Kopfkino auf Touren bringen…

Freiburger Figurentheatertage im Vorderhaus: überbordend kreativ und handwerklich perfekt.

loake Singapurs? Einen Dorfbrand en miniature, bei dem sich leuchtendrote Zottelhaare über eine Holzkiste ergießen? Eine Ente, die dem Tod das Gründeln zeigt? – All das und vieles mehr gab es jetzt bei den vierten Freiburger Figurentheatertage im Vorderhaus zu sehen. Fünf Tage lang präsentierten bekannte Ensembles aus ganz Deutschland ihre Produktionen für große und kleine Leute – und zeigten dabei nicht nur überbordende Kreativität, sondern auch große handwerkliche Perfektion.

Dabei waren auch komplexe Literatur- Adaptionen wie das Ein- Mann- Stück „Schlafes Bruder“ nach dem Bestseller von Robert Schneider (Regie: Pit Holzwarth, Renato Grünig). So verortet Detlef Heinichen vom Theatrium Dresden dieses ebenso fesselnde wie verstörende Dorfdrama in ein mittelalterliches Beinhaus samt Triptychon aus klapprigen Holzkästen, wobei er als weißgeschminkter Nachfahre die Geschichte von hinten aufrollt und mit rund zwanzig schauerlich-expressiven Tischfiguren (Matthias Hänsel) in rasanten Wechseln in Szene setzt. Station für Station wird so über zwei Stunden lang das Leben des verkannten Musik-Genies Elias in einer klaustrophobisch – engen Welt aus Inzucht, Gewalt und Aberglaube erzählt. Das ist streckenweise von so beklemmender Dichte, dass man sich bei aller Bewunderung für die Raffinesse dieser Inszenierung doch zunehmend von Tempo, Textfülle und Atmosphäre erschlagen fühlt, zumal der Lichtblick Musik fast außen vor bleibt. Und doch schwingt diese Inszenierung noch lange in einem nach, so grandios sind ihre Bilder.
Dass sich auch philosophische Stoffe kindgerecht auf eine Bühne bringen lassen, bewiesen die Berliner Figurenspieler Martina Couturier und Heiki Ikkola mit ihrem preisgekrönten Stück „Ente, Tod und Tulpe“. Fantastisch, wie die beiden den Bilderbuchklassiker von Wolf Erlbruch zum Leben erwecken und dabei nicht nur ganz nah an der Vorlage bleiben, sondern auch ganz neue Bilder schaffen: Da gibt es in blaues Licht getauchte Unterwasserszenen, Lieder, Live-Musik und Schattenspiel – und am Ende sogar eine Dia- Show: Ente in den Bergen, am Eiffelturm und schließlich in der Brandung des Meeres…
Die Mittel sind so reduziert wie wirkungsvoll: Mit zwei Handpuppen, einer Mischung aus Figuren- und Schauspiel und viel Live-Musik (Marie Elsa Drelon) wird hier umwerfend komisch, dann zunehmend poetisch und schließlich zum Heulen schön erzählt, dass der Tod zum Leben gehört… (Regie: Jörg Lehmann).
Eine turbulente Odyssee in Sachen Objekttheater zeigte Erfreuliches Theater Erfurt mit seiner „Reise zum Mittelpunkt der Welt“ frei nach Jules Verne. So ist das Metallbett der beiden schrulligen Forscher (Ronald Mernitz, Tilo Müller) mal unbekannter Planet, Tiefsee oder Mount Everest, während Waschmaschinentrommel und Sonnenschirm als wandelbares Equipment auf ihrer unglaublichen Expedition fungieren… Vielschichtige Welten in vielfältigen Darstellungsformen – Figurentheater kann vieles. Vor allem aber das Kopfkino auf Touren bringen…
Marion Klötzer

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