Moderne Liebe: Gefangen zwischen Selbstinszenierung, Perfektion und Unabhängigkeit

Die Liebe ist seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar Jahrtausenden, ein Thema, mit dem sich Literatur, Mystik, Wissenschaft und Kultur befassen. Kaum ein anderes Phänomen umkreist uns so beständig wie die Liebe. Sie beeinflusst Kulturen, beginnt Kriege und Tragödien, beschließt Frieden und verbindet Nationen. Wo die Liebe hinfällt gedeiht Glück oder Unglück, Zerstörung oder Harmonie, Leiden und Leidenschaften.
Nach neusten Ergebnissen des statistischen Bundesamtes steigt die Anzahl deutscher Single-Haushalte jährlich. 2018 waren es 17,3 Millionen, 2019 bereits 17,9 Millionen Alleinstehende in Deutschland. Darunter größtenteils junge Männer und ältere Frauen.
„Ich habe einfach das Gefühl wir stecken in einer Endlosschleife fest“, beschwert sich meine Freundin beim virtuellen Mädelsabend. Mit einem Glas Wein in der einen und das obligatorische Kippchen in der anderen Hand, ist die Liebe mit all ihren Dramen und Tragödien Gesprächsthema Nummer Eins. Gequatscht wird über kürzlich gelaufene Dates, explizite DMs (Direct Messages auf Social Media / meist von Fremden mit teilweise belästigenden Inhalten), beginnende Romanzen und tragische Liebschaften aus vergangener Zeit. Alles in allem sieht es in meinem engeren Freundeskreis in Sachen Liebe ziemlich mau aus: alle Single ohne nähere Aussicht auf etwas Bindendes. Dabei stehen wir mitten im Leben. Abgeschlossene Berufsausbildungen und Universitätsabschlüsse, solides Einkommen, ein gesundes Interesse an Politik, Kultur und Gesellschaft und genügend Humor, um über uns selbst lachen zu können. Das klingt nach ganz passablen Voraussetzungen. Doch so einfach ist das nicht. Wenn nicht gerade Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram und Co dazwischen funken und Unruhe stiften, steht da vor allem noch eine große Portion Unentschlossenheit im Raum. Was will ich eigentlich? Die Türen stehen offen, eine Heirat ist zwar ein schönes Gedankenspiel aber nicht mehr länger notwendig, um wirtschaftliche Sicherheit zu garantieren.
Die Liebe ist greifbarer als je zuvor und doch gelten Millennials (geb. 1981-1998) laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov 2019, als einsamste Generation. 30 Prozent der Befragten gaben an, sich oft/sehr oft einsam zu fühlen, ebenso viele hätten keinen besten Freund und 25 Prozent der Befragten gaben an, überhaupt keine Bekanntschaften zu haben. Doch wie passen soziale Netzwerke und Einsamkeit zusammen? Ziemlich gut, denn die amerikanische Psychologin Melissa G. Hunt stellte in einem Experiment fest, dass der reduzierte Konsum von Social-Media zu einem signifikanten Rückgang von Einsamkeit und Depression führen würde.
Die Frage nach dem „Warum“ stellt auch Eva Illouz in dem 2020 als Taschenbuch bei Suhrkamp erschienenen Buch „Warum Liebe endet / eine Soziologie negativer Beziehungen“. Die in Marokko geborene Soziologin erforscht in ihrer Arbeit die menschlichen Emotionen und erfasst den Zusammenhang zwischen moderner Konsum- und Medienkultur und Entwicklung emotionaler Muster. Neben Professuren in Frankreich, Deutschland, Amerika und Israel schrieb Eva Illouz in den vergangenen Jahren 12 Bücher, die in 18 Sprachen übersetzt wurden. In „Warum Liebe endet / eine Soziologie negativer Beziehungen“ erzählt Ilouz wissenschaftlich fundiert und sprachlich gekonnt von einer Generation des emotionalen Konsums. Getriggered durch Film, Fernseh, Literatur, Social-Media und Dating-Apps wachsen Generationen der Selbstinszenierung auf, die nach Perfektion und Unabhängigkeit streben.

