Im Gespräch: Berndt Hinzmann, Fachreferent der Kampagne für Saubere Kleidung beim INKOTA Netzwerk e.V.

Berndt Hinzmann ist Fachreferent in der Kampagne für Saubere Kleidung beim INKOTA Netzwerk e.V. in Berlin und ist Mitglied im Steuerungskreis des Bündnisses für nachhaltige Textilien. Zum Anlass der Fashion Revolution Week 2021 sprach Danny Schmidt mit ihm über die fatalen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie in Textilproduktionsländern, Lösungs- und Handelsansätze sowie über die Verantwortung der Verbraucher*innen.

Kultur Joker: Der Einsturz des achtstöckigen Fabrikkomplexes Rana Plaza in Bangladesch, bei dem über 1000 Menschen ums Leben kamen, jährt sich am 24. April zum achten Mal. Die problematischen Produktionsbedingungen der globalen Textilindustrie waren allerdings davor schon kein Geheimnis, jedoch hat das Unglück – zumindest kurzfristig – die Aufmerksamkeit gegenüber den zahlreichen humanitären und ökologischen Missständen verstärkt. Was ist seitdem passiert?

Berndt Hinzmann: Die strukturellen Missstände, auch u.a. was Gebäudesicherheit betrifft, waren lange vor Rana Plaza in Bangladesch oder dem Brand der Textilfabrik Ali Enterprises in Pakistan bekannt, aber leider musste diese Katastrophe passieren. Es ist mehr als tragisch und erschreckend, welches Leid durch Nachlässigkeit entstanden ist. Dennoch waren die Ereignisse ein Fanal, das öffentliche Aufmerksamtkeit und Handlungsdruck bei Unternehmen, aber vor allem bei der Politik, mit sich gebracht hat. In der Folge der öffentlichen Proteste, des Campaigning der Clean Clothes Campaign, der Medienaufmerksamkeit, und der in diesem Kontext entstandenen UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte konnten Verantwortung und Sorgfaltspflicht von Unternehmen und Politik seitdem nicht mehr totgeschwiegen werden. Neben der Verantwortung der jeweiligen Staaten ist die Verantwortung der global einkaufenden Unternehmen deutlicher in den Fokus gerückt und dadurch war es möglich, dass international verbindliche Abkommen wie der ACCORD für Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch geschlossen wurden oder ein spezielles Abkommen für Gebäudesicherheit in Pakistan und vor allem: dass die Opfer entschädigt wurden. Dazu war viel öffentlicher Druck und schlussendlich auch politisches Handeln notwendig.
Gleichzeitig konnten die lange überfälligen strukturellen Veränderungen ebenfalls als Fokus in der öffentlichen Debatte um Menschenrechte bei der Arbeit und Sorgfaltspflichten gesetzt werden. Die gesamte Diskussion um Fast Fashion, welche Verantwortung die Modeindustrie hat, wie nachhaltige Mode aussehen muss, bekamen einen stärkeren Akzent und mehr Dynamik, kurz gesagt: Die tragischen Katastrophen beeinflussen in Europa und in Deutschland Initiativen wie das Textilbündnis, Initiativen für ein Lieferkettengesetz und was politisch getan werden muss, damit Unternehmen Verantwortung und Sorgfaltspflichten ernst nehmen und wie vor diesem Hintergrund ein Lieferkettengesetz gestalten sein muss, dass im Juni 2021 noch verabschiedet werden soll.

Kultur Joker: Und was muss aus Ihrer Perspektive noch passieren?

