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Interview | Juni 2019 | von Fabian Lutz

Im Gespräch: Journalist Stefan Mey über das Darknet

Ein Gegenmodell zum Internet

Das Darknet, der dunkle Bruder des Internets, bietet NutzerInnen Anonymität. Gleichermaßen florieren illegale Aktivitäten. Der Berliner Journalist Stefan Mey hat sich intensiv mit dem verborgenen Netz auseinandergesetzt und erklärt im Interview, was Mythos ist, was Wahrheit und wie einfach man selbst dorthin gelangt.

© Ralf Rühmeier

Der Berliner Journalist Stefan Mey hat sich für sein Buch “Dark Net – Waffen, Drogen, Whistleblower” intensiv mit dem Darknet beschäftigt.

Kultur Joker: „Darknet“ klingt nach einem dunklen, gefährlichen Ort. Ein Mythos?

Stefan Mey: Das Darknet ist insofern dunkel, als es neugierige Blicke aussperrt. Gefährlich ist es also für Diktaturen, da Bürger über dessen Anonymisierungstechnologie Zensur und Überwachung umgehen können. Gefährlich ist es auch für staatliche Drogenkontrollregime, da man über das Darknet deutlich leichter an Drogen herankommt. Und dann geschehen dort auch besonders verbrecherische Dinge, etwa der Tausch von Kinderpornografie.

Kultur Joker: Das Darknet scheint viele Interessengruppen zu bedienen. Kann auch jeder auf das Darknet zugreifen?

Stefan Mey: Ja. Es ist sehr einfach, das Darknet zu betreten. Man lädt zunächst den kostenlosen und legalen Tor-Browser herunter. Über den Tor-Browser besucht man Websites nicht direkt, sondern über drei Ecken, sogenannte Tor-Knoten. Damit können Websites nicht mehr auf die IP-Adresse des eigenen Computers zugreifen, man bleibt unsichtbar. Mit dem Tor-Browser kann man zum einen anonym im offenen Internet surfen, kann aber auch das Darknet besuchen. Die Seiten des Darknets sind ganz normale Websites, die über bestimmte, komplizierte Darknet-Adressen abrufbar sind. Über Links navigiert man zu den verschiedenen Seiten.

Kultur Joker: Das Betreten des Darknets ist grundsätzlich also nicht strafbar?

Stefan Mey: In westlichen Demokratien ist die Nutzung des Tor-Browsers im offenen Internet und Darknet nicht strafbar. In autoritär regierten Ländern hingegen kann man allein für die Nutzung des Tor-Browsers Haftstrafen erhalten. Wenn dort der Datenverkehr eines Nutzers ausgelesen und dabei der Download eines Tor-Browsers entdeckt wird, ist das bereits ein Straftatbestand. Bei uns ist das zum Glück nicht so und ich hoffe auch, dass es so bleibt.

Kultur Joker: Das Darknet kann das Recht auf Privatsphäre und der freien Meinungsäußerung schützen. Wie steht es um die politische Nutzung?

Stefan Mey: Die politische Nutzung des Darknets steckt noch in den Kinderschuhen. Mittlerweile haben aber viele Medien wie die Süddeutsche, die taz, der Guardian oder die New York Times im Darknet Postfächer für Whistleblower eingerichtet. Dadurch wird Whistleblowern ein hoher Grad an Anonymität ermöglicht. Es ist sehr wichtig, dass man als Medium Whistleblower ermuntert, Herrschaftswissen zu teilen und sie auch schützt. Dann haben verschiedene linke Kollektive das Darknet für sich entdeckt. Netzwerke wie Indymedia oder Riseup haben ihre Webauftritte sowohl im offenen Internet als auch im Darknet. Nutzer der Websites werden so vor staatlicher Überwachung geschützt. Beim Thema politisches Darknet spielte Freiburg vor einiger Zeit übrigens eine prominente Rolle.

Kultur Joker: Dieses Freiburg?