Die Revolution der Liebe

In westlich geprägten Gesellschaften ist die Liebe heute ein Thema der Freiheit. Wir können unsere Partner*innen frei wählen. Geschlecht, Religion oder Herkunft spielen kaum eine Rolle und auch das Singleleben hat nur noch für wenige einen bitteren Beigeschmack.
Doch das war nicht immer so. Seit jeher ist unsere Liebe nicht nur die Geschichte einer wunderschönen Romanze, in deren Mittelpunkt die Anziehung zwischen zwei oder mehreren Menschen steht. Liebe ist und war schon immer ein Werkzeug der Politik und Wirtschaft. Nicht zuletzt bewegt sich die Liebe bis heute in einer religiösen Kosmologie, die im Laufe der vergangenen drei Jahrhunderte zwar an Einfluss verloren hat, aber Tradition und Sinnbild noch bis heute tief verankert sind.
Da wäre beispielsweise die Ehe zweier Menschen, welche zuerst einen religiösen Akt darstellt. Freie Trauungen sind zwar im Trend, Tradition und Brauch haben jedoch religiöse Vorbilder. Dazu gehört die Vorstellung der Mono- und Endogamie und die Erwartung, eine*n Partner*in fürs Leben und Lieben zu haben, „bis dass der Tod uns scheide“.
Im Ursprung des christlichen Glaubens steht die Liebe zu Gott. Nach und nach entwickelte sich die Liebe zum „zentralen Träger für die Herausbildung des emotionalen Individualismus“ (Illouz, 2020, S. 17), der seit Jahrhunderten Literatur, Kunst und Film prägt. Geschichten über zwei Liebende; eine Liebe, die nicht sein darf, eine Liebe, die befreit und Familienfehden übersteht oder auch an gesellschaftlichen Zwängen und zwischenmenschlichen Emotionen scheitert.
In einem Bestseller des 18. Jahrhunderts erzählt der Philosoph und Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau von einer Liebe gegen jede Vernunft. Zwei Menschen, deren Liebe nicht sein darf, denn sie verstößt gegen jede denkbare gesellschaftliche Tugend. Es geht um Leidenschaft und Hingabe, um den sprichwörtlich verbotenen Apfel, der zu einer fast magischen Anziehungskraft zwischen den Protagonisten führt. „Julie oder Die neue Héloïse“ ist die Geschichte einer romantisch-tragischen Liebesbeziehung und gehört bis heute zu den einflussreichsten Erzählungen der Weltliteratur. Im Mittelpunkt dieses Briefromans steht das Recht des Individuums auf eine frei bestimmte Gefühlswelt und der Wunsch nach Selbstbestimmung. Besonders wenn es darum geht, eine*n Lebenspartner*in auszuwählen.
Eva Illouz spricht von einer stillen Revolution der Liebe, vorangetrieben durch Romanautor*innen, Feminist*innen, Intellektuellen und „einfachen Männern und Frauen“ (Illouz, 2020, S. 17), die die Liebe zum Zentrum von Freiheit und Autonomie machten.
Frei wählen zu können, wen wir lieben und heiraten, bedeutet zugleich das Auflösen gesellschaftlicher Normen und Werte, die zuvor für stabile Familienbündnisse und politisch relevante Vermählungen sorgten. Somit ist die Autonomie der Liebe ein fundamentaler Baustein für den gesellschaftlichen Wandel, den wir seit dem 18./19. Jahrhundert erleben und der Ende der 1960er Jahre seinen Höhepunkt fand. „Die Geschichte der Liebe im Westen ist somit nicht nur ein Randmotiv im großen Fresko der historischen Entfaltung der Moderne“ (Illouz, 2020, S. 18), sondern hat direkten Einfluss auf wirtschaftliche und politische Verhältnisse genommen. Privatsphäre, der schwächelnde Einfluss der Kirche, Gesetze zum Schutz des Persönlichkeitsrechts und nicht zuletzt das Recht der Frau, selbstständig über ihren Körper entscheiden zu dürfen. Die Freiheit zu lieben und freie Liebe sind im Tonus nicht weit voneinander entfernt und spielen bis heute eine große gemeinsame Rolle. Denn bis in das Jahr 2020 kämpfen Männer* und Frauen* rund um den Globus für eine emotionale Autonomie des Subjekts, die die sexuelle Freiheit des Individuums mit einschließt und uns das Recht auf emotionale und körperliche Selbstbestimmung gibt.