Berndt Hinzmann: Es ist ziemlich deutlich, dass das Zeitalter von freiwilligen Initiativen lange schon zu Ende ist und dass wir gesetzliche Rahmenbedingungen brauchen, wie zum Beispiel das neue Lieferkettengesetz, das in seiner momentanen Lesung zwar noch verbesserungsfähig ist, aber im Vergleich zu bestehenden Gesetzen, u.a. in Frankreich, viel stärker an den Sorgfaltspflichten für Menschenrechte innerhalb der Lieferkette ausgerichtet ist. Es ist zudem wichtig, dass viel stärker die Prävention beinhaltet sein muss, sodass Unternehmen Risiken, die durch ihre Einkaufspraktiken entstehen, im Vorhinein erkennen und diese abstellen, den strukturellen Mißständen entgegen wirken – nicht bloß davon wissen. Es sind zweifellos gute Elemente in diesem Gesetz vorhanden, aber die müssen ausgebaut werden, so dass keine Lücken für angeblich zu kleine Unternehmen bestehen oder die Unternehmen, die in Deutschland bzw. Europa nur Online-Handel betreiben. Wichtig ist, dass wir jetzt ein Lieferkettengesetz bekommen, damit das Zeitalter der Freiwilligkeit und in gewisser Weise auch der Beliebigkeit beendet wird, gleiche Regeln für alle. Das würde nicht weiter die Unternehmen benachteiligen, die schon eine ganze Reihe in Sachen Nachhaltigkeit und Menschenrechte bei der Arbeit machen.

Kultur Joker: Inwiefern wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf die immer noch prekären Arbeitsbedingungen der Textil– und Schuhindustrie, insbesondere in Asien, aus?

Berndt Hinzmann: Die Auswirkungen sind, dass Menschen von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit waren, dass sie ausstehende Löhne nicht bekommen haben, dass sie gezwungen worden sind, bestehende Verträge, wenn es diese gab, aufzukündigen, dass sie nicht vernünftig entschädigt wurden – und das nicht nur in der klassischen Modeindustrie, sondern auch in der Schuh- und Lederindustrie.
Die Bilder aus Indien von zahlreichen Wanderarbeiter*innen, die ohne jegliche Unterstützung und Geld in der Tasche in ihre Heimatorte zurückgeschickt wurden, gingen ja durch die Medien und eine Vielzahl dieser Menschen ist nun durch den Wegfall dieser oft einzigen Einnahmequelle gezwungen Kredite aufzunehmen, die mit hohen Zinssätzen zurückgezahlt werden müssen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Das sind die unmittelbaren Auswirkungen, da Unternehmen in den ersten Phasen der Pandemie ihren Pflichten nicht nachgekommen sind. Georderte Aufträge wurden nicht abgenommen oder nicht bezahlt. Teil der gängigen Einkaufspraxis ist, dass Zulieferbetriebe das Material aber auch Produktionskosten vorfinanzieren und dass die Bezahlung erst Wochen oder Monate nach dem Abverkauf in den Läden in Europa erfolgt. Nachhaltiger und fairer Einkauf oder ein zufriedenstellendes Geschäftsmodell sieht anders aus. Hier braucht es ein neues Normal und eine Abkehr von der gängigen Praxis.
Die Covid-19-Pandemie und die abrupte Lockdown-Situation hat nun dazu geführt, dass die gängige Praxis, Kosten und Lasten auf die Zulieferer abzuschieben, nochmals verschärft wurde. Und wenn Du keinen Lohn zum Leben verdienst, kann für eine Krise auch nichts zurückgelegt werden. So trifft es die Menschen noch massiver. Deshalb braucht es eine Umkehr und eine Abkehr; es braucht ein neues Normal, das anders umgeht mit der Kostenteilung, anders umgeht damit, wohin Lasten abgeschoben werden, bzw. dass Lasten gar nicht erst abgeschoben, sondern gemeinsam getragen werden.

Kultur Joker: Am 3. März hat das Bundeskabinett einen Entwurf für das bereits angesprochene Lieferkettengesetz beschlossen, das Unternehmen zur Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten, ökologischen Standards etc. entlang ihres gesamten Wertschöpfungsprozesses, sprich von der Produktionsstätte bis zum Endverkauf, verpflichtet. Wird damit der Umbruch in der Modeindustrie auf den Weg gebracht?