Stefan Mey: Ja. Es gab zwei regionale deutsche Indymedia-Ausgaben, darunter auch die Plattform linksunten, hinter der nach Meinung der Behörden Aktivisten in Freiburg steckten. Im Nachklang der G20-Krawalle und vor der Bundestagswahl wurde linksunten über das Vereinsgesetz verboten und Räumlichkeiten in Freiburg durchsucht. Im Verbotsantrag wurden die normale Adresse sowie die Darknetadresse von linksunten genannt. Das war meines Wissens nach das erste Mal, dass eine explizit linke Darknet-Seite verboten wurde.

Kultur Joker: Kann man im Darknet tatsächlich Drogen kaufen oder ist das nur ein Mythos?

Stefan Mey: Drogenkauf im Darknet ist definitiv kein Mythos, sondern die prominenteste Nutzung. Im Darknet gibt es große Marktplätze, die Websites wie Amazon oder Zalando sehr ähneln. Dort gibt es Händler, Kunden und verschiedene Waren: Drogen, verschreibungspflichtige Medikamente, gefälschte Pässe, Falschgeld, gehackte Daten und teilweise auch Waffen. Man weiß aber, dass diese Marktplätze vor allem zum Kauf und Verkauf von Drogen genutzt werden, darunter vor allem die üblich verdächtigen Drogen Cannabis, Kokain, Ecstasy.

Kultur Joker: Waffen sind also auch zu erwerben. In den deutschen Medien ist das Thema Darknet unter anderem auch deshalb so groß geworden.

Stefan Mey: Zum Waffenkauf im Darknet gab es in Deutschland eine große Diskussion. Der rechtsradikale Täter des Anschlags in München 2016 hatte seinen Waffenhändler über ein Gesprächsforum im Darknet kontaktiert. Er hat die Waffe also nicht auf einem Marktplatz erworben. Während der Drogenhandel im Darknet sicher noch zunehmen und die Art des Drogenhandels überhaupt verändern wird, verhält es sich bei den Waffen nicht so. Die meisten Käufer sind Liebhaber, die aus Sammlergründen einen bestimmten Waffentyp suchen. Leute wie die Hell’s Angels haben dafür meines Wissens nach immer noch ihre eigenen Kanäle.

Kultur Joker: Eine weitere Problematik, die Sie angesprochen haben, ist der Tausch von Kinderpornografie. Profitieren speziell solche Nutzer nicht auch von der Technologie des Darknets?

Stefan Mey: Ja, das ist ein ernstzunehmendes Problem. Dieser Tausch findet aber nicht auf den Marktplätzen statt. Es gibt im Darknet eine Art Untergrundmoral. Gesetze zählen zwar nicht viel, aber es gibt ethische Grenzziehungen. Wer auf den einschlägigen Marktplätzen nach Kinderpornografie fragen oder diese zum Handel stellen würde, würde schnell vom Marktplatz fliegen oder gehackt werden. Im Darknet gibt es aber auch nach außen abgeriegelte Foren, auf denen grauenhafte Bilder und Videos hochgeladen und getauscht werden. Vor zwei Jahren gelang es der Polizei das größte Forum für Kinderpornografie im Darknet mit dem zynischen Namen „Elysium“ lahmzulegen. Das hatte über 100.000 Nutzer. Solche großen Communities gab es meines Wissens zuvor nicht. Die Ermittler sind sich aber einig, dass der Tausch von Kinderpornografie nicht durch das Darknet, sondern allgemein durch die Internettechnologie intensiviert wurde. Kinderpornografie im Darknet bleibt aber ein großes Problem. Ich wünsche mir, dass sich die Leute, die solche Verschlüsslungstechnologien entwickeln, auch stärker mit diesen problematischen Folgen auseinandersetzen.

Kultur Joker: Wie sind Sie zum Thema Darknet gekommen?