Lieben und entlieben

Das Ende der Liebe und die Konsequenzen daraus sind in der Soziologie seit Jahrzehnten bedeutende Forschungsaspekte. Bereits 1893 kam der französische Soziologe und Ethnologe Émile Durkheim in der Studie „Der Selbstmord“ zu dem Ergebnis, dass sich soziale Bindungen zunehmend auflösen. Eva Illouz führt diese Entwicklung unter anderem auf Globalisierungsprozesse und die daraus resultierende Ausbreitung sozialer Netzwerke zurück. Dabei deckt sie auf, dass „der Zusammenbruch der sozialen Beziehungen und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes – nicht in erster Linie in Gestalt von Entfremdung oder Einsamkeit“ (Illouz, 2020, S. 12) auftritt. Vielmehr erkennt die Soziologin einen „permanenten Prozess des Knüpfens und Lösens sozialer Bindungen“ (Illouz, 2020, S. 13), der in engem Zusammenhang mit dem starken Wachstum sozialer Netzwerke steht. Dabei scheint es nicht von zentraler Bedeutung zu sein, ob diese Netzwerke virtueller oder realer Natur sind. Dahinter steht eine „ökonomische Beratungs- und Lebenshilfemaschinerie“ (Illouz, 2020, S. 12), Konsum- und Beratungsmächte, die aus der Liebe ein Geschäft machen. Selbsthilfebranchen, Literatur und Coachings zur persönlichen Weiterentwicklung, Talkshows, Porno- und Sexspielzeug­industrien, Dating-Apps und soziale Netzwerke.
Es geht also um Geld, um viel Geld. Nach Angaben der Match Group, zu der unter anderem die populäre Dating-App Tinder gehört, schrieb das Unternehmen im Jahr 2019 einen Umsatz von 1,2 Milliarden US-Dollar. Ein Anstieg von rund 347 Millionen US-Dollar im Vergleich zu 2018. Auch in diesem Jahr wird das weltweit agierende Unternehmen weitere Gewinne verzeichnen, denn Dating-Apps und soziale Medien sind populärer denn je.
In Zeiten von Corona, in denen Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, geschlossene Bars und Diskotheken das Knüpfen sozialer Kontakte noch einmal mehr erschwert haben, meldet Tinder am 29. März 2020 einen neuen Rekord: Die Plattform registrierte drei Milliarden Swipes an einem einzigen Tag. Ein Swipe ist eine Entscheidung, bei der es um alles geht. Daumen hoch oder Daumen runter, gefällt er/sie/* mir oder nicht. Binnen Sekunden entscheiden wir anhand von Bildern und einer lächerlichen Anzahl an Worten in der Profilbeschreibung, ob wir eine Person kennenlernen möchten oder eben nicht. Ein Swipe = Ja oder Nein.
An einem Tag werden mehr als drei Milliarden Jas oder Neins verteilt. Eine unendliche Auswahl an Profilen, bei denen wir nicht erst langen Smalltalk halten und erste Schüchternheit überwinden müssen. Die Person bekommt unsere Zurückweisung in der Regel nicht einmal mit. Unangenehmen Gesprächssituationen wird aus dem Weg gegangen, soziale Konflikte werden gemieden. Diese neue „wechselseitige Durchdringung von Kapitalismus, Sexualität, Geschlechterverhältnissen und Technologie“ (Illouz, 2020, S. 13) eröffnet ein Universum an sozialen und globalen Möglichkeiten, in erster Linie produziert sie aber „eine neue Form von (Nicht)-Sozialität“ (Illouz, 2020, S. 13), die eine gesamte Generation prägt und unsere Kommunikation erheblich beeinflusst.
„Die Wahl, nicht zu wählen“ (Illouz, 2020, S. 44) steht im Zentrum des Subjekts einer digitalen Moderne, in der Freund- und Liebschaften durch das Entliken und Entfolgen auf Social-Media-Plattformen beeinflusst und sogar beendet werden. Damit sind das Knüpfen und Lösen von sozialen Kontakten und Liebesbeziehungen nur noch einen Klick weit entfernt.

