen keinen Spannungsbogen.
Victor Calero gibt Daniel Stein als sanften Charismatiker mit durchaus weltzugewandten Zügen. Trifft er nach knapp 20 Jahren mit seinem Bruder (Konrad Singer) zusammen, spricht er in diesem jüdischen Haus ungeniert den Segen. Frank Albrecht schmiegt sich an den Bauch der Mutter (Stephanie Schönfeld) und ein anderes Kind übernimmt die Fußnoten in der Überlebenserzählung der Brüder und erklärt Historisches, eine Karte Israels wird ebenso projiziert wie die silbernen Löffel, die die Mutter den beiden gab, als sie sich das letzte Mal sahen. Wird Steins Blick glasig, ist es Zeit für einen Rückblick. Dann vollzieht sich im Hintergrund eine Art Kasperletheater mit Nazis als Schießbudenfiguren in Uniformen und Strumpfmaske, die die Triangel klingen lassen und die hohen Stiefel aneinander schlagen, während die Musik (Sven Hoffmann) nach vorne drängt. Wenn der junge Daniel Stein (Heiner Bomhard) nach dem Massaker an der jüdischen Bevölkerung Gott schreiend nach dem höheren Sinn fragt, ertönt Klezmer-Musik.
All das ist brav nacherzählt, Episches wird in Dialoge überführt, mitunter imitiert ein Schauspieler sein nicht vorhandenes Gegenüber. Doch weder trägt diese Inszenierung zu einer Analyse oder Zustandsbeschreibung des Nahostkonfliktes bei oder des „Wahns auf religiöser Basis“, dem Jerusalem-Syndrom“ noch kommen die Figuren einem nahe. Und bei einer Dauer von dreieinhalb Stunden ist diese Inszenierung so gut gemeint, aber auch so quälend wie eine zu lange Predigt.
Weitere Vorstellungen: 4./5. und 7. Juni, jeweils 20 Uhr im Kleinen Haus.
Annette Hoffmann

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