Stefan Mey: Ich bin freier Technologie-Journalist und habe lange Zeit über alle möglichen Digital-Themen geschrieben. Irgendwann habe ich das Darknet als Thema entdeckt und schnell gemerkt, dass das Darknet für einen freien Journalisten ein sehr spannendes, weil widersprüchliches Thema ist, zu dem es wenig Wissen, aber viele Mythen gibt. Dazu kommt eine interessante Schnittmenge zwischen Technologie und Politik. Das Darknet ist ja eine Art digitales Gegenmodell zum Internet. Das Internet ist auf eine beängstigende Art überwachbar geworden. Im Darknet ist Anonymität hingegen eine Grundeinstellung.

Kultur Joker: Haben Sie durch Ihre Recherchen zum Darknet einen pragmatischeren Zugang zum Thema erhalten? Für viele ist das Darknet ja noch immer dieser mythenumwehte, dunkle Ort.

Stefan Mey: Zu Beginn hatte ich das typische Bild vom Darknet, also, dass es schwierig ist, dort hineinzukommen und dass es dort sehr gefährlich ist. Das hat mich lange Zeit auch davon abgehalten, mich trotz grundsätzlichem Interesse mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Angst habe ich mittlerweile abgelegt, ebenso den Glauben an diverse Mythen. Viele denken zum Beispiel, dass das Darknet ein sehr großer Ort sei, an dem alles möglich wäre. Eigentlich ist das Darknet aber sehr klein. Es gibt vielleicht 100.000 Darknet-Seiten. Zum Vergleich: Alleine über die deutsche Internetendung .de sind mehr als 16 Millionen Adressen abrufbar. Pro Tag nutzen nicht mehr als 60.000 Menschen weltweit das Darknet. Alleine auf Facebook sind mehr als eine Milliarde Nutzer täglich online.

Kultur Joker: Aktuell wird in der Politik ein Gesetzesentwurf diskutiert, in dessen Rahmen jene Menschen bestraft werden könnten, die Infrastruktur im Darknet bereitstellen. Könnten so Verbrechen verhindert werden?

Stefan Mey: Aus juristischer Perspektive gibt es meines Wissens nach den Konsens, dass es eigentlich keine Strafbarkeitslücke für Darknetnutzer gibt. Betreiber von kinderpornografischen Foren im Darknet kann man ebenso strafrechtlich belangen wie Betreiber von Drogenhandelsplätzen, weil auf beiden Plattformen eindeutig Straftaten geschehen. In vielen Fällen hat sich gezeigt, dass das deutsche Recht im Darknet gut greifen kann. Das Forum in dem der Amokläufer von München seinen Waffenhändler kontaktiert hatte, war auf den ersten Blick ein eher harmloses anarchistisches Gesprächsforum. Der Betreiber des Forums wurde bei den Ermittlungen dann auch festgenommen und verurteilt, obwohl durchaus die Frage im Raum stand, ob er für die Geschehnisse in seinem Forum überhaupt haftbar gemacht werden kann. Es gibt also weniger eine Strafbarkeitslücke als ein allgemeines Misstrauen gegenüber dem Bedürfnis, seine Privatsphäre zu schützen, was ich rechtsstaatlich sehr problematisch finde. Ich hoffe jedenfalls, dass aus einem solchen Gesetzesentwurf nichts wird.

Kultur Joker: Wieder die Frage, wo die Grenze des Verbrecherischen verläuft.

Stefan Mey: Ich versuche, zwischen den Begriffen verbrecherisch und illegal zu unterscheiden. Eine Menge der Dinge, die im Darknet passieren, sind illegal, aber mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Der Rauschmittelhandel zum Beispiel ist in den meisten Ländern illegal, jedoch gibt es darüber eine gesellschaftliche Diskussion. Ist ein Student wirklich ein Verbrecher, wenn er sich fünf Gramm Cannabis kauft? Und ist derjenige, der ihm das verkauft ein Verbrecher? Der Tausch von Kinderpornografie ist illegal und da gibt es den gesellschaftlichen Konsens, dass das verbrecherisch ist und vielleicht sogar noch schärfer bestraft werden sollte. Und dann gibt es die Aktivitäten von Whistleblowern, die Dokumente über Missstände an Medien geben. Was die machen, gilt gemeinhin als sozial erwünscht, ist aber auch oft illegal. Zu den Drogenmarktplätzen gibt es übrigens auch fachwissenschaftlich differenzierte Betrachtungsweisen. Ein Risiko ist natürlich, dass die Zugangsschranke sinkt, man Drogen also in unbegrenzter Menge erhalten kann. Das gilt auch für Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig gibt es aber auch Chancen.