Emotionale und sexuelle Verträge

Der Soziologe Anthony Giddens befasst sich in seiner Arbeit mit den Wesenszügen unserer emotionalen Moderne. Im Mittelpunkt der emotionalen Moderne steht die körperliche Intimität zweier oder mehrerer Menschen, die als Ausdruck einer ultimativen Freiheit in Sachen Liebe gesehen wird. Denn das Recht auf freien Zugang zu körperlicher Intimität ist zeitgleich die Loslösung alter Zwänge, beginnend bei religiösen Bezugssystemen (Sexualität gleich Sünde), kulturellen Traditionen (welche standesgemäßen Grundvoraussetzungen muss die Beziehung zweier Menschen erfüllen, damit körperliche Intimität nicht mehr sündhaft sondern akzeptiert ist) und die Loslösung der Ehe als eine gesellschaftliche Institution, die auch wirtschaftliches Überleben bedeutet (bis heute haben Eheleute steuerliche Vorteile; Partner*innen die ebenso lange Beziehungen führen aber nicht verheiratet sind, genießen diese wirtschaftlichen Vorzüge nur dann, wenn die Partnerschaft offiziell eingetragen ist).
Während Intimität noch bis in die 1960er Jahre hinein das Eingehen eines bindenden Vertrages bedeutete, ist das Subjekt heute vollkommen losgelöst von kulturellen Verpflichtungen, an die sexuelle Begegnungen früher geknüpft waren. Keine Beziehung, keine Verlobung – wenn Zeitdruck herrscht, wird sogar das obligatorische Kennlern-Date übersprungen. Keine Mühen, keine Kosten, keine Verpflichtungen. Schnell, effizient und vor allem eins: nicht bindend. Wie ein Handyvertrag, der monatlich kündbar ist, suchen wir heute die Liebe ohne Verpflichtung und emotionale Bindung. Eva Illouz beschreibt diesen Zustand als „bedrückend ungreifbar“ (Illouz, 2020, S. 21).
Sexuelle Freiheit sei institutionalisiert worden. Nicht zuletzt durch eine stetig wachsende Konsumkultur und das Eingreifen von Technologien in unseren Alltag wurde „jegliche Gewissheit über die Substanz, den Rahmen und das Ziel sexueller und emotionaler Verträge grundlegend erschüttert“ (Illouz, 2020, S. 21).
Die emotionale Moderne definiert bislang keine genaue Form einer Beziehung und setzt keine Rahmenbedingungen voraus, in denen Intimität und emotionale Bindung eine gemeinsame Rolle spielen müssen. Diese fehlenden sozialen Drehbücher führen in Sachen Liebe zu einem gefährlichen Ergebnis: Desorientierung. Die vorherrschende strukturelle Ungewissheit macht es den Akteur*innen Amors ungemein schwer, zwischen sexueller und emotionaler Freiheit zu unterscheiden und eine gemeinsame Quintessenz zu finden, in der weder das Individuum seine Freiheit aufgeben noch auf Liebe selbst verzichten muss.
Im Kontext dessen sind es vor allem Frauen, die Orientierungslosigkeit beschreiben, wenn es darum geht, berufliche und emotionale Zukunftsperspektiven zu vereinen. Darf ich mir als Feministin eine traditionelle Ehe überhaupt wünschen? Muss ich zwangsläufig Karriere über private Sesshaftigkeit stellen, um dem Bild einer modernen Frau gerecht zu werden? Und wie soll ich Kindern, Karriere, Partner*in und mir selbst genügen? Seit Jahrzehnten kämpfen unsere Großmütter und Mütter für die Befreiung der weiblichen Sexualität und die Überwindung des Patriarchats, das übrigens nicht nur Frauen gefährliche Grenzen aufzwingt. Doch die Befreiung der weiblichen Sexualität hat Frauen unserer Gegenwart „in eine zwiespältige Situation [gebracht], in der sie durch ihre Sexualität zugleich ermächtigt und herabgesetzt werden“ (Illouz, 2020, S. 34). Eva Illouz benennt die Digitalisierung und Konsumkultur des 21. Jahrhunderts als zentrale Machtfelder, die die sexuelle Befreiung der Frau auf der einen Seite begünstigt haben, auf der anderen Seite würden Wirtschaft und Technologie noch immer einem patriarchalen System unterstehen, das klischeehafte Rollenbilder begünstigt und es Akteur*innen erschwert einen emotionalen Vertrag aufzusetzen.