Berndt Hinzmann: Die grundsätzliche Ausrichtung des Lieferkettengesetzes ist richtig, weil es die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte fokussiert und weil es die OECD-Leitsätze für globale Lieferketten im Blick hat – da geht es um Menschenrechte bei der Arbeit, da geht es um die Umweltaspekte, wenn auch beide Aspekte in der derzeitigen Fassung noch viel mehr gestärkt werden könnten.
Es gibt eine ganze Reihe guter Elemente in diesem Gesetzesentwurf, für uns als Zivilgesellschaft ist aber klar, dass der Wirkungsbereich eigentlich weiter sein müsste. Zum Beispiel sind Onlinehändler wie Amazon in der derzeitigen Fassung noch nicht mit berücksichtigt. Angesichts des Trends, dass Fashion immer mehr im Onlinebereich stattfindet, müsste man über eine Betriebsstättenregelung nachdenken, also dass nicht bloß in Deutschland ansässige Unternehmen, sondern die, die ihren gesamten Handel hier betreiben auch mit erfasst werden, denn letztere fallen nicht darunter.
Auch der Wirkungsbereich, also die Grenze ab wievielen Beschäftigten ein solches Gesetz wirksam wird, ist im Moment mit ab 1000 Mitarbeiter*innen viel zu hoch, da wäre der ursprüngliche Vorschlag mit 500 deutlich besser. Aber da muss man auch sehen, dass so ein Gesetz eine Anlaufzeit braucht und bestehende Lücken dann mit Novellierungen geschlossen werden können.
Wenn es also ein wirksames Lieferkettengesetz sein soll, muss ein level play field geschaffen werden. Denn bestimmte Probleme werden hier nicht durch einzelne Unternehmen gelöst, sondern durch einen strukturellen Wandel und ein gemeinsamens Handeln, dass strukturelle Missstände bekämpft und verhindert, damit es nicht erneut zu Katastrophen kommt. Denn man kann sagen, dass die Covid-19-Pandemie in anderer Weise eine ähnliche Katastrophe wie Rana Plaza, Ali Enterprises etc. darstellt.

Kultur Joker: Was können kritische Endverbraucher*innen denn mit diesem Wissen nun konkret tun?

Berndt Hinzmann: Als einzelne Person kann die Initiative Lieferkettengesetz, zu der auch INKOTA gehört, stark unterstützt werden, denn wir erleben weiterhin massiven Protest von Wirtschaftsverbänden, obwohl der Entwurf des Gesetzes zur Verabschiedung vorbereitet wird.
Die Bundestagsabgeordenten u.a. des Wahlkreises können kontaktiert werden, damit diese sich für eine gesetzliche Regelung einsetzen, denn Freiwilligkeit bringt nicht die Veränderung zur Nachhaltigkeit und der Einhaltung von Menschenrechten bei der Arbeit. Und ich glaube, dass es in einem größeren Maßstab eine Veränderung – Stichwort Fashion Revolution – braucht. Eine Revolution in der Modeindustrie ist weiterhin notwendig. Die beste Alternative zur gängigen Fashion Praxis sollte nicht weiterhin sein, nackt zu gehen, sondern tatsächlich faire Mode zu haben, die dem Wort Substanz gibt: Nämlich faire Löhne, Umweltschutz, Einhaltung von Menschenrechten etc. Da muss noch mehr getan werden und vor allem länger als eine Woche lang Fashion Revolution.

Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen zum Thema findet:

www.inkota.de

www.saubere-kleidung.de

www.fashionrevolution.org

Bildquellen

  • Fashion Revolution Week: INKOTA-netzwerk_CYS, Akash
  • Fashion Revolution Week: INKOTA-netzwerk_CYS
  • Fashion Revolution Week: INKOTA-netzwerk_CYS
  • Berndt Hinzmann: INKOTA-netzwerk_CYS