Kultur Joker: Welche Chancen sind das?

Stefan Mey: Der Drogenkonsumhandel wird in gewisser Weise sicherer, da es keinen persönlichen Kontakt zu kriminellen Milieus gibt. Auch lässt sich die Gefahr minimieren, gefährlich gestreckte oder verunreinigte Drogen zu erhalten. Auf den einschlägigen Marktplätzen gibt es ein Bewertungssystem, wie wir es auch vom legalen Onlinehandel kennen. So werden Händler diszipliniert, Käufer nicht über den Tisch zu ziehen. Am Beispiel der Drogen zeigt sich auch: Gegen den Drogenhandel kommt man politisch nicht an, egal, was man versucht. Die Leute konsumieren weiterhin.

Kultur Joker: Können Sie ausgehend vom Beispiel Drogen skizzieren, wie ein sinnvoller politischer Umgang mit dem Darknet aussehen könnte?

Stefan Mey: Die spannende Frage lautet ja: Wie kann ein Umgang mit Drogen aussehen, der Leute nicht unnötig kriminalisiert und die Gesellschaft gleichzeitig vor schädlichen Auswirkungen des Drogenkonsums schützt? Die Politik könnte hier zusammen mit der Wissenschaft einen adäquaten Umgang suchen. Und im Kampf gegen Kinderpornografie ist die Polizei im Darknet zumindest nicht völlig machtlos, auch wenn der Missbrauch der Darknet-Anonymität für solche Zwecke ein großes Problem bleibt, für das ich leider selbst keine Lösung habe. Ich fände es aber in jedem Fall politisch falsch, die Darknet-Technologie an sich zu verbieten. Die Gefahr, die von der umfassenden Überwachung des offenen Internets ausgeht, ist so groß, dass die Existenz eines Darknet absolut notwendig bleibt.

Kultur Joker: Herr Mey, vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur weiteren Lektüre

© Verlag C.H.Beck

Stefan Meys Abhandlung zum Komplex „Darknet“ kennt die Utopien, die Schreckszenarien, vor allem aber realistische Antworten. In sachlichem Ton und mithilfe diverser Quellen setzt sich sein Sachbuch sorgfältig mit den diversen Aspekten des Darknets auseinander. In klar getrennten Kapiteln werden illegale Marktplätze, Waffen, Terrorismus und Kinderpornografie, aber auch politischer Aktivismus in klare Konturen gefasst.

Auch technische Aspekte verschweigt Mey nicht, sind sie doch die Grundlage dessen, was das Darknet letztlich ausmacht. Während auch Technikfreunde über die kontroverse Entstehungsgeschichte des Darknets noch Spannendes erfahren können, bleiben die technischen Exkurse auch für Laien greifbar. Man lernt: Dem Darknet liegt eine vielleicht nicht greifbare, aber mitnichten vollkommen intransparente Technologie zugrunde. Auch dahinter stehen Menschen und jeder Mensch kann das Darkent auch ohne Probleme nutzen. Die Nutzung macht für Mey schließlich auch die Zukunft des Darknets aus.

Reizvoll ist sein abschließender Ausblick auf verschiedene Zukunftsszenarien des Darknets. Wird das System zur Nische für Aktivisten? Entdecken multinationale Konzerne wie Google sein Potential? Oder kann uns die Anonymisierungstechnologie eine neue Gesellschaftsform ermöglichen, die jenseits von totalitärer Überwachungstechnologie demokratische Strukturen etabliert? Es bleibt kein Geheimnis, dass Mey letzteres befürwortet.

Stefan Mey, Darknet. Waffen, Drogen, Whistleblower, C.H. Beck 2018.