Japan – zwischen Sehnsucht und Distanz 

Liebespaar und Fächer
Foto: Galerie Japankunst & Kunstantiquariat Monika Schmidt – München

Die Dokumentarreihe „Sex und Liebe in aller Welt“, zu sehen auf Netflix und moderiert von der britisch-iranischen Journalistin Christiane Amanpour, gibt Einblick in den Kosmos Liebe. Von Indien bis China, dem Libanon und Ghana bis nach Deutschland entdecken Zuschauer*innen gemeinsam mit der etablierten CNN-Journalistin den Einfluss von Kultur auf Liebe, Sexualität und Partnerschaft.
In Folge 1 reist die Reporterin in die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt: Japan. Doch zwischen all dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt entscheiden sich heute immer mehr Japaner*innen bewusst dazu, Single zu bleiben. Das Ergebnis: die Geburtenrate sinkt seit Jahren dramatisch. Mehr als 20 Prozent der japanischen Bevölkerung sind über 65 Jahre alt, nach Prognosen soll bis 2030 jeder Dritte über 65 und jeder Fünfte über 75 Jahre alt sein. Bereits heute lassen sich die Konsequenzen einer über-technologisierten Moderne auf die Emotionalität des Menschen im Beispiel Japans beobachten.
„In der Öffentlichkeit küssen mein Mann und ich uns kaum. Wir halten uns nicht an der Hand oder legen den Arm um. Das passiert fast nie. In äußerst seltenen Fällen halten wir uns an der Hand. Doch das mag ich nicht besonders“, erzählt eine verheiratete Japanerin, Anfang 30, im Interview mit Amanpour. „Ich küsse meinen Mann nur, wenn wir Sex haben. Ob es mir gefällt? Nicht sehr.“ Durch den alltäglichen Mangel an Zärtlichkeit ist Intimität in Japan zu einem Geschäft geworden. Zahlreiche Stundenhotels in Tokio bieten einen Ort für gemeinsame Stunden. Zimmer und sogenannte „Gesundheitshelfer*innen“ können gebucht werden. Nicht selten sind es verheiratete Frauen, die diesen Beruf im geheimen ausführen, um, nach eigenen Aussagen, fehlende Intimität und Bestätigung zu finden.
Für die moderne Geschäftsfrau bieten Host-Clubs das beliebte „Boyfriend-Erlebnis“ an. Dabei geht es weniger um sexuelle Dienstleistungen. Viel mehr werden Zuneigung, Aufmerksamkeit, Interesse und emotionale Zuwendung angeboten. Diese Dienstleistung ermöglicht es Frauen in Japan eine Seite von sich selbst zu offenbaren, die sonst durch gesellschaftliche Ablehnung verborgen bleibt: Emotionalität. Gespräche, Händchen halten, Umarmungen und die 100-prozentige Aufmerksamkeit des Gegenübers sind Teil des „Boyfriend-Erlebnis“. Einer der „Boyfriends“ berichtet im Interview, dass Kund*innen im Monat bis zu zehn Millionen Yen, ungefähr 81.000 Euro, für diese Art der emotionalen Dienstleistung ausgeben. Er selbst würde auch emotional von der Dienstleistung profitieren, da er diese Form der intimen Nähe, durch zarte Berührung und intensive Gespräche, erst durch diesen Beruf erfahren habe.
Wissenschaftler*innen sehen die Anfänge mangelnder Intimität in der japanischen Erziehung. Durch das Nicht-erlernen körperlicher Intimität durch die Eltern empfinden Japaner*innen die Nähe eines anderen Menschen oft als unangenehm. „Ich liebe dich“ oder auf japanisch „Aishiteru“ ist kein Satz, der allzu oft fällt. Selbstverständliche Gesten der romantischen Berührung, wie die Hand des Partners zu halten, sind selten.Die Erziehung in Japan ist also deutlich an distanzierte Regeln geknüpft. Umarmungen, Küsse oder andere Gesten der emotionalen Zuneigung werden unter Eltern und Kind selten ausgetauscht.
Diese Entwicklung wirkt umso erstaunlicher, wirft man einen Blick auf die Kunstform Shunga. Bei Shunga handelt es sich um japanische Erotikkunst aus dem 17. Jahrhundert. Historiker*innen nach war die Edo-Zeit in Japan vom 17. bis 19 Jahrhundert für ihre sexuelle Befreiung bekannt. Sexualität galt in Japan also für lange Zeit als ein natürlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinanders. Es war nicht unüblich, dass Polyamorie einer monogamen Beziehung vorgezogen wurde. Sexuelle Befriedigung und emotionale Intimität waren, im Gegensatz zu heute, kein Tabuthema. Kunstwerke aus dem Genre Shunga wurden z.B. Töchter vor der Hochzeitsnacht geschenkt und stellten eine Art Sexualanleitung dar; gleichzeitig diente Shunga auch zur Unterhaltung und das durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch.
Erst als Japan seine Märkte Mitte des 19. Jahrhunderts öffnete, änderte sich das gesellschaftliche Verhältnis zu Sexualität und Intimität. Im Hinblick auf das damals vorherrschende Viktorianische Zeitalter, galt Shunga nach westlichen Standards als unangemessen. Mit Anbeginn der Meiji-Periode wurde die Kunstform Shunga verboten und sogar in privaten Haushalten konfisziert. Eine verlorene Kunstform, die bei einem Blick auf Studienergebnisse der Universität zu Tokio unvorstellbar wirkt: Mehr als 40 Prozent der Japaner zwischen 18 und 34 Jahren sind noch „Jungfrau“ und jeder zehnte Mann über 35 hat noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt.

Liebeslosigkeit für die Freiheit

Zwar ist das Sexualverhalten in Deutschland weitaus regsamer als in Japan, doch wenn es um Bindungen geht, entscheiden sich auch hier zu Lande immer mehr Personen für ein Singledasein. Die Frage nach dem „Warum“ versucht Eva Illouz zu beantworten: „Weil man zu verwirrt oder zwiespältig ist, um zu begehren; weil man so viele Erfahrungen sammeln möchte, dass die Wahl ihre emotionale und kognitive Bedeutung verliert; weil man reihenweise Beziehungen beendet und zerstört, um so das Selbst und seine Autonomie zu behaupten. (…) Liebeslosigkeit ist also gleichzeitig eine Form von Subjektivität“ (Illouz, 2020, S. 35).

Eva Illouz, „Warum Liebe endet /Eine Soziologie negativer Beziehungen“, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2020

 

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